Aufruf: Wir brauchen euch für #Heimkino, Teil 2!

Ihr erinnert euch?

 

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(Hintergrund zur Entstehung dieses Films: bitte hier entlang.)

#Heimkino, der Deutschlernfilm für Asylbewerber, geht in die zweite Runde. Durch den aktuellen Transferstopp benötigen wir mehr Material und damit noch einmal eure Hilfe. Zur Erinnerung: Es geht darum, dass ihr kurze deutsche Sätze sagt, euch dabei filmt (Webcam oder Handy-Kamera sind völlig ausreichend) und mir diese Filmchen zukommen lasst. Die Erfahrung der letzten Wochen hat gezeigt, dass ein Film sehr hilfreich bei unserem Deutschunterricht im Flüchtlings-Camp ist. Es wäre großartig, wenn du Markus und mich bis zum Wochenende noch einmal mit ein paar Sekunden deiner Zeit unterstützen würdest.

Jetzt die Details. Bitte achte auf folgende Rahmenbedingungen, da wir das Video sonst wahrscheinlich nicht verwenden können:

  • Filme bitte im Querformat. Kein Handy-Hochformat!
  • Wir haben diesmal keine Zeit für den Schnitt. Das bedeutet, dass du nach Start der Aufnahme direkt loslegen solltest. Frisur richten, langes Hinsetzen, Räuspern – das alles können wir diesmal nicht wegschneiden. Bitte füge auch keinen zusätzlichen Text ein! Das gleiche gilt für das Ende der Aufnahme. Und keine Angst, nichts muss perfekt sein.
  • Bitte haltet euch exakt an den Text (siehe unten). Die letzten Deutschstunden haben gezeigt, dass es verwirrt, wenn man „Guten Tag“ gelernt hat, aber ein „Hallo“ hört. Ihr macht es den Lernwilligen viel einfacher, wenn ihr den Text nicht verändert und nichts hinzufügt.
  • Gesichter sind toll und wirken sympathisch. Habt Mut und zeigt euch selbst.
  • Wir benötigen die Videos bis Samstag (13.09.2014) Mittag. Spätere Einsendungen sind willkommen, könnten aber evtl. zu spät sein.

Ladies und Gentlemen, nun die Lektionen, die nächsten Dienstag dran sein sollen:

  • Gezeigt werden immer drei Dinge, die mit „Das ist…“ präsentiert werden.
  • Von diesen Dreierpacken gibt es insgesamt drei Durchgänge. Es werden also insgesamt neun Vokabeln vermittelt.
  • Wir benötigen: 1 Video mit „Das ist ein Apfel. Das ist ein Brot. Das ist Wasser.“ 1 Video mit „Das ist ein Telefon. Das ist ein Stift. Das ist ein Zettel.“ 1 Video mit „Das ist eine Gabel. Das ist ein Messer. Das ist ein Löffel“ Bitte NICHT 9 Videos. Bitte NICHT 1 Video mit 9 Dingen.
  • Jetzt geht es zu den Farben. Bitte zeigt etwas in den Farben Blau, Rot, Grün, Gelb, Schwarz und Weiß. Gesprochen werden die Worte „Das ist blau. Das ist rot. …“ Hier bitte 1 Video machen. Solltest du nicht alle Farben vorrätig haben, lass einfach einzelne Farben aus. Kräftige und eindeutige Farben sind vorzuziehen, denn wir wissen nicht, wie gut der Beamer vor Ort die Farben darstellen wird.
  • Zum Schluss sind noch „Ja“ und „Nein“ dran.
  • Untern Strich haben wir also 5 Videos: 3 Videos, die jeweils 3 Dinge zeigen, 1 Farb-Video und 1 Ja-Nein-Video.
  • Du kannst natürlich auch nur bei einem Video mitmachen. Jedes Filmchen ist eine große Hilfe.

Wenn du tatsächlich bis hierhin gelesen hast, bleibt die Frage, wie wir an das Video kommen. Hierzu gibt es mehrere Möglichkeiten:

  • Lade es in Google-Drive unter https://drive.google.com/folderview?id=0Bw6aT0AUFtF8SVBobjJ0bXlXUVk&usp=sharing hoch.
  • Lade es in deiner Dropbox hoch und lass uns den Link zukommen.
  • Nix dabei? Melde dich bei uns und wir finden eine andere Lösung.
  • Ein Upload bei Facebook ist toll, um das #Heimkino-Projekt bekannt zu machen, wir können es aber leider nicht herunterladen. Wir benötigen in diesem Fall die Filmdatei trotzdem auf einem anderen Weg.

Wir sind sehr gespannt auf eure Einsendungen. Und im Voraus schon einmal herzlichsten Dank für die Unterstützung!

Deutsch für Geflüchtete (4): Heute erzählt Markus

Seit Markus und ich den Deutschkurs für Geflüchtete begonnen haben, ist uns beiden klar: Die vielen Eindrücke, Emotionen und Erfahrungen müssen nach Ende eines Dienstagabends irgendwo hin. Wir haben beide jedes Mal den Drang, über all das zu reden, weshalb wir immer noch ein paar Stunden zusammenbleiben und uns austauschen. Aber Schreiben hilft eben noch mehr, zu kanalisieren, was im Kopf Chaos macht, als “nur” zu reden. Diese Woche erzählt Markus hier von den Erlebnissen des vierten Deutschkurs-Tages. 

Ich heule ein bisschen, während ich seinen Text hier einstelle. Aber das ist okay. Wir sind ja keine Roboter. Und wollen es auch gar nicht sein.

I’m a blessed man

von Markus Möller

Transferstopp! Niemand verlässt das Übergangsheim für Asylbewerber zu seinem Bestimmungsort, an dem er letztlich auch nichts anderes machen kann, als auf das Ergebnis seines Asylverfahrens zu warten. Der Stillstand im Transfer sorgt dafür, dass die Nerven der Bewohner an diesem Ort, der nicht einmal im Entferntesten an eine Jugendherberge erinnert, blank liegen. Auch für unseren Deutschkurs stellt die Situation Julia und mich vor neue Herausforderungen. Nie haben wir einen Gedanken an weiterführenden Lektionen verschwendet. Nun finden wir „Dauergäste“ für mehrere Wochen vor.

Vielleicht ist es aber genau diese Vertrautheit und die aufkommende Routine, die dazu führt, dass die heutige Unterrichtseinheit die wohl bisher beste werden sollte. Langsam schaffen wir es, aus dem #Heimkino-Film, bei dem uns viele Freunde so wundervoll unterstützen, und unserem Improvisationsvermögen so etwas wie ein didaktisches Konzept zu entwickeln.

Letztlich sind es dann aber nicht die guten Lernerfolge, die diesen Abend im Asylbewerberheim unvergessen machen.

Kritik

Nachdem wir den Unterricht nach knapp einer Stunde beenden, um wenige Minuten später für Interessierte noch das deutsche Alphabet dranzuhängen, muss ich den Raum verlassen, um nicht komplett im Schweiß zu zerfließen. Der Raum ist wie immer überhitzt und stickig. Das Erste, das mir auffällt, als ich über das Außengelände schlendere, ist, wie seltsam heimisch ich mich mittlerweile an dem Ort fühle, an dem ich niemals heimisch sein möchte. Gerade im Vergleich zu meinem ersten Besuch vor einigen Wochen, bei dem ich mich von der Presse hab mit reinschmuggeln lassen, wirkt alles merkwürdig vertraut.

Kinder winken, Bewohner grüßen. Einige kennen meinen Namen. Ihren kenne ich nicht. Ein junger Mann fragt, unter Zuhilfename des einzigen gemeinsamen Wortschatzes „Doktor“, ob ich Arzt sei. Ich verneine und er schafft es, mir sprachlos zu versichern, dass mit ihm aber alles in Ordnung sei. Er habe lediglich eine Frage zur bevorstehenden Impfung.

Ich gehe im Gewusel weiter, vorbei an der Kantine Richtung Verwaltung. Es gehört wohl zu dieser neuen Vertrautheit, dass ich den Gebäuden mittlerweile ihre Funktion zuordnen kann.

In der Ferne entdecke ich einen Mann, der mir bekannt vorkommt. Er half mir vor zwei Wochen, als wir uns ein wenig hilflos mehr als 100 Lernwilligen gegenüber sahen und dabei keine besonders gute Figur machten, als Übersetzer. Die Angabe „ca. 30-jähriger Iraker“ wird nutzlos, wenn man weiß, dass ich im Erraten des Herkunftslandes ähnlich schlecht bin wie beim Schätzen des Alters. Er ist groß und dünn, wirkt dabei aber bei weitem nicht so schlaksig, wie ich es war, als ich selbst noch diese beiden Eigenschaften vereinte. Sein Auftreten wirkt kompetent, besonnen und respektvoll willensstark. Das halbe Dutzend Männer, das er im Schlepptau mit sich führt, als wir uns einander nähern, lassen ihn wie eine Art Dorfältesten erscheinen, obgleich sein Alter etwas anderes sagt.

„Marhaba“ grüße ich und hoffe, dass meine grauenvolle Aussprache meinen Gruß nicht zu einem Schimpfwort verkommen lässt. Er antwortet mit „Guten Tag“. Ist es vermessen, sich einzubilden, dass er das vielleicht von uns gelernt hat? In einem perfekten Englisch spricht er mich auf den Deutschkurs vor zwei Wochen an. Ich genieße das Gespräch. Warum genieße ich ein Gespräch, in dem jedes einzelne Wort mir sagt, was bei der Massenlernstunde schlecht gelaufen ist? Dass es viel zu viele Leute waren. Dass man so nicht lernen könne. Dass man mehrere Lehrer, mehrere Klassen braucht. Dass Kinder für Unruhe sorgen. In einem ruhigen Ton fordert er Dinge, ohne dabei fordernd zu wirken. Es ist wohl das Bild dieses Mannes, mit dem man den Wikipedia-Artikel zu „konstruktiver Kritik“ bebildern müsste.

Ich bedanke mich für sein Feedback. Und gebe ihm Recht. Er hat Recht. In jedem seiner Punkte. Ich sage auch, das „Teacher“ nicht unsere „Profession“ sei. Obwohl ich nie überschwängliche Dankbarkeit erwartet habe, ist es genau das, was mein „We are volunteers“ urplötzlich auslöst. Obgleich dies keine Entschuldigung für einen schlechten Unterricht ist, ist beiden Seiten mit einmal Mal klar, dass das Gespräch keine Fortsetzung benötigt, als das bekannte Gesicht an uns vorbei läuft, das ein wenig der heimliche Grund meines Ausflugs in das Getümmel auf dem Außengelände war.

Der 26-jährige Syrer, der in den letzten Wochen mit Eifer dabei war und uns beim Unterricht half, war diesmal nicht dabei. Ich bin froh, ihn zu sehen. Falscher Raum, falsche Zeit, Missverständnis. Auch ihm ist seine Freude anzusehen, uns doch noch im üblichen Chaos gefunden zu haben. Zusammen gehen wir zurück in den Unterrichtsraum. Das deutsche Alphabet wartet.

Markus, he’s a blessed man

Das Alphabet läuft überraschend gut. „A” vs. „Ä”, „E” vs. „I”, „B” vs. „P”. Während Julia die Buchstaben auf dem Laptop tippt, um sie auf die Leinwand zu projizieren, fühlt es sich so wunderbar respektvoll ulkig an, die Laute zu formen – und formen zu lassen.

Auch diesmal hilft uns unser neuer syrischer Freund, als wir am Ende mit Sack und Pack das Gelände verlassen, vorbei an Sicherheitspersonal, das nicht einmal versucht, beschäftigt auszusehen. Wir beschließen, zu dritt den Abend in der City ausklingen zu lassen.

Und so sind es schließlich die Geschichten und Fotos von einer Flucht, die so unbegreiflich erscheint, die an diesem Abend hängen bleiben. Raus aus Syrien. Weg aus dem Krieg. In den Libanon, mit dem Flugzeug nach Albanien, zu Fuß durch die Wüste, Libyen, mehrtägige Schiffsreise, Europa. Ich kann nur erahnen, was den jungen fröhlichen Burschen auf den Handy-Foto, das von früheren, von glücklichen Tagen erzählt, von dem Mann unterscheidet, der es mir zeigt.

Ich sehe die jüngere Schwester, deren Wunsch es ebenfalls ist, einem Krieg zu entkommen, dessen Sinn sich auch der eigenen Bevölkerung schon lange nicht mehr erschließt. 9.000 Euro sind es letztlich, die sie von dem Privileg abhalten, um ihr Leben rennen zu dürfen.

Ein Bild zeigt die Mutter, die vor dem Haus sitzt. Eine Bombe hat dafür gesorgt, dass die Grenzen zwischen Innen und Außen wie bei einem Puppenhaus verschwimmen. Nur ein hellgrauer Schutthaufen zeugt davon, dass dort einmal eine Außenwand gestanden haben muss. Es folgt ein Bild des Vaters, der mich an meinen eigenen Vater erinnert.

Ich selbst zücke mein Handy und zeige Aufnahmen von meiner Familie. Frau, Tochter – noch während ich nach einem Bild meines Sohnes suche, sagt der stets freundlich-fröhliche Syrer über mich zu Julia: „He’s a blessed man“.

Ich verstehe, als ich Bilder von Panzern sehe, die durch die Straßen rollen, dass ich nicht verstehen kann. Erst neulich hat seine Schwester ein Lebenszeichen gesendet. Das Internet hält beide, auch Tausende Kilometer voneinander entfernt, zusammen. Das neuste Bild aus der Heimat zeigt das Nachbarhaus. Nur unweit der eigenen Familie ist eine weitere Bombe eingeschlagen und hat einen Schutthaufen hinterlassen. Ich traue mich nicht zu fragen, ob der staubige Schutthaufen das einzige Opfer ist.

Ich bin mude*

Die Wände im Unterrichtsraum sind bedeckt von Bildern, Zeichnungen und in Worten gefassten Wünschen der Bewohner/-innen des Heims. Dies ist eines davon.

Die Wände im Unterrichtsraum sind bedeckt von Bildern, Zeichnungen und in Worten gefassten Wünschen der Bewohner/-innen des Heims. Dies ist eines davon.

Dienstagnacht ist der Schlaf unruhig. Daran habe ich mich gewöhnt. Zu vielfältig sind die Eindrücke, die die Besuche im Flüchtlings-Camp hinterlassen. Heute ist es 3:20 Uhr, als mein unruhiger Schlaf unterbrochen wird. „Ich bin mude“ höre ich noch den Deutschkurs im Chor sprechen. Ja, verdammt noch mal, ich bin müde! Schlafen kann ich trotzdem nicht.

Es sind die Bilder wie die des alten Kutters, auf dem ich Platz für 20 Menschen vermutete. 120 Leute waren es letztlich, die zusammengepfercht die mehrtägige Fahrt übers Meer wagten.

Ich fange an zu überlegen, ob ich 9.000 Euro für eine Flucht zusammenbekommen könnte. Bekomme ich 36.000 Euro für die komplette Familie zusammen? Und sind 9.000 Euro für syrische Verhältnisse nicht viel mehr als für uns?

Wie viel Kohle könnte ich für mein Überleben zusammenkratzen. Zwanzigtausend? Fünfzigtausend? Hunderttausend? Und wie schaffe ich es, dies so geheim zu tun, damit niemand erfährt, dass ich desertieren möchte? Das Auto könnte ich verkaufen. Es würde aber nicht viel bringen. Das Haus vielleicht. Das bräuchte ich ja nicht mehr. Wie viel bekommt man wohl für ein Haus in einem Kriegsgebiet? Wie viel, wenn es zerbombt ist?

Ich merke, dass meine Vorstellungskraft für solche Überlegungen nicht ausreicht. I’m a blessed man.

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*Anmerkung zu “mude”: Es sorgt von Woche zu Woche für viel Erheiterung aller Beteiligten, wenn die meist arabischsprachigen Schülerinnen und Schüler versuchen, die deutschen Umlaute “ä”, “ü” und “ö” auszusprechen. Für noch mehr Erheiterung sorgt es bei unseren Gegenübern nur noch, wenn Markus und ich versuchen, arabische Wörter zu sagen …

Deutsch für Geflüchtete (3): Vom Chaos zum #Heimkino

In der letzten Woche hab ich gegen meine ursprünglichen Pläne nicht über den Deutschkurs für Geflüchtete berichtet. Denn wieder einmal: Es kam alles anders als geplant. Es gab nicht viel zu berichten außer: Was geplant war, hat nicht funktioniert. Die Zeit ging für die Umsetzung eines Plan B drauf. Das war wichtiger als zu bloggen. (Da mittlerweile noch ein dritter Termin stattfand und man aus einer dreifachen Wiederholung wohl eine Regel ableiten kann, möchte ich behaupten: Dass es nie wird, wie die Vorstellung im Vorfeld glauben lässt, ist scheinbar die Normalität bei diesem Deutschkurs-Projekt.)

Hätte, hätte, Fahrradkette …

Wenn denn beim zweiten Termin die Realität meinen Plänen gefolgt wäre (ist sie nicht), dann hätte ich versucht, mehr Interaktion in den Kurs zu bringen. Hätte aus den Kommentaren unter dem letzten Blogpost eine der Ideen abgewandelt und ein Spiel mit Bildern ausprobiert, bei dem alle abgebildeten Gegenstände einmal durchgesprochen worden wären und die Teilnehmer/-innen des Kurses danach die dazugehörigen Namen hätten wiedererkennen sollen. Aber:

Anders als beim Premierentermin war der zweite Kurs dank tatkräftiger Unterstützung hilfreicher Übersetzerinnen aus dem Netzwerk Texttreff dieses Mal in sechs Sprachen auf einem Aushang angekündigt. Und weil Menschen in einem fremden Land durchaus großes Interesse daran haben, ein paar Grundbegriffe der neuen Sprache zu lernen, war der Andrang gigantisch. Vorsichtige Schätzungen gehen von 100 Personen aus, die im Raum standen, ich glaube eher an 120: Alle Altersstufen. Das totale Chaos. Was macht man dann? Schickt man 100 Menschen aus dem Raum und lässt 20 Personen mitmachen? Wie wählt man aus? Was für eine Art Willkommensgeste ist es, wenn man die meisten Interessierten abweist?

Ein großes Glück war es, dass genau in dieser letzten Woche mein Freund Markus Möller beschlossen hatte, mich mal zum Kurs zu begleiten. (Und übrigens nach dem Kurs beschlossen hat, fest ins Projekt einzusteigen. Vier Schultern, zwei Köpfe, vier Augen, zwei Münder – das macht alles soooo viel einfacher!)

Irgendwie haben wir uns durch den Chaos-Abend gemogelt, haben über den Geräuschpegel hinweg Bilder gezeigt und laut Vokabeln gerufen. Die ganz ehrgeizigen Lernwilligen (und davon gibt es sehr viele) kamen nach unserer wilden Stunde zu uns uns baten noch mal um einzelne Vokabeln und Phrasen, Aussprachehilfen und Informationen. Bei wenigen Anwesenden waren wir so wenigstens hinterher sicher, dass wir ein paar Inhalte übermitteln könnten. Aber alles in allem war klar: So ein Chaos bringt niemandem etwas.

Arabisch Handy

Ein syrischer Teilnehmer hat am Chaos-Abend in sein Handy deutsche Vokabeln, arabische Übersetzung und arabische lautmalerische Transkription geschrieben. Ich durfte es fotografieren!

Wie sollten wir Kleingruppen organisieren, trotz Sprachbarriere und vor allem: Bei mangelnden Ressourcen? 120 Menschen in 10er-Gruppen aufteilen, in denen sich wirklich gemeinsam arbeiten lässt? Für zwei Personen an einem Abend in der Woche: undenkbar. Auswahl treffen: nein, auf keinen Fall. Der ganze Mini-Sprachkurs ist ja vor allem als Aufmerksamkeit den neuen Nachbarinnen und Nachbarn im Übergangswohnheim gegenüber gedacht; Selektion ist da undenkbar.

Eine Idee wird geboren: Das #Heimkino

Wenn das Interesse groß ist und die Ressourcen klein sind – dann kann es keinen klassischen Sprachunterricht geben, das war absolut klar. Will man niemanden abweisen, ist Interaktion (Sprachspiele, Dialoge) nicht möglich. Was ist die Alternative? Markus und ich überlegten herum, wie wir eine Art “Edutainment” (also eine Mischung aus Education – Unterricht – und Entertainment – Unterhaltung) konzipieren könnten. Jonglage, Feuerspucken, Gesangseinlagen – dazu fehlen uns die entsprechenden Talente. Unterhaltsamer Vortrag: Sprachbarriere. Aber wie wäre es mit einem Film, den man einer großen Gruppe gleichzeitig zeigen könnte? Einem lehrreichen Film (der aber auch irgendwie nett anzuschauen sein sollte), den man unterbrechen kann, um Phrasen mit der Gruppe im Chor nachzusprechen (vielleicht nicht die tollste didaktische Methode, aber wenigstens ein Anfang)? Ein Film, der Alltagssituationen zeigt und die dazugehörigen Alltagssätze vermittelt?

Kino im Heim – ein Heimkino!

Aber woher sollten wir den idealen Film bekommen? Gibt es so etwas schon? “Sesamstraße” auf YouTube suchen? HALLO?? Sesamstraße für Erwachsene? Pffft! Unser Ziel war immer: Respektvoll sein, Willkommenskultur gestalten, gute Gefühle bei allen Beteiligten erzeugen. Mit Kinderkram würden wir uns nicht wohlfühlen – und die erwachsenen Menschen vor uns vermutlich auch nicht.

Ehrlich gesagt haben wir uns mit der Recherche nach sinnvollem Filmmaterial gar nicht lange aufgehalten. Hatten sich den August über nicht jede Menge Menschen für die gute Sache weltweit freiwillig Eiswasser über den Kopf geschüttet (#IceBucketChallenge) und sich dabei gefilmt, weil neben der Spendenaktion für ALS eine Videoaktion mit kleinen Mitteln auch einfach Spaß macht? Könnten wir das nicht irgendwie für uns nutzen? Nutzen, dass wir viele hilfsbereite Menschen kennen, die uns Videoschnipsel schicken könnten (ganz simpel gemacht, mit der Smartphone-Kamera oder der Webcam) und wesentliche Phrasen für uns einsprechen: “Guten Tag”, “Ich heiße …”, “Bitte”, “Danke” die Zahlen von 1 bis 10 und eine Verabschiedung?

Die Idee entstand letzten Donnerstag, wir brauchten einen Film-Prototypen bis zum darauffolgenden Dienstag: Das war nicht ganz ohne. Wir haben viel Filmmaterial bekommen (ich glaube, ich habe knapp 100 Videodateien gezählt), die mussten erst mal übermittelt werden (selbst kleine Handy-Videos sind schnell zu groß für E-Mail-Übermittlung), gesichtet und sortiert werden – und Rührung, die musste andauernd bekämpft werden! Mit Liebe waren alle Videos gemacht, und aus allen sprach ein unglaublich herzliches “Willkommen”  für die Gäste, die erst seit Kurzem in Deutschland sind und noch im Übergangsheim leben. (Ich hab ja schon im letzten Beitrag festgestellt, dass Rührung nicht grad dabei hilft, effektiv zu sein. Also hieß es ständig: Gefühlsduselei runterschlucken, weiterarbeiten!)

Weil wir in unserer Bitte um Videoschnipsel wenig Vorgaben gemacht haben, konnten wir schließlich nicht alle Beiträge gebrauchen – manche zeigten Vokabeln für Lebensmittel, für Farben, für Tiere … Das wäre ein bisschen zu viel des Guten an Vokabular geworden. (Wie viele arabischen Vokabeln könnten wir in einer Stunde lernen? Eben!) Manches ist uns in der kopflosen Hauruck-Aktion auch einfach verloren gegangen. In einer sonntäglichen, ziemlich konzeptlosen 6-Stunden-Schneidesitzung (DANKE noch mal an Herrn Funk, den YouTube-Physiker, der Lichtgeschwindigkeit in Mikrowellen messen kann) haben wir einen knapp 9-minütigen Film zusammengekloppt. (Um hinterher zu merken, dass wir Beiträge hatten, die auch noch perfekt hineingepasst hätten. Dickes Sorry an diejenigen, die uns mit Liebe und Mühe Material geschickt haben, das es nicht in den Film geschafft hat!)

Um einen Film tat es uns sehr, sehr leid, der einen Hund zeigte, der netterweise seine Pfote so bewegte, dass es wie Winken aussah, und der sein Maul bewegte, während eine Stimme aus dem Off ihn “synchronisierte”. Von zwei Seiten gab es die Vermutung, dass vermenschlichte Tiere bei Menschen muslimischen Glaubens nicht gut ankommen würden. Aus Zeitnot sind wir dem Hinweis nicht nachgegangen, wollten aber kein Risiko eingehen und haben deshalb verzichtet.

Herausgekommen ist ein Film, in dem die Menschen unter anderem “Guten Tag”, aber vor allem vielfach auch “Willkommen” sagen:

 

Uraufführung: #Heimkino stellt sich seiner Zielgruppe vor

Ich weiß nicht, ob ich schon einmal erwähnt hatte, dass letztlich gern alles anders kommt als erwartet … Und das auch am Tag unserer Uraufführung:

Mit einer imposanten Ausrüstung – Laptop, Leinwand, Beamer, Boxen mit Subwoofer, einem halben Dutzend Decken, falls wieder viele Menschen kommen und wir den Fußboden zum Sitzplatz umfunktionieren müssen, vorsorglich gleich 180 Handouts*, Verlängerungskabeln und mehrere Taschen mit Kleinkram – rücken wir an. Um zu erfahren, dass unser Ansprechpartner im Heim nicht vor Ort ist und im allgemeinen Gewusel niemand weiß, was er mit uns anfangen soll. Es dauert gut 45 Minuten, bis sich geklärt hat, dass wir unser Programm durchziehen können.

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*Handouts: Zu sehen darauf: Alle Lernsequenzen des Films in einem Bild visualisiert und daneben der deutsche Ausdruck.

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Zu diesem Zeitpunkt warten unsere Schülerinnen und Schüler nicht mehr auf uns vor dem Unterrichtsraum. Deutsche Pünktlichkeit sieht ja nun wahrlich auch anders aus. Wir sind kurz davor, unsere Uraufführung – etwas frustriert – auf die kommende Woche zu verschieben, da treffen wir auf dem Außengelände die ersten bekannten Gesichter wieder. (Witzigerweise kann man auch ohne gemeinsame Sprache die Botschaft “Wir waren um 18 Uhr vor Ort, aber ihr wart nicht da, wir dachten schon, heute fällt es aus!” übermitteln.) Ein paar andere neugierige Gesichter sehen uns an, und wir machen mit Händen und Füßen klar, dass wir zusammen ein bisschen Deutsch lernen könnten, falls Interesse besteht. Unsere ganze Ausrüstung aufzubauen, scheint uns jetzt zu spät zu sein – aber wir haben ja die vielen Decken dabei; der Nachmittag ist trocken gewesen, ein bisschen Abendsonne scheint vom Himmel: Wir schlagen vor, uns gemeinsam auf den Rasen des Außengeländes zu setzen und ein bisschen Konversation zu treiben!

Die Idee wirkt mit unserer kleinen, vor allem aus aufgeweckten, offenen Frauen bestehenden Gruppe ziemlich gut. Aber eine Picknickdecken-Atmosphäre haben wir nur wenige Minuten lang. Schon stehen wieder mehrere Dutzend Menschen um uns herum, die wissen möchten, was wir dort machen. Also entsteht im Handumdrehen wieder Lautstärke und Chaos.

Aber auch ein Entschluss: Jetzt lohnt es sich doch noch, das #Heimkino uraufzuführen. Im Deckenkreis mit gut 50 oder 60 Umstehenden turne ich mit tatkräftiger Unterstützung eines syrischen Bekannten (er hatte uns schon in der Vorwoche wunderbar unterstützt und für uns gegen alle Lautstärke ins Arabische übersetzt; das abgebildete Handy-Display gehört ihm) “Guten Tag”, “Ich heiße …” “Bitte schön” und “Danke schön” vor, während Markus das Film-Equipment aufbaut. Weil die Menschen viel näher bei mir stehen als in dem großen Raum in der Vorwoche, hält sich das Chaos sogar in Grenzen. Bestimmt hören nicht alle, was wir da vorsprechen, aber wenigstens die Sitzenden und die, die besonders nahe bei uns stehen. Meine 180 Handouts verschwinden tatsächlich komplett – nicht, weil so viele Menschen anwesend sind, sondern weil meine Aufforderung, einen Stapel Papiere zu nehmen und rumzugeben, bis alle Anwesenden genau ein Exemplar haben, nicht verstanden wird. (Allerdings haben wir später Menschen gesehen, die mutmaßlich nicht zur chaotischen Lerngruppe gehört hatten, und sich mit unseren Zetteln Vokabeln einzuprägen versuchten – möglicherweise haben die Materialien sich ja doch ganz gut unter der Bewohnerschaft verteilt!)

Ganz happy bin ich aber, als Markus nach 20 Minuten wieder auftaucht und sagt, unser Vorführraum sei nun bereit. Gegen Stimmengewirr anzuschreien, macht wenig Spaß, und für die, die aufmerksam zuhören wollen, tut es mir einfach viel zu leid, wenn es keine ruhige Lernatmosphäre gibt. Also geht es nun mit allen (oder zumindest denen, die verstanden haben, dass der Kurs nicht vorbei ist, sondern nur ein Ortswechsel ansteht) in den Unterrichtsraum.

#Heimkino: Was gut geklappt hat

  • Man darf auch mal die Technik loben: Die Lautsprecher haben gute Dienste geleistet! Die Sätze waren so gut zu hören, wie wir es mit unseren Stimmen ohne Verstärkung nie geschafft hätten! Bild war klar und auf der Leinwand groß genug zu sehen. Bingo, die Idee war grundsätzlich gut!
  • Die Sequenzen (wir haben den Film nicht als Ganzes gezeigt, sondern haben nach jeder Lerneinheit unterbrochen und im Chor wiederholt) waren inhaltlich gut geeignet. “Ich habe Durst” vor “Bitte” und Danke” dürfte die meisten mehr verwirrt haben als ihnen weiterzuhelfen, aber das dürfte nicht gravierend gewesen sein.
  • Wir sind recht sicher, dass der Film als Gemeinschafts-”Willkommens”-Projekt auch so verstanden wurde: Auf Englisch haben wir es selbst erklärt, unser syrischer Bekannter hat es dann für die Gruppe auf Arabisch übersetzt. Natürlich werden Menschen anwesend gewesen sein, die weder Englisch noch Arabisch können, aber ich hoffe, der Film sprach für diejenigen auch für sich selbst!
  • Leider muss ich zugestehen: Gut war, dass der anwesende Mitarbeiter der Heimleitung, der uns dieses Mal unterstützend zur Seite stand, entschieden hat, die Kinden nicht mit in den Unterrichtsraum zu lassen. Zwar war gut ein Dutzend Kids mit Feuereifer noch auf der Wiese dabei, als wir die simplen Sätze übten, aber für die Lernatmosphäre im Raum war es besser, dass die Kleinsten nicht dabei waren. (Zur Beruhigung: Für die Kids gibt es tagsüber Kinderprogramm in einer extra eingerichteten Kinderstube – inklusive Sprachenlernen. Die Erwachsenen haben weniger Angebote, deshalb konnten wir mit dieser kleinen Ungerechtigkeit letztlich doch leben. Bloß: Wir hätten es nicht übers Herz gebracht, diese Separierung auch selbst durchzusetzen … Das wird in der Zukunft ein echtes Problem, fürchte ich. Große, enttäuschte Kinderaugen, die wissen, es gibt jetzt einen Film, aber sie dürften nicht dabei sein – ich halte so was nicht gut aus!)

Unsere Lernerfahrung für die Zukunft

  • Wir würden das Gemeinschaftsprojekt #Heimkino gerne fortsetzen – mit einer Version 2.0. Ist “Ich bin ein Mann”/”Ich bin eine Frau” wirklich ein wichtigerer Inhalt als “Wo ist der Bus?”/”Wo ist der Arzt?” Der Aufruf zum Schnipsel-Schicken war sehr spontan, nicht alle Vorschläge (von uns gemacht) waren didaktisch durchdacht, nicht alle Anregungen, die wir durch die Einsendungen aufgegriffen haben (“Gute Nacht”), sind überlebensnotwendig … Mit mehr Vorlauf und denselben (oder mehr) engagierten, tollen Menschen werden wir vielleicht einen Film zustande bringen, der nicht nur uns rührt, sondern auch den Sprachlernenden inhaltlich mehr bringt. ;-)
  • Wir sind mittlerweile mehrfach gebeten worden, das deutsche ABC beizubringen. Der Wunsch scheint dringend, gerade von Menschen, die zwar lesen können, aber nicht mit dem lateinischen Schriftsystem vertraut sind … Wir rätseln gerade herum, wie wir den Wunsch didaktisch sinnvoll erfüllen können.
  • Die Pausen zwischen den Filmsequenzen müssen wir irgendwie mit noch mehr Interaktion füllen. Die Leute gieren wirklich danach, die Phrasen auch zu üben. Da stoßen wir leider wieder an unsere Ressourcengrenzen …
  • Unsere gigantische Ausrüstung können wir nicht jedes Mal mitnehmen. Wir müssen irgendwie minimieren. Dafür strengen wir unseren Kopf aber erst nach dem nächsten Mal an. Wir haben echt Energie investiert vor dem letzten Dienstag, sowohl gedanklich als auch zeitlich – ein paar Probleme müssen halt erst mal Probleme bleiben, ehe wir sie lösen können.

Fazit: Es läuft alles irgendwie halbrund. Keine Routine. Aber ein guter Ansatz, der funktionieren kann. Und: Die Erfahrung, wie viele Menschen sich in kurzer Zeit mobilisieren lassen, wenn es um eine Geste der Solidarität und der Hilfsbereitschaft geht, ist schlicht überwältigend. Es gibt mehr gute Menschen als blöde (oder Markus und ich kennen halt nur tolle …).

Deutsch für Geflüchtete (2): Der erste Kurs

Über mein erstes Deutschkurs-Erlebnis wollte ich eigentlich direkt nach meiner Rückkehr nach Hause schreiben – und es ging nicht. Ich war so voll mit Eindrücken, dass sie mich sprachlos gemacht haben. So voll, dass ich dringend Zeit benötigte, um einen Schritt zurückzutreten von all den vielen Gefühlen und Gedanken. Und vielleicht ist das sogar die stärkste Erkenntnis nach diesem ersten Tag:

Ich muss durchatmen und erst mal zurücktreten. Ein bisschen Distanz gewinnen.

Dass es wahrscheinlich ganz anders werden würde, als ich mir vorher ausgemalt hatte, hatte ich mir sogar ausgemalt – aber dann war es ein ganz anderes “Anders”, als ich hätte vermuten können.

Die Nachricht vom neuen Kurs hatte noch gar nicht wirklich die Runde im Heim gemacht, das hatte mir mein Ansprechpartner bei meiner Ankunft schon sachte beigebracht – um mich nicht am ersten Tag mit einem Ansturm zu überfordern, so deutete er an. Deshalb schien aber kaum jemand überhaupt von diesem Angebot erfahren zu haben. Bis wir gemeinsam den umfunktionierten Raum betraten – der eigentlich als Begrüßungszimmer für Neuankömmlinge dient -, hatten wir beide keinen blassen Schimmer, ob überhaupt jemand da sein würde.

Anwesend waren: zwei kleine Jungs. Den kleineren schätze ich auf 7 oder 8, den größeren auf höchstens 10. Zwei Kinder, sonst niemand: Damit hatte ich nicht gerechnet. Und war auch nicht wirklich kindgerecht vorbereitet.

Die beiden saßen da mit ihren großen, neugierigen Kinderaugen in diesen aufgeschlossenen, etwas schüchternen Kindergesichtern – und waren äußerst willig zu lernen. “Guten Tag”, haben wir als Erstes geübt. Das haben sie wunderbar hinbekommen. Ich wollte gerne die Tür auflassen, falls noch verspätete Interessenten kommen würden, mein kleinerer Schüler war entschlossen, sie zu schließen, weil es auf dem Flur sehr laut war und störende Geräusche ins Unterrichtszimmer drangen. Unser Kompromiss war, die Tür immer wieder zu öffnen und zu schließen, um auf diese Weise “auf” und “zu” zu üben – beim “zu” tat ich so, als würde ich meine Hand niesen, das fanden die beiden anscheinend ganz lustig und ahmten mich nach. “Guten Tag”, “auf”, “zu”, das bekamen wir ziemlich schnell hin, die beiden waren zum Niederknien pfiffig. Die Vorstellung der eigenen Identität gestaltete sich viel schwieriger, denn es gab jemanden, der beim “Ich heiße” versagte – und dieser Jemand war ich.

Während mein älterer Schüler einen Namen trug, dessen Klang mir vertraut war und den ich sofort wiederholen konnte, hatte mein kleiner Schüler einen Namen, an dessen Aussprache ich bis zum Schluss gescheitert bin. So sehr er sich bemühte, ihn mir vorzusprechen – ich konnte ihn einfach nicht zu seiner Zufriedenheit wiederholen. In seiner Verzweiflung, dass er es mit einer Schülerin zu tun hatte, die so schwer von Begriff war, schnappte er sich beherzt die Kreide und schritt zur Tafel:

Birjar

Tja …

Vielleicht kann mir ja jemand mit den entsprechenden Sprachkenntnissen verraten, wie dieser Name richtig ausgesprochen wird? Ich habe “Birjar” verstanden, aber anhand der dramatischen Gesten meines kleinen Gegenübers habe ich begriffen: So heißt er nicht.

Nach etwa 15 Minuten, die ausgereicht hatten für ein paar Wiederholungen von “Guten Tag”, “Ich heiße …”, “Wie heißt du?” und sehr vielen Wiederholungen von “auf” und “zu” (um sicher zu sein, dass die Kinder wirklich verstanden hatten, was wir da an der Tür lernen wollten, öffnete ich zur Sicherheit auch mal das Fenster, und klar, sie waren ja pfiffig, sie schafften  die Transferleistung sofort), bekamen wir Zuwachs von zwei erwachsenen Männer. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein Erwachsenen-Konzept gerade aufgeben wollen und wollte eigentlich beginnen, mit den beiden Kindern ein Spiel zu spielen, um an Spielfiguren Farben und Zahlen zu lernen. Dieser Cut – nun saßen zwei ziemlich kleine Kinder und zwei erwachsene Männer, die Englisch sprachen, vor mir – war nicht einfach. Immerhin: Die Männer konnten im Folgenden für die Kinder übersetzen, wenn ich sie darum bat.

Denn alle vier kamen aus Syrien – “Süüüüüürien, wie Tüüüüüüür.” “Sierien?” “Nein, Süüüürien.” “Siiiiirien.” “Süüüüüürien.” “Siiiiiirien?” “Süüüüürien.” “Süüüürien?” “Ja! Sehr gut!” “Ah: Sehr gut!” -, das hat die Gruppe dann doch wieder recht homogen gemacht. Für die Zukunft: Es wird wirklich sehr viel schwieriger, wenn die Gruppe keine gemeinsame Sprachbasis mehr haben sollte, das steht fest.

Unsere Gruppe ergänzte dann schließlich später noch ein weiterer kleiner Junge – Grundschulalter, auch etwa 8 Jahre alt. Kindercharme in Massen. Unfassbar, wie viel Neugier auf die Welt, wie viel Liebenswürdigkeit, wie viel Offenheit diese Kinder ausstrahlen. Kein Stören, keine Zappligkeit. Fast zu perfekt, um wahr zu sein.

Zwei Frauen steckten zwischendurch noch neugierig die Nasen durch die Tür. Ob sie teilnehmen möchten, fragte ich sie. Ganz überrascht die Antwort, dass sie gar nicht wussten, dass es diesen Kurs gibt, ob sie auch nächste Woche kommen dürften? Jetzt seien sie gerade “busy”. Klar können sie. Wenn sie dann noch immer auf ihren Transfer in der Erstaufnahmeeinrichtung warten, werden sie herzlich willkommen sein.

 

Was gut geklappt hat:

  • Meine Gruppe hätte nicht wissbegieriger, liebenswürdiger, sympathischer und eifriger sein können.
  • Keine Berührungsängste, was den Umgang mit lateinischen Buchstaben betraf: Die englischsprachigen Männer baten mich bei allen neuen deutschen Ausdrücken, dass ich sie für sie an die Tafel schreibe – und auch meine drei Mini-Schützlinge malten die Buchstaben eifrig ab. Ob sie schon vorher Kontakt mit lateinischer Schrift hatten, kann ich nicht einschätzen, ob sie lesen können, was sie da aufgeschrieben haben: Keine Ahnung. Aber sie waren mit so viel Feuereifer dabei, dass sie zumindest nicht gelangweilt wirkten.
  • Manche Phrasen ergaben sich einfach aus der Situation: So wie das “auf” und “zu” bei der ungelösten Türfrage (Lassen wir sie auf, machen wir sie zu?) auf der Hand lag. Ich stand zum Beispiel einmal ungünstig vor der Tafel, sodass meine Schüler die Schrift nicht lesen konnten. Mein strenger kleiner Lehrer, dessen Namen ich bis zum Schluss nicht aussprechen konnte, versuchte hilflos, mir klarzumachen, dass ich zur Seite treten müsse, damit er die Buchstaben weiter abmalen kann. Ich bat um “Entschuldigung” – und habe versucht zu erklären, dass “Entschuldigung” auch der Begriff ist, mit dem man jemanden darum bitten kann, vorbeigelassen zu werden.
  • Genau für diese Situation bat ich die Kinder, sich vor mich zu stellen. Mit dramatischen, übertrieben Gesten versuchte ich nun, mich an ihnen vorbeizuwinden, und sagte dabei “Entschuldigung” mit fragender Hebung meiner Stimme am Ende. Ich hatte den Eindruck, dass allen klar war, was ich ihnen verdeutlichen möchte. Ich spielte die Situation ein paar Mal vor, und irgendwann lösten sich die Fragezeichen in den Gesichtern auf.
  • Ziemlich sicher bin ich, dass mindestens “Guten Tag”, “Süüüüürien”, “Bitte”, “Danke”, “auf” und “zu” hängen geblieben sein könnten – wann immer ich diese Phrasen abfragte, konnten alle, einschließlich der Kinder, sie wachrufen. Auf die Frage “Wie heißt du?” bzw. “Wie heißen Sie?” wussten immerhin alle immer wieder sofort mit ihrem Namen zu reagieren – die Antwort “Ich heiße …” fiel jedoch allen bis zum Schluss schwer. Dass sie es am Folgetag noch sagen konnten, bezweifle ich. Ich habe aber die Hoffnung, dass sie immerhin die Frage verstehen würden, wenn sie an sie gerichtet wird.

Was noch besser werden muss:

  • Das Heim und ich sollten uns trauen, etwas offensiver über den Kurs zu informieren. Allerdings: Ich hatte schon bei meinen fünf Schützlingen das Gefühl, es sind genug Personen: Ich konnte grade noch immer wieder mit allen interagieren. Ich muss mir unbedingt ein anderes Vorgehen ausdenken, falls der Raum mal voll werden sollte.
  • Durch das Mini-Chaos, das durch die Nachzügler entstanden war, bin ich nicht mehr auf die naheliegende Idee gekommen, die Stuhlreihen aufzulösen und einen kleinen Stuhlkreis zu bilden. Das hätte nun wahrlich auf der Hand gelegen. So saßen die Erwachsenen in der zweiten, die Kinder in der ersten Reihe, und es gab keine schöne Gesprächssituation.
  • Die Idee mit dem kleinen Rollenspiel, bei dem ich die Kinder einbezogen habe, um “Vorbeigelassenwerden” zu demonstrieren, hat gut funktioniert.  Ich werde mir mehr solcher nachgestellter Situationen einfallen lassen, bei denen ich die Anwesenden einbeziehen kann.
  • Ich hasse es, an Tafeln zu schreiben: Es ist langsam und oft unleserlich. Große bunte Tonkartons sind die bessere Alternative, denke ich.
  • Mehr spielerische Elemente! Das könnte auch die Situation entspannen, wenn künftig mehr Menschen anwesend sind. Vielleicht fällt mir etwas mit Fangen, Werfen, Erraten .. ein. Es muss simple  Spiele mit wenigen Regeln geben, die man in einem Stuhlkreis spielen kann. Rechercheaufgabe bis zum nächsten Mal! Das ist vielleicht auch eine Methode, Kinder und Erwachsene gleichermaßen einzubeziehen, ohne dass die Kinder zu kurz kommen.
  • Ich brauche mehr Distanz. An diesem ersten Tag haben mich so viele Eindrücke bewegt, dass ich mich zeitweise geradezu gelähmt gefühlt habe. Das ist nicht produktiv und führt zu einer wehleidigen Abwärtsspirale. Da war zum Beispiel dieser Moment, in dem mir klar wurde: Wenn diese zauberhaften Kinder, die man so leicht ins Herz schließen kann, nicht hier wären – dann wären sie jetzt in Syrien. In Syrien, wo Bomben fallen und Fanatiker unbeteiligte Menschen abschlachten. Das war ein Augenblick, in dem ich fast aus der Rolle gefallen wäre. Und das hilft niemandem. Rührseligkeit hilft einfach nicht. Dann war da der Moment, in dem der Kurs schnell beendet werden musste, weil eine etwa 40-köpfige Gruppe Neuankömmlinge direkt aus dem Reisebus in unseren Unterrichtsraum – der ja eigentlich der Aufnahmeraum ist – gebracht wurde. Alle 40 Menschen liefen an mir vorbei – sahen müde aus, hatten sämtliche ihrer Habseligkeiten dabei, sahen orientierungslos aus, hatten ihre Babys teilweise in drei Decken gleichzeitig fest an den Körper gedrückt. Und alle sahen mich an, weil sie nicht wussten, wer ich bin, schauten mich furchtbar unsicher an, nickten mir unsicher zu … Und ich konnte nur verlegen lächeln, weil ich mich verlegen fühlte.  Aber Verlegenheit hilft so wenig wie Rührseligkeit, nämlich niemandem. Und dann war da der Moment, als ich nach dem Kurs meine erwachsenen Schüler vor der Tür des Gebäudes wiedertraf und die Geschichten der beiden erfuhr, die mich mitgenommen haben, aber die ich hier nicht erzählen möchte, weil es private Geschichten anderer Menschen sind. Geschichten, die nicht mir gehören. Nur eine kleine Erzählung möchte ich wiedergeben: Warum es ihm so wichtig sei, Deutsch zu lernen, erklärte der eine der beiden; er sei vor ein paar Tagen im Ort gewesen und wollte eine Frau auf Englisch nach dem Weg zur Bushaltestelle fragen, die Frau habe sofort ängstlich reagiert und abwehrend ihre Arme nach oben gerissen, ganz erschrocken habe sie gewirkt. Als er dann eines seiner deutschen Wörter benutzt habe, “Bahnhof”, da habe sie sich sofort beruhigt, habe ihn verstanden und ihm freundlich die Richtung gewiesen. Deshalb müsse er mehr Deutsch lernen, damit die Menschen keine Angst vor ihm haben, wenn er sie anspricht … In diesem Augenblick habe ich mich schuldig gefühlt. Weil ich doch nur so wenige, wenige Wörter für sein neues Vokabular habe, weil ich ihm gar nicht viel beibringen kann in der wenigen Zeit, die zur Verfügung steht. Und Schuldgefühle helfen nun mal auch keinem Menschen! (Außerdem sind sie albern, weil Asylsuchende ja einen Rechtsanspruch auf Sprachunterricht haben, der aber sinnvollerweise erst dann offiziell beginnt, wenn sie nicht mehr in der Übergangssituation eines Erstaufnahmeheims leben – das ist ja durchaus nachvollziehbar.)

Mein Fazit:

Es gibt noch viel Luft nach oben in allen Bereichen. Das Wichtigste ist aber erst mal: Mehr spielerische Elemente. Und mehr innere Distanz, die mir hilft, die lähmenden, sinnlosen und überhaupt nicht hilfreichen Emotionen loszulassen.

Nächste Woche geht es weiter. Ich habe immer noch Lampenfieber.

Deutsch für Geflüchtete: Am Tag vorher

Ich werde in dieser Woche beginnen, in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende einen Deutschkurs zu geben. Es ist ein bisschen anmaßend von mir, das zu tun, weil ich keinerlei qualifizierende Ausbildung für einen solchen Kurs habe. Ich hab nur ein bisschen Charme, eine gute Portion Sprachverständnis, ein Quäntchen Selbstvertrauen und ein Paket Hilfsbereitschaft. Sonst nix.

Ich werde versuchen, in den nächsten Wochen aufzuzeichnen, was ich im Kurs für eigene Erfahrungen mache, welche Ideen funktionieren, welche Ideen grandios scheitern, was ich richtig mache, was ich falsch mache. Ich hoffe, dass ich jedes Mal ein bisschen besser darin werde, den Asylsuchenden ein wenig für ihre ersten Schritte auf deutschem Boden mitzugeben. (Denn das Wohnheim, in dem ich den Kurs gebe, ist ihre erste offizielle Station in Deutschland, ein Warteplatz, von dem aus sich entscheidet, wo sie die Entscheidung über ihre Zukunft abwarten müssen.)

Rahmenbedingungen

Eigentlich habe ich keinerlei Ahnung, wie die Rahmenbedingungen aussehen. Bis zu 30 Personen könnten teilnehmen (was für einen Einführungskurs in eine Fremdsprache natürlich enorm viel, eigentlich viel zu viel wäre): Es könnten Akademiker/-innen darunter sein, die schon Erfahrung im Lernen einer Fremdsprache haben, es könnten Analphabet/-innen sein, die weder Englisch noch Französisch sprechen, es könnte eine Mischung aus Menschen mit hohem und niedrigem Bildungsgrad zusammenkommen, es könnten lauter Kinder anwesend sein … Vielleicht werden nur 3 Personen vor mir sitzen, vielleicht 30. Vielleicht können manche schon ein paar Brocken Deutsch, vielleicht niemand. Ich weiß, dass ich eine Tafel zur Verfügung haben werde. Und ziemlich sicher bin ich, dass ich kaum jemals einen Schüler oder eine Schülerin ein zweites Mal zu Gesicht bekomme, dafür sind die Menschen zu kurz im Übergangswohnheim.

Rahmenbedingung ist, dass ich die Rahmenbedingungen nicht kenne. Und das Woche für Woche aufs Neue.

Ziele

Kein Kurs ohne Ziel. Aber wie definiert man ein Ziel, wenn man nicht weiß, mit welchen oder wie vielen Menschen und welchem Kenntnisstand man es zu tun haben wird?

Irgendwo muss ich aber anfangen. Und deshalb ist mein Ziel, dass meine Teilnehmer/-innen zumindest folgende Phrasen ein paar Mal nachgesprochen haben bzw. gehört und beantworten konnten (in der Hoffnung, dass sie sich einige davon auch merken werden):

Begrüßung: “Guten Tag.”

Vorstellung: “Mein Name ist …” / “Ich komme aus (Deutschland/Syrien/Nigeria …)” (Eine Weltkarte werde ich zum Zeigen bei mir haben.)

Einfache Antworten: “Ja.” “Nein.” (Auf die Nachfragen: “Heißen Sie …?” “Kommen Sie aus …?”)

Einfache Bewertung: “Gut!” (Ein “Schlecht!” dagegen werden meine Schützlinge nicht kennenlernen, es soll ja ein frustloses Erlebnis werden, da gibt es natürlich kein “Schlecht”. ;-))

Gegenstand überreichen/annehmen: “Bitte sehr.” / “Danke sehr.” (Ich habe in den vergangenen Tagen sehr erfolgreich Dutzende Kugelschreiber als Werbegeschenke von Unternehmen geschnorrt, die ich zu diesem Zweck verteilen kann.)

Verabschiedung: “Auf Wiedersehen.”

Improvisation

Wenn meine Gegenüber deutlich mehr Grundkenntnisse haben als angenommen und die geplanten Phrasen schon beherrschen, wird mir erst mal nichts anderes übrig bleiben, als mich auf ihre Wünsche einzulassen. Was sind ihre Alltagsbedürfnisse? Welche deutschen Ausdrücke benötigen sie? Wie kann ich sie unterstützen?

Sollte es eine gemischte Gruppe aus Personen mit Grundkenntnissen und gänzlich ohne deutschen (oder auch englischen und französischen) Wortschatz sein, hoffe ich, dass es mir gelingt, die Kundigen in meine kleinen Rollenspiele für die Unkundigen einzubeziehen. Begrüßung, Vorstellung, Danke und Bitte – das zu vermitteln gelingt vermutlich sogar noch besser, wenn ich jemanden an der Seite habe, der die Mini-Dialoge mit mir zusammen vorspricht. (An der Stelle kann es ganz prima werden oder mächtig in die Hose gehen. Das ist ja das Spannende am Improvisieren.)

Sorgen

Meine Sorge ist, Frusterlebnisse zu schaffen. Lernerfahrungen funktionieren nicht, wenn im Lernumfeld Frust entsteht – das behaupte ich ohne pädagogische Ausbildung, einfach aus eigener Frusterfahrung heraus.

Welche Schreckensszenarien mir zu denken geben:

  • Ich überfordere, wenn ich beim Vorsprechen der Phrasen erhoffe, dass meine Absicht, mein Gegenüber soll die Phrase anpassen und nachsprechen (“Wie ist Ihr Name?” – “Mein Name ist …”), verstanden wird. Was, wenn niemand versteht, was ich möchte?
  • Ich unterfordere, weil der Kenntnisstand meines Gegenübers höher ist als erhofft und seine Erwartung an die Lernziele entsprechend hoch (höher, als ich erfüllen kann).
  • Ich löse gegen meine Absicht Scham aus, wenn ich Stift und Papier anbiete und mein Gegenüber keine Schreib- und Leseerfahrung hat. (Sollte ich lieber auf Stift und Papier verzichten, um dieses Risiko nicht einzugehen? Das werde ich wohl spontan entscheiden müssen.)

Verworfen habe ich …

… eine Idee, die mir beim ersten Konzept noch sinnvoll erschien: Ich gehe davon aus, dass zumindest irgendjemand im Raum etwas Deutsch (unwahrscheinlich), etwas Englisch (ziemlich wahrscheinlich), etwas Französisch (vermutlich) spechen wird. Ich nahm zunächst an, es wäre eine gute Idee, nach einer ersten Abfrage der Sprachkenntnisse für meine spätere Orientierung “Abzeichen” nach Farbcode zu verteilen: Jemanden mit einem gelben Kärtchen vor sich auf dem Tisch kann ich im “Verständigungs-Notfall” auf Englisch ansprechen, jemanden mit blauem Kärtchen begrenzt auf Deutsch, jemanden mit weißem Kärtchen auf Französisch – oder so. Dann ist mir klargeworden, wie unangnehm und unangemessen “Kategorisierung” wirken könnte: wie eine Brandmarkung. Oder eine Auszeichnung – und jemand ohne Kenntnisse geht dabei leer aus und wird davon frustriert, noch ehe der eigentliche Spaß losgeht. Igitt! So arglos und pragmatisch die Idee gedacht war, sie ist mir zu heikel. Ich werde mir schon irgendwie merken, mit wem ich mich wie verständigen kann. Und falls es gelingt, von Anfang bis Ende (mit Händen und Füßen, wenn es sein muss) nur auf Deutsch zu verdeutlichen, was ich möchte: Umso besser!

Ich suche noch …

… den internationalen Code für Lachen. Ich hoffe auf eine lockere und eher spielerische Atmosphäre. Wenn es keine gemeinsame Sprache für Wortwitz gibt – was kann dann für Erheiterung sorgen? Slapstick? Ich habe nicht vor, clownesk zu stürzen, dafür fehlt mir das komödiantische Talent. Lustige Requistiten? Ich bin einfallslos. Mir fällt bislang weder ein Spiel noch ein Spaß ein, nichts, was ohne Sprache funktioniert.

Hoffnung

Mehr noch, als dass meine Schülerinnen und Schüler ein paar deutsche Brocken mitnehmen, erhoffe ich, dass ich ihnen eine Atmosphäre des Wohlfühlens schaffen kann:

  • Schön, dass du* da bist.
  • Hier sind Menschen, die dich* ernst nehmen.
  • Hier ist ein Angebot, dass dir* hoffentlich ein wenig hilft, dich im fremden Land ein bisschen besser zurechtzufinden.
  • Hab Spaß, fühl dich* bitte eine Stunde lang wohl!

*Ich werde im Kurs natürlich respektvoll siezen, nicht duzen. Herausfordernd wird es, wenn auch Kinder anwesend sind und ich den Unterschied zwischen “Du” und “Sie” verdeutlichen muss.

Meine Rolle …

… ist die einer Schülerin, die von einer unbekannten Zahl von Lehrerinnen und Lehrer darin unterwiesen wird, wie das eigentlich geht, was sie sich vorgenommen hat. Ich hüpfe ins kalte Wasser und hoffe auf mildes Urteil und nachsichtige Behandlung derjenigen, die mich in den kommenden Wochen lehren werden, wie es besser geht. ;-)

Blogstöckchen gefangen! “Liebster Best Blog Award”

Jasmin von Minsworld hat mir ein Blogstöckchen zugeworfen. (Genau genommen hatte sie mein Zombie-Blog beworfen, aber das liegt im Moment ziemlich auf Eis, deshalb fange ich es hier auf.) Ich behaupte nicht, dass ich die Entstehung des irritierenden Namens “Liebster Best Blog Award” des Blogstöckchens komplett (oder auch nur teilweise) verstanden hätte – relativ sicher bin ich: Ich soll 10 Fragen beantworten und das Stöckchen dann weitergeben. Allerdings steht bei Jasmin auch gegen Ende der diversen Regelwerke: Macht, was ihr wollt. Öhm, ja, ich beantworte dann mal, was Jasmin beantwortet hat.

Auf geht’s:

1. Sollte das Leben einen Sinn haben?

Jeder Mensch hat das Recht auf die Menge und Form von Sinnlosigkeit, die er sich aussucht.

2. Kann ein grottenschlechtes Ende einen brillanten Film total versauen? Oder wird dadurch nur ein mittelmäßiger Film daraus?

Mir fällt kein Beispiel für einen tollen Film mit doofem Ende ein, deshalb weiß ich das nicht zu beantworten. Möglicherweise ist die Kunst eines tollen Films ja, das Publikum so für sich einzunehmen, dass es bis zum Schluss wohlgesonnen bleibt und schwache Enden gar nicht mehr als solche empfindet?

3. Erzähle mir ein dunkles Geheimnis: Was ist dein Guilty Pleasure? Welche Schnulze, welche Schlagerband, welches Trashgame, welcher Mockbuster ist eigentlich furchtbar grottig, aber du kommst einfach nicht davon weg?

Kein Problem, denn mein Bad-Taste-Liebling ist mir kein bisschen peinlich: Ich liebe seit Jahren “Total Eclipse from the Heart” von Bonnie Tyler. Wenn ich Inbrunst und große Gefühle brauche, höre ich mir das problemlos zehnmal hintereinander in voller Lautstärke an und fühle mich auch beim letzten Mal noch ergriffen. Eigentlich ist das gar kein Guilty Pleasure – ich fühle mich nämlich nicht schuldig.

4. Was ist vorzuziehen – die Zombiekalypse oder die Vampirokratie? Bei ersterer zerstören hirnlose Untote die Zivilisation, bei zweiterer unterjochen schlaue Untote die Menschheit.

Oh bitte – Vampire natürlich! Wenn das Ende der Welt schon naht, will ich nicht mehr auf hirnlose Beißer mit leerem Blick, aber viel Zerstörungswut treffen. Hater, die nicht für Argumente zugänglich, aber dafür destruktiv sind, gibt es schon im Prä-Weltuntergangs-Zeitalter genug. Smarte Langweiler mit Größenwahn halte ich für erträglicher.

5. Hast du ein absolutes Lieblingsspiel (digital oder analog oder beides)? Wenn ja, welches? Warum?

Ich hab früher nächtelang “Siedler von Catan” gespielt, obwohl ich immer wahnsinnig schlecht drin war. (Ich bin nämlich lammfromm: Ich spiele auch ohne Ehrgeiz zu gewinnen echt gerne. Ich mag die soziale Komponente an Gesellschaftsspielen. Gewinnen finde ich tatsächlich nicht so furchtbar wichtig.) Das Spiel ist leider so out, dass es mittlerweile keiner mehr mitspielt. Schade! “Nobody is Perfect” mag ich, in der richtigen Runde, auch wirklich gern. (Kleiner Wink mit dem Zaunpfahl: Ich bin eine von den immer seltener anzutreffenden Personen, die auf den Vorschlag, einen Spieleabend zu machen, nicht konsterniert und peinlich berührt reagieren, sondern “Jaaaa!” rufen. Ich kenne fast nur noch konsternierte Menschen, die Spieleabende für Leute ab 30 peinlich finden – schade, ich spiele nach wie vor echt gern.)

6. Was ist die beste Mahlzeit an einem eiskalten Winterabend?

Das hier.

7. Kannst du aus dem Stegreif dichten? (Mit der Bitte um ein paar Zeilen.)

Wenn ich dichte / dann für Wichte / ohne Geschichte / aber über Gerichte:
Ich esse am liebsten Erbsen, die kichern / weil die am besten die Laune sichern!

8. Wie ist das mit dem Social Media bei dir – schweres Suchtverhalten, pure Ablehnung oder dazwischen? Warum?

Teil meines Jobs – damit kann man alles entschuldigen, selbst wenn man es mit der Anwesenheit im Social Web mal übertreibt. Dann ist man halt grad ein Workaholic. Räusper.

9. Machen Haustiere glücklich?

Klar! Vorausgesetzt, man macht das Haustier glücklich.

10. Und sonst?

Och, danke. Muss ja.

 

Ganz im Sinne von “Macht, was ihr wollt” lasse ich das Blogstöckchen hier frei, auf dass es sich jede/r schnappe, der Lust drauf hat. ;-)

Weiß nicht, für wen ich mich entscheiden soll | Mit einem muss ich geh’n*

*Das singt die unentschlossene Pearl in “Starlight Express” – es könnte der Titel einer Hymne der Unentschlossenen vor Stichwahlen werden

Ich habe einen Brief an zwei Empfänger geschrieben.

Hintergrund des Briefes: Rechtsextreme Vorkommnisse in der Region Siegen-Wittgenstein, trauriger bisheriger Höhepunkt der Serie: Nazis schlagen vor 2 Wochen einem jungen Mann den Schädel ein.
Anlass des Briefes: Am 15. Juni ist Stichwahl zwischen zwei Landratskandidaten – der Landrat wird u. a. Chef der Kreispolizeibehörde und damit auch zuständig für die Bekämpfung rechtsextremer Aktivitäten.
Anstoß für den Brief: Die VVN BdA Siegen – Wittgenstein bat darum, die beiden Kandidaten für den Posten des Landrats dafür zu sensibilisieren, die Bekämpfung von Rechtsextremismus zum Wahlkampfthema vor der Stichwahl zu machen.
Was ich tat: Ich hab beiden Kandidaten mal einen Brief geschrieben.
Was ich toll fände: Wenn noch mehr Menschen den beiden Kandidaten schreiben würden, damit sie das Thema mit auf ihre Wahlkampfagenda nehmen – und danach vor allen Dingen mit in ihr politisches Wirken.

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Entscheidungshilfe für die Stichwahl um die Wahl des Landrates 

Sehr geehrter Herr Breuer / Sehr geehrter Herr Müller,

es gibt zwei Anlässe, aus denen ich mich an Sie wende – ein persönliches Anliegen und eine externe Anregung.

Mein persönliches Anliegen: Am 15. Juni ist bekanntlich die Stichwahl um die Wahl des Landratskandidaten, und es fällt mir sehr schwer zu erkennen, in welchen wesentlichen Punkten, die mir persönlich wichtig sind, sich die politischen Ziele von CDU- und SPD-Kandidaten unterscheiden – oder ob sie sich überhaupt unterscheiden. Wie soll ich also am 15. Juni wählen? Nicht zu wählen war für mich noch nie eine Option, auch nicht, wenn ich ratlos war. Für diese Stichwahl, die mir sehr schwerfallen wird, brauche ich unbedingt noch Entscheidungshilfe. Und deshalb wende ich mich an Sie, ebenso wie zeitgleich an Ihren Kontrahenten.

Der externe Anstoß, Ihnen zu schreiben, kommt von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA Siegen-Wittgenstein); Sie können ihn hier nachlesen: http://kuerzer.de/avFHKyXyE

Zitat: „Wir fordern Andreas Müller (SPD) und Paul Breuer (CDU) auf, sich zu den Vorfällen [Anm.: den Vorfällen vor zwei Wochen, also den Überfall von Rechtsextremen auf einen Studenten] zu äußern, zum Verhalten der Polizei im Vorfeld und Nachhinein und uns mitzuteilen, wie ihre Strategien im Kampf gegen Rechtsextremismus aussehen sollen. […] Wir würden uns freuen, wenn ihr die Stellungnahme lest und den beiden Kandidaten für das Landratsamt mitteilt, was ihr von Ihnen erwartet.“

Die Aufforderung des VVN, Ihnen zu schreiben, was ich mir von Ihnen im Falle Ihrer Wahl erhoffe, möchte ich abwandeln in die Frage nach Ihren Plänen:

Die Attacke der rechtsextremen Gruppe am Abend des 24. Mai auf einen Studenten, die mit einem eingeschlagenen Schädel endete, ist ja kein furchtbarer und bedauerlicher Einzelfall. Dieser Angriff war ein beängstigender Höhepunkt rechtsextremer Aktivitäten der letzten Monate, nachdem es schon mehrfach zu Schändungen und Übergriffen mit faschistischem Hintergrund gekommen war. Und wir sind uns sicher einig: Das sind nicht „irgendwelche“ gewalttätigen und vandalistischen Straftaten. Denn Verbrechen mit rechtsextremem Hintergrund sind niemals „nur“ gegen Individuen gerichtet, sondern immer gegen die gesamte demokratische, bunte, freie Gemeinschaft, zu der wir alle gehören. Wenn es einen von uns trifft, dann trifft es uns alle: vollkommen gleichgültig, welche Partei wir wählen, welche Nationalität wir haben, welche Nationalität unsere Eltern hatten, in welche Kirche, Moschee oder Synagoge wir gehen oder ob wir es gar nicht mit der Religion haben, welchen Fußballclub wir mögen oder wohin wir am liebsten in Urlaub fahren.

Ich möchte einschieben: Ich halte nichts davon, Neo-Nazis zu Überfeinden zu erklären – es sind keine Comic-Superschurken mit übernatürlichen Kräften, vor denen eine starke Gemeinschaft in Panik geraten müsste. Aber wenn Rechtsextreme in einer Gesellschaft aktiv sind, müssen wir das eben auch nicht hinnehmen, als seien sie Naturphänomene wie Orkane oder Erdbeben. Wir sind nicht machtlos, und wir sind nicht ausgeliefert. Wir können über Parteigrenzen und über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg, die uns sonst im Alltag trennen, zusammen dafür sorgen, dass unsere Gemeinschaft so stark ist, dass menschenverachtende Überzeugungen und Handlungen keinerlei Platz in unserer Mitte haben.

Aber die Gemeinschaft braucht dafür eben auch klare Zeichen und eine absolut verlässliche Unterstützung aus der Politik. Sie bewerben sich um das Amt des Landrats und werden im Falle Ihrer Wahl als oberster Kommunalbeamter auch der Kreispolizeibehörde vorstehen. Ich möchte, angestoßen von meinem persönlichen Beweggrund (meiner Unentschlossenheit vor der Stichwahl) und meinem externen Anlass (der Bitte des VVN, Sie für das Thema Rechtsextremismus in der Region zu sensibilisieren), Sie bitten, mir Ihre Pläne, Strategien und Ziele beim entschlossenen Vorgehen gegen die rechtsextremistischen Kräfte in der Region Siegen-Wittgenstein zu nennen. Eine überzeugende und glaubwürdige Stellungnahme, wie zurückliegende Vergehen aufgeklärt und künftige verhindert werden können – das würde mir bei meiner Wahlentscheidung helfen. Das Thema ist wichtig, und das Thema ist aktuell. Ich hoffe, es ist auch für Sie ein dringendes Thema, denn dann kann ich Ihnen mit guter Überzeugung meine Stimme geben.

Ich danke Ihnen schon im Voraus für Ihre Antwort, die ich gerne veröffentlichen würde – es sei denn natürlich, Sie bitten mich ausdrücklich darum, es nicht zu tun. Ich kann mir allerdings keinen Grund vorstellen, warum Sie Ihre Stellungnahme zu einem Thema, das die ganze Gemeinschaft der Region betrifft, nicht öffentlich sehen möchten. Falls es einen gibt, lassen Sie es mich bitte wissen.

Herzlichen Dank – und ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Wahlkampf!

Mit freundlichen Grüßen
Julia Dombrowski

Frischluftfaktor: Outdoor-Kolumne über Wanderpartys

Meine zweite “Frischluftfaktor”-Kolumne für das Fifty-Five-Blog ist online. Dieses Mal geht es um Wanderpartys – ein Konzept, das ich mir 2011 ausgedacht habe und das mir schon einige drollige Erlebnisse beschert hat. Wenn man ganz ungefiltert seinen gesamten Freundes- und Bekanntenkreis einlädt und mit allen Gästen die eigenen Lieblingsstrecken bezwingt, sind manche dann doch überrascht, dass sie sich bewegen sollen … Aber ich bin ja nicht doof und verrate hier schon viel darüber, was in der Kolumne steht, denn ihr sollt ja rüberklicken und die Kolumne bei Fifty Five im Original lesen. ;-)

IF

Abschied ist ein Arschloch

Dreieinhalb Jahre war ich in einer wunderbaren Bürogemeinschaft. Und dann geht jemand. Das fühlt sich doof an. Aber wir gönnen dem neuen Team, dass Simon nun dort rockt. ;-)

Ich sitze seit über drei Jahren in einer Bürogemeinschaft mit der Firma Billomat. Die Zeit hier war immer mehr, als sich aus Kostengründen einen Arbeitsplatz und Infrastruktur zu teilen. Ich saß hier mit Markus (Bild links) und Simon (Bild rechts – in der Mitte, das ist wohl nicht schwer zu erraten, bin ich zu sehen). Und wir haben gemeinsam Barcamps besucht und Barcamps gegründet, den Webstammtisch in Siegen erfunden, aus dem der Webmontag Siegen wurde, wir haben in Mittagspausen wild diskutiert (Politik, Gesellschaft, Ethik – so ein Themenspektrum erlebt man sonst nur in Sozialpädagogen-WGs, aber wir konnten das auch immer richtig gut!), wir haben einander geholfen (die Jungs können Technik, ich kann Text – da kann man sich prima gegenseitig unterstützen, wobei ich beschämt zugeben muss, dass ich mehr Computerhilfe in Anspruch genommen hab, als die Jungs an Text-Kompetenz brauchten).

Wenn so eine Gemeinschaft endet, ist das ein Grund, traurig zu sein. Denn Simon Stücher hat eine neue Berufung gefunden. Und natürlich gönne ich dem Team von mediaDIALOG in Siegen-Weidenau von Herzen, dass sie einen so tollen Teamplayer wie Simon gewonnen haben. Aber ich bin sehr melancholisch, dass mein eigenes Alltagsverschönerungsteam auf Simon verzichten muss.

Früher war mehr Geocaching. Mittagspausen-Bürogemeinschafts-Unterhaltung mit Markus (links) und Simon (rechts).

Früher war mehr Geocaching. Mittagspausen-Bürogemeinschafts-Unterhaltung mit Markus (links) und Simon (rechts).

Bis zum 28. Februar 2014 hab ich miterlebt, wie Simon sein Herzblut hektoliterweise in sein “Baby” Billomat gepumpt hat. Ich war immer absolut fasziniert, wie Simon sein Motto “Wer ein tolles Produkt anbieten will, muss vor allem seine Kunden mögen” in die Tat umgesetzt hat. Und obwohl ich ja “nur” die Nachbarin und Untermieterin war, habe ich erlebt, wie sehr Billomat-Kunden das Gemochtwerden spüren konnten. Weil Simon immer vor Augen hatte, was seine Zielgruppe will, was sie voranbringt. Und weil ich miterlebt hab, wie er sich bei Fragen und Hilfebedarf sogar spätabends und an Wochenenden voll in den Support gekniet hat.

Jetzt war es also an der Zeit für Simon, dass er weiterzieht. Bei allem Gönnenkönnen, das sich ans mediaDIALOG-Team richtet: Markus und mir wird Simon wirklich fehlen!

Herzlichen Glückwunsch, dass ihr jetzt Simon bei euch habt: Einen Simon, der sich nicht zu 100% in ein Projekt hängt, gibt es gar nicht. Einen Simon zu haben heißt, einen Vollblut-Teamplayer in die Mannschaft zu holen. Das habt ihr aber wahrscheinlich schon gemerkt. ;-)

Markus und ich sind richtig dankbar für die dreieinhalb tollen Jahre. Und unsere gemeinsamen Projekt, die bleiben und rocken auch künftig!

Outdoorkolumne “Frischluftfaktor”: Los geht’s!

Ich freue mich echt sehr: Für das Blog des Outdoorkleidungs-Spezialisten Fifty Five schreibe ich neuerdings eine Kolumne. “Frischluftfaktor” heißt sie, und heute ist der erste Text mit dem Titel “Sie können doch nicht mit dem Fahrrad nach Köln!” erschienen.

IFDie Kolumne wird sich um alle möglichen Themen rund ums Draußensein drehen – und zwar aus Sicht eines Menschen, der immer ein eher schwerfälliges Verhältnis zum Thema Bewegung hatte. So jemand bin ich nämlich. Oder war ich. Na ja, ich bin’s, aber es wird besser.

Ich freue mich sehr auf diese neue Kolumne, weil dieses Thema mich eben wirklich beschäftigt: Ich glaube, ich habe mich selten so wohlgefühlt wie an den Tagen, als ich auf einer mehrtägigen Radtour vollkommen ausgepowert schon um 20 Uhr wie ein Stein eingeschlafen bin – mal völlig erledigt von körperlicher Anstrengung, nicht von Kopfarbeit wie sonst. Das ist eine Erschöpfung, die sich schöner anfühlt als das Gewohnte im Alltag. Oder das Gefühl, sich zu einer 18-Kilometer-Wanderung im strömenden Regen rauszuquälen – nicht weil ich das wollte, sondern weil andere das von mir erwartet haben. Aber dieses Gefühl, sich selbst bezwungen zu haben: unbezahlbar. Ja, ich bin eine Couchpotato. Aber ja, ich begreife manchmal, was Überwindung für ein Segen ist. Ich glaube, es gibt mehr Menschen wie mich – nicht die in Sportvereinen organisierten Superathleten, sondern die, die meist jammern, wenn sie ihre Beine zum Gehen benutzen sollen. Diejenigen, die ein bisschen länger brauchen, um zu verstehen, was andere an dieser Bewegerei so toll finden.

Ich bewege mich nun also seit einiger Zeit öfter draußen, und ich möchte mal behaupten: Einige Anekdoten hab ich auf Lager. Bis ich die alle erzählt hab, vergehen ein paar Kolumnen. Ich freue mich über jeden, der Lust hat, meine Texte auf dem Fifty-Five-Blog zu verfolgen.

Wir lesen uns?