Weiß nicht, für wen ich mich entscheiden soll | Mit einem muss ich geh’n*

*Das singt die unentschlossene Pearl in “Starlight Express” – es könnte der Titel einer Hymne der Unentschlossenen vor Stichwahlen werden

Ich habe einen Brief an zwei Empfänger geschrieben.

Hintergrund des Briefes: Rechtsextreme Vorkommnisse in der Region Siegen-Wittgenstein, trauriger bisheriger Höhepunkt der Serie: Nazis schlagen vor 2 Wochen einem jungen Mann den Schädel ein.
Anlass des Briefes: Am 15. Juni ist Stichwahl zwischen zwei Landratskandidaten – der Landrat wird u. a. Chef der Kreispolizeibehörde und damit auch zuständig für die Bekämpfung rechtsextremer Aktivitäten.
Anstoß für den Brief: Die VVN BdA Siegen – Wittgenstein bat darum, die beiden Kandidaten für den Posten des Landrats dafür zu sensibilisieren, die Bekämpfung von Rechtsextremismus zum Wahlkampfthema vor der Stichwahl zu machen.
Was ich tat: Ich hab beiden Kandidaten mal einen Brief geschrieben.
Was ich toll fände: Wenn noch mehr Menschen den beiden Kandidaten schreiben würden, damit sie das Thema mit auf ihre Wahlkampfagenda nehmen – und danach vor allen Dingen mit in ihr politisches Wirken.

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Entscheidungshilfe für die Stichwahl um die Wahl des Landrates 

Sehr geehrter Herr Breuer / Sehr geehrter Herr Müller,

es gibt zwei Anlässe, aus denen ich mich an Sie wende – ein persönliches Anliegen und eine externe Anregung.

Mein persönliches Anliegen: Am 15. Juni ist bekanntlich die Stichwahl um die Wahl des Landratskandidaten, und es fällt mir sehr schwer zu erkennen, in welchen wesentlichen Punkten, die mir persönlich wichtig sind, sich die politischen Ziele von CDU- und SPD-Kandidaten unterscheiden – oder ob sie sich überhaupt unterscheiden. Wie soll ich also am 15. Juni wählen? Nicht zu wählen war für mich noch nie eine Option, auch nicht, wenn ich ratlos war. Für diese Stichwahl, die mir sehr schwerfallen wird, brauche ich unbedingt noch Entscheidungshilfe. Und deshalb wende ich mich an Sie, ebenso wie zeitgleich an Ihren Kontrahenten.

Der externe Anstoß, Ihnen zu schreiben, kommt von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA Siegen-Wittgenstein); Sie können ihn hier nachlesen: http://kuerzer.de/avFHKyXyE

Zitat: „Wir fordern Andreas Müller (SPD) und Paul Breuer (CDU) auf, sich zu den Vorfällen [Anm.: den Vorfällen vor zwei Wochen, also den Überfall von Rechtsextremen auf einen Studenten] zu äußern, zum Verhalten der Polizei im Vorfeld und Nachhinein und uns mitzuteilen, wie ihre Strategien im Kampf gegen Rechtsextremismus aussehen sollen. […] Wir würden uns freuen, wenn ihr die Stellungnahme lest und den beiden Kandidaten für das Landratsamt mitteilt, was ihr von Ihnen erwartet.“

Die Aufforderung des VVN, Ihnen zu schreiben, was ich mir von Ihnen im Falle Ihrer Wahl erhoffe, möchte ich abwandeln in die Frage nach Ihren Plänen:

Die Attacke der rechtsextremen Gruppe am Abend des 24. Mai auf einen Studenten, die mit einem eingeschlagenen Schädel endete, ist ja kein furchtbarer und bedauerlicher Einzelfall. Dieser Angriff war ein beängstigender Höhepunkt rechtsextremer Aktivitäten der letzten Monate, nachdem es schon mehrfach zu Schändungen und Übergriffen mit faschistischem Hintergrund gekommen war. Und wir sind uns sicher einig: Das sind nicht „irgendwelche“ gewalttätigen und vandalistischen Straftaten. Denn Verbrechen mit rechtsextremem Hintergrund sind niemals „nur“ gegen Individuen gerichtet, sondern immer gegen die gesamte demokratische, bunte, freie Gemeinschaft, zu der wir alle gehören. Wenn es einen von uns trifft, dann trifft es uns alle: vollkommen gleichgültig, welche Partei wir wählen, welche Nationalität wir haben, welche Nationalität unsere Eltern hatten, in welche Kirche, Moschee oder Synagoge wir gehen oder ob wir es gar nicht mit der Religion haben, welchen Fußballclub wir mögen oder wohin wir am liebsten in Urlaub fahren.

Ich möchte einschieben: Ich halte nichts davon, Neo-Nazis zu Überfeinden zu erklären – es sind keine Comic-Superschurken mit übernatürlichen Kräften, vor denen eine starke Gemeinschaft in Panik geraten müsste. Aber wenn Rechtsextreme in einer Gesellschaft aktiv sind, müssen wir das eben auch nicht hinnehmen, als seien sie Naturphänomene wie Orkane oder Erdbeben. Wir sind nicht machtlos, und wir sind nicht ausgeliefert. Wir können über Parteigrenzen und über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg, die uns sonst im Alltag trennen, zusammen dafür sorgen, dass unsere Gemeinschaft so stark ist, dass menschenverachtende Überzeugungen und Handlungen keinerlei Platz in unserer Mitte haben.

Aber die Gemeinschaft braucht dafür eben auch klare Zeichen und eine absolut verlässliche Unterstützung aus der Politik. Sie bewerben sich um das Amt des Landrats und werden im Falle Ihrer Wahl als oberster Kommunalbeamter auch der Kreispolizeibehörde vorstehen. Ich möchte, angestoßen von meinem persönlichen Beweggrund (meiner Unentschlossenheit vor der Stichwahl) und meinem externen Anlass (der Bitte des VVN, Sie für das Thema Rechtsextremismus in der Region zu sensibilisieren), Sie bitten, mir Ihre Pläne, Strategien und Ziele beim entschlossenen Vorgehen gegen die rechtsextremistischen Kräfte in der Region Siegen-Wittgenstein zu nennen. Eine überzeugende und glaubwürdige Stellungnahme, wie zurückliegende Vergehen aufgeklärt und künftige verhindert werden können – das würde mir bei meiner Wahlentscheidung helfen. Das Thema ist wichtig, und das Thema ist aktuell. Ich hoffe, es ist auch für Sie ein dringendes Thema, denn dann kann ich Ihnen mit guter Überzeugung meine Stimme geben.

Ich danke Ihnen schon im Voraus für Ihre Antwort, die ich gerne veröffentlichen würde – es sei denn natürlich, Sie bitten mich ausdrücklich darum, es nicht zu tun. Ich kann mir allerdings keinen Grund vorstellen, warum Sie Ihre Stellungnahme zu einem Thema, das die ganze Gemeinschaft der Region betrifft, nicht öffentlich sehen möchten. Falls es einen gibt, lassen Sie es mich bitte wissen.

Herzlichen Dank – und ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Wahlkampf!

Mit freundlichen Grüßen
Julia Dombrowski

Frischluftfaktor: Outdoor-Kolumne über Wanderpartys

Meine zweite “Frischluftfaktor”-Kolumne für das Fifty-Five-Blog ist online. Dieses Mal geht es um Wanderpartys – ein Konzept, das ich mir 2011 ausgedacht habe und das mir schon einige drollige Erlebnisse beschert hat. Wenn man ganz ungefiltert seinen gesamten Freundes- und Bekanntenkreis einlädt und mit allen Gästen die eigenen Lieblingsstrecken bezwingt, sind manche dann doch überrascht, dass sie sich bewegen sollen … Aber ich bin ja nicht doof und verrate hier schon viel darüber, was in der Kolumne steht, denn ihr sollt ja rüberklicken und die Kolumne bei Fifty Five im Original lesen. ;-)

IF

Abschied ist ein Arschloch

Dreieinhalb Jahre war ich in einer wunderbaren Bürogemeinschaft. Und dann geht jemand. Das fühlt sich doof an. Aber wir gönnen dem neuen Team, dass Simon nun dort rockt. ;-)

Ich sitze seit über drei Jahren in einer Bürogemeinschaft mit der Firma Billomat. Die Zeit hier war immer mehr, als sich aus Kostengründen einen Arbeitsplatz und Infrastruktur zu teilen. Ich saß hier mit Markus (Bild links) und Simon (Bild rechts – in der Mitte, das ist wohl nicht schwer zu erraten, bin ich zu sehen). Und wir haben gemeinsam Barcamps besucht und Barcamps gegründet, den Webstammtisch in Siegen erfunden, aus dem der Webmontag Siegen wurde, wir haben in Mittagspausen wild diskutiert (Politik, Gesellschaft, Ethik – so ein Themenspektrum erlebt man sonst nur in Sozialpädagogen-WGs, aber wir konnten das auch immer richtig gut!), wir haben einander geholfen (die Jungs können Technik, ich kann Text – da kann man sich prima gegenseitig unterstützen, wobei ich beschämt zugeben muss, dass ich mehr Computerhilfe in Anspruch genommen hab, als die Jungs an Text-Kompetenz brauchten).

Wenn so eine Gemeinschaft endet, ist das ein Grund, traurig zu sein. Denn Simon Stücher hat eine neue Berufung gefunden. Und natürlich gönne ich dem Team von mediaDIALOG in Siegen-Weidenau von Herzen, dass sie einen so tollen Teamplayer wie Simon gewonnen haben. Aber ich bin sehr melancholisch, dass mein eigenes Alltagsverschönerungsteam auf Simon verzichten muss.

Früher war mehr Geocaching. Mittagspausen-Bürogemeinschafts-Unterhaltung mit Markus (links) und Simon (rechts).

Früher war mehr Geocaching. Mittagspausen-Bürogemeinschafts-Unterhaltung mit Markus (links) und Simon (rechts).

Bis zum 28. Februar 2014 hab ich miterlebt, wie Simon sein Herzblut hektoliterweise in sein “Baby” Billomat gepumpt hat. Ich war immer absolut fasziniert, wie Simon sein Motto “Wer ein tolles Produkt anbieten will, muss vor allem seine Kunden mögen” in die Tat umgesetzt hat. Und obwohl ich ja “nur” die Nachbarin und Untermieterin war, habe ich erlebt, wie sehr Billomat-Kunden das Gemochtwerden spüren konnten. Weil Simon immer vor Augen hatte, was seine Zielgruppe will, was sie voranbringt. Und weil ich miterlebt hab, wie er sich bei Fragen und Hilfebedarf sogar spätabends und an Wochenenden voll in den Support gekniet hat.

Jetzt war es also an der Zeit für Simon, dass er weiterzieht. Bei allem Gönnenkönnen, das sich ans mediaDIALOG-Team richtet: Markus und mir wird Simon wirklich fehlen!

Herzlichen Glückwunsch, dass ihr jetzt Simon bei euch habt: Einen Simon, der sich nicht zu 100% in ein Projekt hängt, gibt es gar nicht. Einen Simon zu haben heißt, einen Vollblut-Teamplayer in die Mannschaft zu holen. Das habt ihr aber wahrscheinlich schon gemerkt. ;-)

Markus und ich sind richtig dankbar für die dreieinhalb tollen Jahre. Und unsere gemeinsamen Projekt, die bleiben und rocken auch künftig!

Outdoorkolumne “Frischluftfaktor”: Los geht’s!

Ich freue mich echt sehr: Für das Blog des Outdoorkleidungs-Spezialisten Fifty Five schreibe ich neuerdings eine Kolumne. “Frischluftfaktor” heißt sie, und heute ist der erste Text mit dem Titel “Sie können doch nicht mit dem Fahrrad nach Köln!” erschienen.

IFDie Kolumne wird sich um alle möglichen Themen rund ums Draußensein drehen – und zwar aus Sicht eines Menschen, der immer ein eher schwerfälliges Verhältnis zum Thema Bewegung hatte. So jemand bin ich nämlich. Oder war ich. Na ja, ich bin’s, aber es wird besser.

Ich freue mich sehr auf diese neue Kolumne, weil dieses Thema mich eben wirklich beschäftigt: Ich glaube, ich habe mich selten so wohlgefühlt wie an den Tagen, als ich auf einer mehrtägigen Radtour vollkommen ausgepowert schon um 20 Uhr wie ein Stein eingeschlafen bin – mal völlig erledigt von körperlicher Anstrengung, nicht von Kopfarbeit wie sonst. Das ist eine Erschöpfung, die sich schöner anfühlt als das Gewohnte im Alltag. Oder das Gefühl, sich zu einer 18-Kilometer-Wanderung im strömenden Regen rauszuquälen – nicht weil ich das wollte, sondern weil andere das von mir erwartet haben. Aber dieses Gefühl, sich selbst bezwungen zu haben: unbezahlbar. Ja, ich bin eine Couchpotato. Aber ja, ich begreife manchmal, was Überwindung für ein Segen ist. Ich glaube, es gibt mehr Menschen wie mich – nicht die in Sportvereinen organisierten Superathleten, sondern die, die meist jammern, wenn sie ihre Beine zum Gehen benutzen sollen. Diejenigen, die ein bisschen länger brauchen, um zu verstehen, was andere an dieser Bewegerei so toll finden.

Ich bewege mich nun also seit einiger Zeit öfter draußen, und ich möchte mal behaupten: Einige Anekdoten hab ich auf Lager. Bis ich die alle erzählt hab, vergehen ein paar Kolumnen. Ich freue mich über jeden, der Lust hat, meine Texte auf dem Fifty-Five-Blog zu verfolgen.

Wir lesen uns?

Vom Mut, sein eigenes Leben zu leben

Und wieder einmal bin ich beschenkt worden, wie in den Vorjahren schon von Petra A. Bauer, Christa Goede und Andrea Behnke. Der diesjährige Gastbeitrag stammt von Dr. Christine Hutterer – ich hab Christine gefragt, ob sie Lust hat zu beschrieben, was “das gute Leben” für sie ausmacht. Danke für deine Antwort, Christine !

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Ich bin in den Lebenswissenschaften (Life sciences) zu Hause, meine „Firma“ heißt LEBENSWERKE  und ich lebe. Klar, dass ich mich also mit Leben auskenne! Oder?! Das Glück hat mir im Rahmen des diesjährigen Blogwichtelns des Netzwerks Texttreff Julia Dombrowskis Textssektor-Blog zugelost. Und sie denkt, ich kenne mich mit Leben aus. Zumindest darf ich in hier meine Gedanken zum „guten Leben“ kundtun.

Das „gute Leben“ – eine Frage der Perspektive

Dr. Christine Hutterer

Dr. Christine Hutterer

Das Thema ist, entgegen des ersten Eindrucks, nicht ganz leicht. Denn jeder von uns lebt jeden Tag. Und ob diese Tage oder diese Leben gut sind oder nicht, liegt fast ausschließlich im Auge des Betrachters. Für den einen bedeutet ein gutes Leben Karriere machen und viel Geld verdienen, für andere sind Kinder der Sinn und Inbegriff eines guten Lebens, für nochmals andere ist es das Berühmt erden oder das Bloß-nicht-Auffallen. Wie lang muss ein Leben sein, damit es gut ist oder war? Was muss man gemacht haben, damit das Leben von sich selbst und/oder von anderen als gut gestempelt wird?

Ich habe schon einige Reisen gemacht, Kinder bekommen, bin mit meiner Familie und Esel vier Wochen durch Korsika gewandert, habe Berggipfel erklommen, mir einen Doktortitel erarbeitet, mich beruflich verändert, Freunde gewonnen und verloren, habe mit meiner Gesundheit gerungen … Vieles davon hat mich sehr glücklich gemacht. Aber reicht es auch für ein gutes Leben?

Und was ist denn eigentlich ein lebenswertes Leben? Im Rahmen der vorgeburtlichen Diagnostik wird das immer wieder diskutiert – kann ein Kind mit einer Behinderung ein gutes und glückliches Leben führen? Von gesunden Erwachsenen wird das oftmals bezweifelt und es werden die Konsequenzen gezogen. Conny Wenk sieht das anders. Sie stellt Kinder mit dem „little extra“, einem zusätzlichen Chromosom 21, vor. Die Fröhlichkeit und Lebensfreude springt von den Bildern geradezu über!

Das universelle Lebensglück – ein Rezept

Doch es gibt Dinge, die dann doch alle oder sehr viele Menschen teilen. Die australische Sterbebegleiterin Bronnie Ware hat darüber ein Buch geschrieben. Sie hat Menschen am Sterbebett zugehört und deren Aussagen zusammengetragen. Herausgekommen sind fünf Dinge, auf die man besser schon jetzt aufpassen sollte.

  1. “Ich wünschte, ich hätte Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben”
  2. “Ich wünschte, ich hätte weniger gearbeitet”
  3. “Ich hätte meine Gefühle besser ausdrücken sollen”
  4. “Ich wünschte, ich hätte mich mehr um meine Freunde gekümmert”
  5. “Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude gegönnt”

Beim Lesen dieser fünf Punkte musste ich schlucken. Denn auch ich – noch fidel und soweit vorauszusehen noch weit entfernt vom Sterben – denkettbw_button mir genau diese Dinge! Sich nicht zu sehr nach den Erwartungen von anderen zu richten, sondern die eigenen Wünsche und Träume zu verwirklichen, keine Angst vor der persönlichen Integrität zu haben, und auch „unerwünschte“ Gefühle zu kommunizieren, sich aktiv für Glück und Freude entscheiden.

DAS BESTE WÄRE WOHL, EINFACH DAMIT ANZUFANGEN! Da wir gerade kurz vor dem Jahreswechsel stehen, wäre das doch ein guter Vorsatz für 2014!

#StopWatchingUs in Köln – Sand im Staatsgetriebe sein

Am Samstag, den 27. Juli 2013, fand die erste von hoffentlich noch vielen bundesweiten Protestaktionen für Freiheit und gegen staatliche Verfolgung unter dem Motto “Stop Watching Us” statt. Wie immer unterscheiden sich die Angaben über die Zahl der Demonstrantinnen und Demonstranten stark je nach Medium, das darüber berichtet. Einigermaßen einig sind sich alle darüber: Deutschlandweit dürften es etwa 10.000 Menschen gewesen sein, die in über 30 Städten an einem der heißesten Tage dieses Sommers gegen Überwachungsparanoia des Staates auf die Straße gegangen sind. 10.000 Menschen: Das klingt doch gar nicht mal so schlecht – oder? Ich frage mich, wie Edward Snowden sich fühlt, wenn er diese Zahl hört. Er hat sein Leben riskiert, seine Heimat, den Kontakt zu seiner Familie und zu seinen Freunden aufgegeben, um die Welt über den größten Überwachungsskandal aller Zeiten aufzuklären. Und die Welt, was tut sie daraufhin? Sie geht an Badeseen, in Eisdielen oder zum Bummeln in kühlen Shoppingcentern. Demokratie bei 35 Grad Hitze ist aber auch sowas von anstrengend! Und es geht ja auch nur um ein bisschen Grundrechteverletzen und Unrechtsstaatsaufbau. “Sagt Bescheid, wenn was Wichtiges ist – bis dahin liegen wir weiter am Weiher!”

Freiheit statt Angst10.000 Menschen sind wenigstens ein Anfang – aber weil Prism, Tempora und der ganze andere Überwachungswahn mehr als 80 Millionen Deutsche persönlich betrifft, hoffe ich, Edward Snowden schlägt nicht längst die Hände über dem Kopf zusammen und fragt sich: “Für wen habe ich den Scheiß eigentlich auf mich genommen?”

Aber immerhin ein Anfang – und so bin auch ich gemeinsam mit meinem liebsten Mitstreiter gegen Staatsparanoia zur Demo aufgebrochen. In der Provinz, mittig gelegen zwischen Köln und Frankfurt, kann man leicht flexibel bleiben: Wir wollten eigentlich die Demonstration in Frankfurt unterstützen, fanden dann aber ein deutliches Geschmäckle am angekündigten Redner Jörg-Uwe Hahn von der FDP: Klar ist es gut, wenn viele unterschiedliche Menschen auch mit ganz unterschiedlichem politischen Background gemeinsam gegen ein Unrecht einstehen – und nicht mit jedem, mit dem man gemeinsam auf die Straße geht, muss man schließlich in allen Punkten derselben Meinung sein. Dass die Veranstalter aber ausgerechnet einen regierenden Politiker als Redner einladen, der mit seinem Tun das Unrechtssystem unterstützt, das hat dann doch einen unangenehmen Beigeschmack: Als wäre auf einer Antiatomkraftdemo ein AKW-Betreiber als Unterstützer eingeladen, der versucht, möglichst viele Atomstrom-Verträge mit den Umstehenden abzuschließen. Irgendwas passt da nicht.

Also fällt die Wahl spontan auf Köln. Zwischendurch fühlt es sich wie eine gute, kräftige Menge an, in der wir mitlaufen. Rund 700 Menschen dürften in Köln zusammengekommen sein, viele davon laut und kritisch und sichtbar veränderungswillig. “Free Snowden!” und “Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Freiheit klaut” hören die Eiscafébesucher, Schaufensterbummler und Großkampfeinkäufer in der Kölner Innenstadt – und es sind sehr, sehr viele Menschen an diesem heißen Sommertag auf der Straße unterwegs. Merkwürdig, dass sie alle Besseres zu tun haben, als sich der Demo anzuschließen – vermutlich sind das diejenigen, die schließlich nichts zu verbergen haben. Ich bedaure auf dem Weg ein bisschen, dass die teilnehmenden Parteien so eifrig ihre Fahnen schwenken: Ich wünschte, der Zug würde weniger nach “Ach, da protestieren diese linken/grünen/roten/piratenfahnenschwenkenden Internetspinner!” aussehen. Ich sehe mir die vielen bürgerlichen, unbeteiligten, manchmal herablassend guckenden Gesichter der Umsitzenden und Umstehenden an und verstehe, dass dieser Demo-Zug sie nur wenig zu Identifikation einlädt. Ich wünschte, Parteien würden ihre Fahnen in der Parteizentrale lassen und ihre Mitglieder die Stimme nur für die Sache erheben, nicht für ihre eigenen Zwecke. Und das hat nichts damit zu tun, welche Parteien mir selbst sympathisch sind! Ich würde gerne mit dieser Demo die 42 Prozent erreichen, die zurzeit ihre Stimme der CDU geben würden. Ich fürchte, wenn von denen jemand unter den Kölner Zuschauerinnen und Zuschauern sitzt, wird er sich von dieser rot-orange-grün-dunkelroten Gruppe nicht angesprochen fühlen.

Die demonstrierende Menge macht etwas her, als sie schließlich zur Abschlusskundgebung auf dem Neumarkt zusammenströmt. 700 Menschen sind nicht niemand! 700 Menschen haben 700 laute Stimmen. Es fühlt sich gut an, dabei zu sein. Nur wenig später an diesem Tag verfliegt das schöne Gefühl leider wieder: Auf dem Weg zurück zum Hauptbahnhof überqueren wir die Domplatte – und allein die Touristen und Sonnenanbeter, die sich nur hier um den Kölner Dom herum verteilen, bilden locker eine ebenso große Gruppe wie die Demonstranten am Mittag. Beim direkten Vergleich, wie viele Menschen ihre Stimme für Freiheit und Grundrecht erhoben haben und wie viele Menschen währenddessen in Sichtweite saßen und dachten: “Das geht mich doch nichts an!”, überfällt mich unwillkürlich Ernüchterung. Aber es war eben erst der Anfang! Und es werden von nun an immer und immer mehr Menschen werden!

Was ist eigentlich mit den Menschen im Osten Deutschland, die sich schon einmal ihre Freiheit herbeidemonstriert haben? Müssten nicht genau diese Leute zurzeit laut rufen: “So nicht! Das hatten wir schon mal und lassen es nicht wieder mit uns machen!” Die Wiedervereinigung ist noch nicht lange her, und die Montagsdemo-Veteranen lassen sich doch bestimmt nicht mit Mallorca-Flügen und McDonalds-Fraß abspeisen: “Gut, ihr werdet wieder bespitzelt, aber dieses Mal kriegt ihr Kapitalismus und Reisefreiheit, ist das nicht prima?” Ich glaube fest, dass gerade diese Menschen bald sehr unwillig und laut werden – und sie haben schon einmal ein Überwachungsregime wegprotestiert!

Übrigens gibt es ein tolles informatives und fundiertes Video, das genau erklärt, warum Überwachung alle etwas angeht – auch diejenigen, die “nichts zu verbergen” haben. Unbedingt anschauen und überzeugen lassen, warum auch du bei der nächsten “Stop Watching Us”-Demo dabei sein solltest!

10 Fragen an Angela Merkel – und wie sie antworten könnte

Vor ein paar Tagen habe ich aufgezählt, was ich Angela Merkel fragen würde, wenn ich die Hoffnung hätte, sie wäre in meiner Gegenwart auskunftsfreudig. Solange sie mir nicht für reale Antworten zur Verfügung steht, helfe ich mir eben selber aus.

1. Wie ist das eigentlich, wenn man den ersten Teil seines Lebens in einem Überwachungsstaat verbracht und sich plötzlich in der vermeintlichen Demokratie wieder in derselben Situation vorfindet? Fühlt man sich da nicht total vereimert?

Och, man hat sich dran gewöhnt. Und unter Honni war ja auch nicht alles schlecht! Wir hatten da immerhin lustige Ampelmännchen.

2. Hält man in so einer Situation und vor diesem persönlichen Hintergrund einfach deshalb zu den Überwachern, damit man nicht wieder zum Opfer wird? Ist es Vermeidungsverhalten, indem man sich als Opportunistin auf die Seite der vermeintlich Stärkeren schlägt, oder ist das eine Art Stockholm-Syndrom?

Die USA hat lecker Coca Cola, Großbritannien hat ein Royal Baby – das ist alles gar nicht so schlecht! Immer diese Meckerei, das hätte es bei uns damals in der DDR nicht gegeben! Da gab es immer 99% Wählerzustimmung – aber keinerlei royale Säuglinge. Die Welt wird doch besser!

IF

 3. Wird man auch als Bundeskanzlerin verwanzt und abgehört, oder möchtest du, Angela, das lieber gar nicht wissen?

Hä? Ach! Ich bin doch jetzt erst mal im Urlaub. Wagner-Festspiele und so. Das waren noch herrliche Zeiten, als sich Deutschland nur über mein Dekoltee das Maul zerrissen hat …

 

 

4. Wird eigentlich auch der Papst bespitzelt? Wie oft pupst ein Papst? Kannst du das mal Obama fragen?

Es ist nicht meine Aufgabe, mich in die Details der Papstverdauung einzuarbeiten. Ich warte lieber!

O-Ton Merkel

5. Fühlt es sich vielleicht schön an, abgehört zu werden, weil einem dann endlich mal einer aufmerksam zuhört?

Wie einfühlsam nachgefragt! Das trifft es! Und aus keiner Überwachungsanlage kommen kritische Nachfragen wie von den blöden 58%, die mich im September nicht wählen wollen. Sie hören zu, aber sie sagen nichts! So hätte ich auch die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, in dem man viel zu viel zu sagen hat, so gerne!

6. Hat eine Bundeskanzlerin dem BND eigentlich irgendwas zu sagen? (Außer natürlich “Guten Morgen” und “Schlaft gut” in Richtung der Wanzen?)

Wie? Muss mal aufs Klo …

7. Wenn der BND bei der NSA um heimlich erhobene Daten bettelt – wie demütigend ist das für den Depp vom Dienst, der gerade betteln gehen muss? Und ist jemand dämlich genug zu glauben, er würde die richtig interessanten Sachen gezeigt bekommen?

Ich hab ne schwache Blase, ich muss schon wieder aufs Klo …

 8. Oder weißt du das alles gar nicht, weil dir kein Schwein erzählt, was der BND so treibt?

Die Regierung weiß nie überhaupt nix irgendwas von irgendwem: drei Affen (nichts sehen, hören, sagen)

9. Hast du, Angela, früher vielleicht wirklich geglaubt, du könntest mal was ausrichten? Bist du manchmal selbst enttäuscht, wo du dich heute wiederfindest?

Du glaubst also wirklich, ich würde nichts ausrichten? Die heutige Situation ist absolut einzigartig. Das Ausmaß der Überwachung ist so noch nie da gewesen. Noch nie haben Politiker wie ich den Menschen so dreist ins Gesicht sagen können, dass Grundrechte ihnen egal sind. Niemand in den Generationen vor uns hat George Orwells “1984″ so klug als Handlungsanweisung verstanden wie wir und das Buch sogar noch cleverer umgesetzt, als der Autor sich erträumt hätte. Wieso sollte ich enttäuscht sein?

10. Würdest du manchmal gerne alles hinschmeißen?

Scheiße, machst du Witze? Ich spucke den Leuten in die Fresse, und sie jubeln nach mehr. Ich zeige ihnen den Stinkefinger, und die Zustimmung in der Bevölkerung wächst sogar. Hell yeah, warum sollte ich aufhören? Here I am, it’s Angie bitch!

Zeit der Selbstverteidigung

Ich glaube, dass wir kurz davor sind, unserer Großelterngeneration sehr ähnlich zu werden. Bald wird sich entscheiden, ob unsere Enkel uns eines Tages fragen: “Warum habt ihr denn damals nichts unternommen, um es aufzuhalten? Ihr habt es doch kommen sehen.” Dieselben Fragen, die wir unseren Großeltern stellen. Allerdings kann das nur geschehen, wenn die Enkel in der Lage sind, die Freiheit zurückzugewinnen, die wir gerade aufzugeben bereit sind. Hoffen wir es für sie.

Selbstverteidigung

Notwehr ist nur Notlösung. Aber besser als Nichtstun.

In einigen Wochen werde ich an einer Kryptoparty teilnehmen. Eigentlich will ich das nicht tun. Ich will nichts über Verschlüsselung lernen, weil die Grundrechte mir sowieso Privatsphäre zugestehen. Bloß pupsen die führenden Köpfe der Republik bekanntermaßen auf die Grundrechte, auf deine ebenso wie auf meine. Deshalb Kryptopartys – als Ausdruck “digitaler Selbstverteidigung”. Notwehr ist aber nicht einmal amsatzweise dasselbe wie Gerechtigkeit. Notwehr ist nur Notlösung.

In wenigen Tagen werde ich an einer Demonstration teilnehmen, die wie viele andere Kundgebungen deutschlandweit am 27. Juli 2013 unter dem Motto “Stop Watching Us” stattfinden. Ich werde dort dafür demonstrieren, dass etwas aufhört, was nie hätte beginnen dürfen. Ich werde mich fühlen, als würde ich dafür protestieren, dass die Feuerwehr doch bitte ein brennendes Wohnhaus löscht: Es muss sich absurd anfühlen, etwas einzufordern, was selbstverständlich sein sollte.

Immerhin kann ich noch demonstrieren gehen, noch kann ich meine Meinung äußern, noch gibt es die Möglichkeit zum Austausch mit anderen Selbstverteidigern. Und sogar eine freie Bundestagswahl steht uns noch bevor – die allerdings die letzte sein könnte, wenn wir diese verfassungsfeindliche Regierung nicht umgehend abwählen, der ein Verfassungsschutz untersteht, der eigentlich selbst dringend von einem Verfassungsschutz kontrolliert werden müsste. (Der letzte Gedanke ist nicht von mir, den hab ich von Sascha Lobo geklaut.)

Die Zeit der Selbstverteidigung hat also begonnen: Termine für Kryptopartys unter www.kryptoparty.de (in Siegen: 10. August 2013, ab 17 Uhr, im Hackspace HaSi e.V., weitere Infos unter chaostreff-siegen.de). Alle geplanten “Stop Watching Us”-Demonstrationen findest du unter demonstrare.de.

Vielleicht haben wir ja eines Tages bessere Antworten auf entscheidende Fragen als unsere Großeltern.

10 Fragen an Angela Merkel, die mich brennend interessieren

Hätte ich die Chance, Angela Merkel zu treffen, die gerade ehrlich und auskunftsfreudig wäre, würde ich sie diese Dinge fragen:

  1. Wie ist das eigentlich, wenn man den ersten Teil seines Lebens in einem Überwachungsstaat verbracht und sich plötzlich in der vermeintlichen Demokratie wieder in derselben Situation vorfindet? Fühlt man sich da nicht total vereimert?
  2. Hält man in so einer Situation und vor diesem persönlichen Hintergrund einfach deshalb zu den Überwachern, damit man nicht wieder zum Opfer wird? Ist es Vermeidungsverhalten, indem man sich als Opportunistin auf die Seite der vermeintlich Stärkeren schlägt, oder ist das eine Art Stockholm-Syndrom?
  3. Wird man auch als Bundeskanzlerin verwanzt und abgehört, oder möchtest du, Angela, das lieber gar nicht wissen?
  4. Wird eigentlich auch der Papst bespitzelt? Wie oft pupst ein Papst? Kannst du das mal Obama fragen?
  5. Fühlt es sich vielleicht schön an, abgehört zu werden, weil einem dann endlich mal einer aufmerksam zuhört?
  6. Hat eine Bundeskanzlerin dem BND eigentlich irgendwas zu sagen? (Außer natürlich “Guten Morgen” und “Schlaft gut” in Richtung der Wanzen?)
  7. Wenn der BND bei der NSA um heimlich erhobene Daten bettelt – wie demütigend ist das für den Depp vom Dienst, der gerade betteln gehen muss? Und ist jemand dämlich genug zu glauben, er würde die richtig interessanten Sachen gezeigt bekommen?
  8. Oder weißt du das alles gar nicht, weil dir kein Schwein erzählt, was der BND so treibt?
  9. Hast du, Angela, früher vielleicht wirklich geglaubt, du könntest mal was ausrichten? Bist du manchmal selbst enttäuscht, wo du dich heute wiederfindest?
  10. Würdest du manchmal gerne alles hinschmeißen?

Prism, Tempora, Supergrundrecht & Co. – “Es hat sich nichts verändert”?

Seit ein paar Tagen befinde ich mich in einem emotionalen Ausnahmezustand, ich fühle mich persönlich bedroht wie vermutlich niemals zuvor, wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht. Das ist eine Folge des Überwachungsskandals – doch überraschend ist es nur eine indirekte Auswirkung. Ich lese und höre immer wieder das Argument: “Es hat sich doch nichts geändert – jetzt wissen wir eben, dass man uns überwacht, aber die Tatsachen sind gleich geblieben.” Und nein, das sehe ich nicht so. Es ist erst wenige Tage her, dass eine fundamentale Bedrohung zutage getreten ist, die mich mehr verunsichert als das Wissen, überwacht zu werden.

JKH-19 Artikel

Es begann erst Anfang dieser Woche, als Innenminister Friedrich der Öffentlichkeit nach seinem peinlichen Buckelzug in die USA mitteilte, er habe ein Supergrundrecht gekürt, das über anderen Grundrechten stehe – und wir sollten doch alle bitte selbst für unsere Privatsphäre sorgen, den Staat sehe er da nicht in der Pflicht. An diesem Tag ist etwas kaputtgegangen: Mein Glaube daran, dass die Verfassung unumstritten Basis unserer Gesellschaft ist. Hey, ich bin nicht dumm oder blind oder naiv: Selbstverständlich ist mir voll und ganz bewusst, dass zu jedem Zeitpunkt in diesem Land Dinge schwer im Argen lagen und politische Entscheidungen getroffen wurden, die nicht verfassungskonform sind: institutioneller Rassismus ist ein Beispiel. Und dennoch: Auch wenn Menschen mit Entscheidungsbefugnis Fehler machen, selbstsüchtig, machtbesessen, intolerant oder schlicht Arschlöcher sind – nie habe ich geglaubt, dass die Verfassung infrage stand. Selbst dann nicht, wenn Dinge geschahen, die nicht verfassungskonform waren.

Das ist jetzt anders. Regierende Politikerinnen und Politiker, allem voran unsere erste Frau im Staate und ihr Handlanger, der Innenminister, haben unverblümt Sicherheit über andere Rechte gestellt, die uns laut Verfassung zustehen. Und wessen Sicherheit meinen sie wohl? Die Sicherheit der Staatsapparate. Das ist die Denke totalitäter und ganz sicher nicht demokratischer Systeme. Täusche ich mich, oder wäre noch vor 20 oder 30 Jahren ein Minister, der ein Supergrundrecht erfindet und sich damit offen über die Verfassung stellt, mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt worden? Wo bleiben die Rücktrittsforderungen, von der Bruno Kramms, Bundestagskandidat der Piraten, mal abgesehen?

Ich glaube fest daran, dass wir keine andere Wahl haben, als bei der kommenden Bundestagswahl so zu wählen, als könne es unsere letzte sein. Natürlich weiß ich, dass das paranoid klingt. Aber wie soll Paranoia, also Vefolgungswahn, überhaupt noch ein verlässliches Symptom  sein, wenn sie nachweislich sowieso hinter jedem von uns her sind? Wie paranoid ist es denn, Angst um freie Wahlen, Meinungsfreiheit, Recht auf Privatsphäre zu haben, wenn regierende Politikerinnen und Politiker offen sagen, dass Grundrechte nicht mehr unumstößliche Basis unserer Gesellschaftsordnung, sondern etwas Verhandelbares, Abwägbares, Relatives sind? Wenn DAS möglich ist – was ist sonst möglich?

Doch, es hat sich etwas verändert: Vielleicht werden wir genauso überwacht, wie es schon seit 2007 oder sogar früher der Fall ist – ohne dass die Mehrheit von uns konkrete Auswirkungen im täglichen Leben gespürt hätte. Aber seit einigen Tagen fehlt mir der Glaube daran, dass die Regierung meines Landes

das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen

wird, so wie jedes einzelne ihrer Mitglieder es einmal mit der Eidesformel bei der Amtseinführung geschworen hat. Nicht, weil ich paranoid bin. Sondern weil sie es sagen.

Ich wünschte, ich könnte Personenschutz vor meiner eigenen Regierung beantragen. Und ich werde im September wählen, als könnte es meine letzte Chance sein, an einer freien Wahl teilzunehmen. Was könnte ich sonst tun?