Das wunderbare Internet mag ich sehr – und das nicht nur wegen der vielen lustigen Youtube-Filmchen. Nein, ich mag das Internet auch, weil ich zu jedem Thema, das mir urplötzlich in den Sinn kommt, Ergebnisse irgendwelcher herrlich unnützer Studien finde. Nehmen wir das Beispiel Entscheidungen. Ich selber bin keine sehr entscheidungsstarke Person; bei mir führt häufig schon eine umfangreiche Speisekarte heftiges Kopfzerbrechen herbei.
Das Internet aber, das weiß alles: Auch dass es Menschen leichter fällt, Entscheidungen zu treffen, wenn sie dringend pinkeln müssen. Das haben nämlich Wissenschaftler der niederländischen Universität Twente herausgefunden. Und jetzt kommt’s: Forscher der Universität von Michigan kamen unabhängig von den Niederländern zu dem Ergebnis, dass bloßes Händewaschen dazu beiträgt, Zweifel an der Richtigkeit einer Entscheidung zu verlieren; die Studie war ein Jahr vor der Urin-Offenbarung veröffentlicht worden. Die Wissenschaft hat also zunächst entdeckt, wie man Zweifel an einer Entscheidung verliert: indem man sie einfach fortwäscht. Und fand praktischerweise bald darauf einen passenden Anlass für die Händesäuberei: den Harndrang, der Entscheidungsprozesse ratzfatz abkürzt. Das hat die Natur sich doch absolut genial ausgedacht!
So unnütz sind sie letztlich nicht, diese Fakten rund um Pipi und Seife. Denn wir alle wissen auch (nicht aus dem Internet, sondern aus Erfahrung): Entscheidungen zu treffen, macht unheimlich müde. Die dazu passende Studie stammt von der Universität in Minnesota. Jede Auswahl ist für das Gehirn eine Belastung. Sogar wenn wir zwischen zwei angenehmen Dingen wählen müssen. Möchte ich Apfelsaft oder Cola trinken? Gucke ich mir heute Abend den Bohlen oder das „Traumschiff“ an? Wenn diese Kleinigkeiten schon Stress fürs arme Hirn sind, mag man gar nicht an die Schwerarbeit bei wesentlichen geschäftlichen Entscheidungen denken: Werfe ich Müller oder Schneider raus? Biete ich die Million oder ziehe ich mich aus der Verhandlung zurück? Flirte ich auf der Weihnachtsfeier mit dem Mäuschen aus der Buchhaltung – oder lasse ich das lieber?
Der Kampf gegen den Für-und-Wider-Overkill im Hirn schien bislang aussichtslos. Manch einer versucht, die Zahl der täglichen Entscheidungen zu reduzieren, indem er Regeln aufstellt: Montag ist der graue Anzug und die blaue Krawatte dran, Dienstag wird das beige Hemd durch das weiße ersetzt. Oder man trägt grundsätzlich Rot, immer. 52 Wochen im Jahr kann man auf diese Weise wenigstens die morgendlichen Kleidungsfragen auf ein Minimum reduzieren. Doch egal, wie sehr man das Leben strukturiert – irgendwas bleibt am Ende trotzdem noch auszuwählen. Und wenn es die Kassiererin im Supermarkt zu verantworten hat, die alle Vorsätze, dem Gehirn Entscheidungsurlaub zu gönnen, mit „Papier- oder Plastiktüte? Und möchten Sie Treuepunkte sammeln?“ über den Haufen wirft.
Dabei dürfen wir es uns doch ganz, ganz leicht machen: Wir müssen lediglich mit Entscheidungen warten, bis die Blase voll ist. Und alle Zweifel, die im Anschluss an die Erleichterungsentscheidung übrig bleiben, im Abfluss des Handwaschbeckens runterspülen. Müller rauswerfen, die Million zur Seite legen, das Mäuschen bezaubern – und ja, klar, her mit den Treuepunkten! Spüren Sie in sich hinein, wenn das Lebens nach Antworten ruft – Sie haben sie alle sprichwörtlich im Urin.
Veröffentlicht im SÜDWESTFALEN MANAGER (Ausgabe Mai 2012) unter der Rubrik „Parallelwelten“.







Posts