Die vegane Arbeitswoche – ein Experiment

Es begann mit der Idee eines Facebook-Freundes und eigener Experimentierfreude: Thomas C. Böhm verkündete vor einiger Zeit in einer Statusmeldung, ausprobieren zu wollen, ob es ihm Spaß machen könne, sich eine Arbeitswoche lang vegan zu ernähren. Konsequent zum Frühstück, in der Mittagspause, am Abend und auch für Snacks ausschließlich auf tierproduktfreie Lebensmittel zurückzugreifen. Weil ich gerne mit neuen Rezepten experimentiere, mit rein veganer Küche noch überhaupt keine Erfahrung hatte und die Idee spontan mochte (“Kann das Spaß machen?” ist doch als Ausgangsfrage ein prima Startpunkt für einen Test), schloß ich mich seinem Vorhaben an. Und weil ich eine Bürogemeinschaft habe, die für Experimente leicht zu begeistern ist, hatte ich schnell zwei Mitstreiter, die mit mir zusammen experimentieren würden. Gemeinsam mit Thomas legten wir eine Kalenderwoche fest, in der wir unsere vegane Erkundungstour virtuell dokumentieren und uns miteinander austauschen würden – Thomas in Bielefeld und Markus, Simon und ich in Siegen. Knifflig: In der Büroküche steht uns nichts als eine Mikrowelle zur Verfügung. Vorgekochte Mahlzeiten müssen also mikrowellentauglich sein – das schränkt die Auswahl empfindlich ein.

Operation gelungen, Affe tot?

Die vegane Woche ist nun rum, und wir sind alle leichenblasse, freudlose Gestalten geworden, die fortan verkniffen an ihren Möhren nagen und anderen Menschen vorwurfsvoll auf die Schnitzel starren … Blödsinn: Um es vorwegzunehmen, uns allen geht es prima, und auf die Ausgangsfrage “Kann das Spaß machen?” lautet unsere Antwort: Jepp, kann es.

Spaghetti aus 100 % Hartweizengrieß mit Soja-Schnetzeln, Soße nach eigenem Gutdünken zubereitet wie eine Bolognese. Highlight: geriebene Pinienkerne.

Nasi Goreng mit Cashewkernen, Seitan, Erbsen und Paprika - Rezept aus dem Kochbuch "Vegan for Fun" von Attila Hildmann.

Was keinen großen Spaß macht, ist die monotone Reaktion eines bestimmten Personentyps, die ich schon aus meinen vegetarischen Teenagertagen kenne: Sag den Leuten, dass du momentan kein Fleisch isst, und es kommen garantiert Menschen, die daraufhin antworten, du bräuchtest “erst mal ein anständiges Schnitzel”. Ich müsste mal einen Gegenversuch starten – sagen, “Ich esse diese Woche mal kein Obst”: Ob dann jemand erwidern wird: “Du brauchst erst mal einen anständigen Apfel!”?

Und wie war das nun mit den neuen Rezepten?

Ich habe ein paar grundsätzliche Erkenntnisse in der veganen Woche gewonnen:

Tomatentopf mit sättigender Polenta (gewürzt mit Salbei und Rosenpaprika, angebraten in Rapsöl) - ein Klick aufs Bild führt zum Rezept auf kuechengoetter.de

- Unbefriedigend finde ich fast jeden Versuch, fleisch,- milch- oder eihaltige Mahlzeiten zu imitieren. Alternativen zu suchen ist dagegen spannend – Imitat bleibt aber irgendwie fast immer fade Fälschung. Wenn ich beispielsweise Ersatz für Parmesan suche, möchte ich stattdessen keinen gefälschten Parmesan – aber mal gemahlene Nüsse oder Pinienkerne über Spaghetti zu streuen, ist eine ganz neue und leckere Erfahrung. (Mache ich jetzt öfter.)

- Ohne vegane Woche hätte ich mich nie so intensiv mit Lebensmitteln beschäftigt, dass ich jetzt beispielsweise wüsste: In vielen Obstsäften und Limonaden ist Gelantine enthalten, die nicht einmal deklariert werden muss. Selbst wenn man keinen Grund hat, tierprodukthaltige Lebensmittel zu umgehen, so bleibt doch die Erkenntnis zurück, dass wir unseren Lebensmitteln merkwürdig entfremdet sind. Sollte man nicht meinen, ein gelungener Obstsaft benötigt Früchte und etwas Süßungsmittel und sonst gar nichts?

Ein kulinarisches veganes Highlight: Hummus aus gekochten Kichererbsen mit ordentlich Knoblauch, Zitronensaft, Salz und Cayennepfeffer, Sesampaste, Olivenöl und gehackter Petersilie. Israelischer Salat mit Tomaten, Paprika, Gurke, Zwiebel, Olivenöl, Salz, Pfeffer, Petersilie. Mit großem Dank an Daniela H. für dieses Rezept!

- Ich bin richtig dankbar für die Entdeckung von Polenta (gut gewürzt und frisch angebraten finde ich sie ganz wunderbar), Seitan (ein Reformhaus-Artikel aus gepresstem Weizenprotein; ist nicht jedermanns Sache, aber ich mag es ganz gerne und es kann Gerichten einen etwas größeren Sättigungsgrad geben) und selbstgemachtem Hummus (ein Kichererbsenpürree – unkompliziert zubereitet, superlecker, toll als Dip für künftige Mitbring-Party-Büffets).

"Muffins mit Überraschung" (Waldbeeren und Zartbitterschokolade) - ein Klick aufs Bild führt zum Rezept auf Chefkoch.de

- Die größte aller Entdeckungen sind aber die veganen Backrezepte. Und zwar aus drei Gründen, von denen mich beim Backen schon jeder einzelne allein happy machen könnte: 1. Schmeckt super, 2. ist ultrasimpel, 3. geht schneller als viele andere Rezepte mit Ei und Milch. Da ich ja rausgefunden habe, dass es Menschen misstrauisch macht, wenn man Lebensmittel “vegan” nennt (es könnte ja sein, dass die Wortwahl doch einen verkappten Weltverbesserer entlarvt), kann man zu veganem Backwerk alternativ “besonders einfache und schnelle selbstgemachte Kuchen” sagen. (“Einfach und schnell” macht die Mitmenschen nämlich nicht misstrauisch.)

“Ich habe leider kein Foto für dich” – der beste Kuchen der Welt

Es gibt kein Foto von dem genialen veganen Walnusskuchen, der in ungelogen 25 Minuten zubereitet (ja: 25 Minuten für Vorbereitung UND Backen!) und superlecker ist. Ehrlich gesagt ist der Kuchen auch gar nicht sonderlich fotogen geworden – frei nach Fernsehkoch Horst Lichter: “Ich kann nicht hübsch, ich kann nur lecker.” Hier das Rezept:

Schneller und einfacher Walnusskuchen, milch- und eifrei

300 Gramm Mehl, 3 bis 4 Hände voll grob gehackter Walnüsse (nicht zu klein machen, die geben dem Kuchen den Biss), 250 Milliliter Sojamilch, 200 Gramm braunen Zucker, 150 Milliliter Rapsöl und je 1 Päckchen Vanillezucker und Backpulver verrühren. Auf Backpapier (für ein kleines Backblech) verstreichen, bei 200 °C 20 Minuten lang in den Ofen. Nach Belieben mit Glasur (falls es vegan bleiben soll, auf die Inhaltsstoffe achten!) oder Puderzucker aufhübschen. Ehrlich, das war’s schon. Mögen alle (außer diejenigen mit Nussallergie)!

“Ist so eine Woche voller Verzicht nicht schrecklich?”

Ich habe die Experimentierwoche überhaupt nicht als Verzicht empfunden, sondern als Erweiterung meines Nahrungsspektrums. Mal angenommen, ich fahre jedes Jahr in den Urlaub nach Italien, aber in einem Sommer probiere ich mal Griechenland aus – hätte ich dann in Griechenland das Gefühl, auf Italien zu “verzichten”? Ich fand’s toll, mit unbekannten Rezepten mal neuen Boden zu betreten.

Und das war’s jetzt mit der veganen Küche?

Na ja, wo ich grad so schön im Schwung bin: Bislang habe ich noch nicht wieder Fleisch gegessen (Käse aber schon) und am Wochenende hab ich einen veganen arabischen Linseneintopf gekocht. Die Jungs im Büro wissen es noch gar nicht, aber die Chancen, heute Mittag was davon abzubekommen, stehen ziemlich gut für sie. Ich hab jedenfalls das Gefühl, dass es noch zu viel auszuprobieren gibt, als dass mir die fünf Werktage schon gereicht hätten.

Wann startet das nächste Kochexperiment und was machen wir? Ich wäre wieder dabei!

Abgeschnitten? Kein Problem!

Ganz bewusst mal nicht online sein, unerreichbar bleiben, um abzuschalten, telefonisch und virtuell eine Auszeit nehmen: Alles schön und gut, wenn das freiwillig geschieht. Aber wenn nichts geht, weil es beim Telefonanbieter gebrannt hat, und die Pause zwangsverordnet ist: Halten Sie das aus?
Ob ich damit klarkomme? Aber sicher. Himmel, man muss die Dinge optimistisch so nehmen, wie sie hereinbrechen. Lese ich halt endlich mal das Fachbuch zu Ende. Dazu komme ich ja sonst während der Arbeitszeit nicht. Oder mal in Ruhe Buchhaltung machen, Belege sortieren – hervorragend, dass ich mich nicht um Anrufe kümmern kann, so kriege ich endlich Ordnung in die Ablage. Ist wirklich wie ein Geschenk des Himmels, so ein unerwarteter Technikausfall … Nur dass ich via Facebook-Status nicht erzählen kann, wie heldinnenhaft ich mit der unerwarteten Situation zurechtkomme, das tut ein wenig weh.
Ob die Verbindung jetzt wieder steht und die Außenwelt ein schnelles Lebenszeichen erwartet? Nee, immer noch offline. Alles klar, macht nichts, ich wollte es nur mal eben überprüft haben. Bevor ich noch mal gucke, lese ich aber erst mal fünf Seiten. Das Telefon geht auch noch nicht, nein? Nee, war auch nicht zu erwarten. Ist aber egal, ich wollte ja lesen. Man stirbt ja nun echt nicht dran, wenn man mal ein paar Stunden lang nicht weiß, was im Internet passiert. Bin ja kein Sklave meiner virtuellen Verbindungen! Ich habe neulich einen prima Artikel auf ZEITonline gelesen, da ging es um dieses Thema, der Link müsste noch in meiner Browser-Chronik zu finden sein … Ah, da hab ich nicht nachgedacht, das kann ich ja gerade gar nicht nachgucken. Tut gut, sich mal ungestört auf das gedruckte Wort zu konzentrieren! Ob ich wohl endlich eine Antwort auf die E-Mail wegen des Termins in Berlin gekriegt hab? Ich müsste ja langsam wissen, ob ich mein Hotel bis Donnerstag oder Freitag buchen soll. Ob die gerade versuchen, mich anzurufen? Können sie ja nicht. Ohne den Grund zu kennen. Mache ich wohl einen unseriösen Eindruck, wenn ich einen ganzen Werktag lang unerreichbar bin? Wie komme ich eigentlich auf „einen Werktag“? Was, wenn die das nicht in den Griff kriegen? Ob morgen überhaupt alles wieder in Ordnung ist? Oh Gott …!
Hier im Büro werde ich echt unruhig; ich brauche Ablenkung. Ob ich außerplanmäßig zum Friseur gehe? Ich habe leider keine Ahnung, wie die Öffnungszeiten sind, die würde ich sonst auf der Website nachschlagen. Räume ich halt erst mal den Arbeitsplatz auf: Oh, eine Mahnung; ich hab offensichtlich vergessen, die Rechnung für meine neue BahnCard zu begleichen. Gut, dass ich gerade daran denke, blöd, dass ich als Kundin einer Direktbank ausschließlich online überweisen kann.
Klar halte ich es ohne Telefon und Internet aus. Wie war das noch mal mit diesem Wahnsinnigen in Stephen Kings „Shining“? Ist der nicht auch von der Außenwelt abgeschnitten, ehe er durchdreht, eine Axt nimmt und seine Familie zerhackt? Wenn ich das behaupte, würde ich die Geschichte eigentlich zur Sicherheit gerne googeln, ehe ich falsche Erinnerungen verbreite. Geht natürlich immer noch nicht, ist aber nicht so schlimm, das halte ich aus. Wirklich! Aber eins sag ich Ihnen: Wenn dieser Telekommunikationsausfalls-Super-GAU ein Vorbote der Apokalypse ist, dann bin ich froh, dass ich direkt vor dem Weltuntergang wenigstens keine Zeit für die Steuererklärung verschwendet habe!

Veröffentlicht im SÜDWESTFALEN MANAGER (Ausgabe Februar 2013) unter der Rubrik „Parallelwelten“.

Kopfgeburten

Wie kommen eigentlich die Ideen in den Kopf? Die altgedienten Klischees – der Apfel, der dem Wissenschaftler auf den Kopf fällt oder „Die besten Ideen kommen immer auf dem Klo“ – helfen nicht unbedingt beim Wachrufen: Man kann sich nicht mit unbegrenzt viel Obst bewerfen lassen und hat nicht immer ausreichend Zeit im Badbereich, wenn die Notwendigkeit für einen genialen Denkanstoß gerade sehr akut ist. Der Musenkuss war ein tolles Gedankenkonstrukt früherer Epochen; wenigstens konnte man die Muse, dieses dumme Luder, von Herzen beschimpfen, wenn sie sich gerade wieder einmal mit Migräne entschuldigte, statt sich zum Kuss herabzulassen. So ließ sich immerhin die Verantwortung auf die dumme Musenkuh schieben, die sich nicht zeigen wollte, anstatt an der eigenen Einfallslosigkeit zu verzweifeln.

Apfel, Toilette, Muse – das bringt also alles nichts, wenn schnell ein Einfall her muss. Wenn McGyver in der Falle sitzt, seufzt er ja auch nicht erst in Richtung Kamera „Ich gehe mal für kleine Königstiger, dann fällt mir schon was ein!“, bevor er aus einer Kugelschreibermine, einem Kaugummi und einem Bindfaden eine Bombe oder ein Trampolin bastelt.

Eine Methode, die eine gute Weile lang Erfolge zeigen kann, ist das Warten auf die Deadline. Wenn ein gesetzter Termin, am besten sogar mit Uhrzeit, nah und immer näher rückt, dann presst das Gehirn irgendwann Spontangedanken heraus wie bei einer Sturzgeburt. Wer das Warten auf fünf vor zwölf allerdings zur Lebensphilosophie erklärt, der wird früher oder später mit der mentalen Gesundheit eines Lemmings mit Depressionen seine Tage fristen. So ein Gehirn ist nämlich nicht blöde: Das ist durchaus bereit, seinen Träger wohlwollend mit Spontaneinfällen aus größter Not zu helfen – aber es lässt sich nicht vergackeiern und sich dauerhaft vorspielen, es müsse McGyver aus der Hand peruanischer Terroristen befreien, die ihn in einen Müllcontainer gesperrt und auf den Weg zur Verbrennungsanlage geschickt haben.

Ein Ideenfundus ist was Tolles. Jeder berufstätige Mensch sollte einen an seinem Arbeitsplatz haben. Entweder als gleichnamig benannte Datei auf dem Computer, als griffbereite Kladde auf dem Schreibtisch oder in Form eines netten Kollegen, dem man im Fall eines Einfalls sagen kann: „Erinnerst mich doch dran, dass ich diese Idee mal hatte, wenn ich sie dann brauche, woll?“ Ich persönlich besitze so etwas übrigens auch. In meinem Ideenfundus befinden sich zwei Einträge. Nummer eins lautet: „Wenn der Mond bei klarer Nacht nahe am Horizont so groß erscheint, ist das eigentlich ein neurologisches Phänomen. Betrachtet man ihn dann kopfüber durch die Beine, sieht alles wieder ganz normal aus.“ (Ich weiß nicht mal mehr, wo ich das abgeschrieben habe, ich hab es mir aber nicht ausgedacht!) Diese Notiz trägt zusätzlich den Vermerk: „Wird mal ein astreiner Aufhänger für eine Kolumne!“ Und Eintrag Nummer zwei besagt: „Füll endlich den Ideenfundus, zu dieser Mondsache fällt dir eh nie was ein!“ Merke also: Die Grundidee der Gedankensammlung könnte ganz wunderbar sein, wenn es nicht wie so oft im Leben letztlich an der Umsetzung scheitern würde.

Aber es gibt sie selbstverständlich, die herrlichen Wege der Ideenfindung. Sobald ich eine Idee habe, wie man sie entdeckt, sage ich Bescheid. Ehrensache!

Alles ist eine Geschichte

In diesem Blog ist es viel zu ruhig – viel ruhiger, als ich es ahnte, bevor ich merkte, dass regelmäßiges Bloggen viel mehr Aufwand bedeuten würde als gedacht. Aber einmal im Jahr, da passiert hier auf jeden Fall was. Was Schönes! Denn mein Lieblingsnetzwerk, der Texttreff, veranstaltet – wie schon 2011 – zum zweiten Mal das vorweihnachtliche Blogwichteln. Insgesamt 63 Texterinnen besuchen sich dieses Jahr gegenseitg in ihren Blogs und verschenken aneinander Blogbeiträge. Im letzten Jahr waren Petra A. Bauer und Christa Goede bei mir zu Besuch. In diesem Jahr werde ich selber an einem Tag irgendwann bis zum 24. Dezember zu Gast in Livia Grupps Text und Schreiben sein. Und jetzt freue ich mich unheimlich über Andrea Behnke, die für den Textsektor-Blog geschrieben hat. Andrea ist Autorin des Buches  Und was passiert dann? – Geschichten erfinden mit Kindern. Für den Textsektor-Blog hat sie Tipps zusammengestellt, wie auch Erwachsene Hemmungen überwinden, um *sie* rauszulassen – die Geschichten, die erzählt werden wollen. Lest selbst!

Wir erzählen uns oft etwas: wie es auf der Arbeit war, was wir im letzten Urlaub erlebt  haben oder wovon der Kinofilm handelte. Doch wenn es darum geht, Geschichten zu erfinden, bekommen viele Erwachsene sofort eine Mundsperre. Die Worte sind drin und wollen nicht raus. Zu groß die Angst, dass die Geschichte „unspannend“ sein könnte, dass wir die anderen langweilen oder dass wir uns verhaspeln.

Dabei ist Geschichten erfinden – Storytelling, wie es neudeutsch heißt – wieder angesagt. Im Marketing werden Geschichten erzählt, um Produkte erlebbar zu machen, Erzähltheater ist wieder in, und Eltern erzählen wieder mehr mit ihren Kindern als noch vor einigen Jahren.

Also: Trau dich ruhig – auch ohne Kinder oder Enkelkinder. Denn Geschichten zu erfinden macht einfach Spaß und schult die Improvisationsfähigkeit. Warum nicht mal einen Erzähl-Abend mit Freunden veranstalten? Gerade zu Weihnachten oder Silvester könnte das eine nette Abwechslung sein.

Dazu braucht es nicht viel: allenfalls ein paar kleine Utensilien und Phantasie. Letztere müssen Erwachsene vielleicht ein bisschen mehr kitzeln als Kinder – aber, keine Angst, es funktioniert, wenn du dir den Druck nimmst. Es geht schließlich nicht um eine perfekte Geschichte, die veröffentlicht werden soll, sondern um das Fabulieren.

Ganz einfache Erzählspiele können den Anfang machen.

Flaschendrehen

Sicher kennen alle Flaschendrehen von ihren ersten Teenie-Partys. So kannst du zusammen mit anderen auch eine Geschichte erfinden (und nein, du musst dich dabei nicht ausziehen – versprochen). Du legst einige einfache Alltagsgegenstände in einen Kreis. Mach dir beim Aussuchen keine großen Gedanken. Es können zum Beispiel ein Handy, eine Haarspange, eine Kastanie, ein Bild aus einer Zeitschrift, eine Schachtel Kekse und Ähnliches sein. Dann setzen sich alle in einen Kreis; der Erste dreht. Der Gegenstand, auf den die Flasche zeigt, wird zur Hauptfigur der Geschichte. Das Handy zum Beispiel. Wer gedreht hat, fängt an und erzählt ein paar Sätze vom Handy. Dann dreht der Nächste. Der muss einen neuen Gegenstand in die Geschichte einknüpfen. Der Zufall erfindet also mit – und gibt der Geschichte kuriose Wendungen.

Dreier-Geschichten

Auch hier spielt der Zufall die Hauptrolle. Jeder schreibt drei Worte auf drei Zettel: ein Adjektiv, eine Person und einen Ort. Anschließend darf jeder einen Zettel aus jeder Kategorie ziehen. Da kommen zum Teil ganz wilde Kombinationen heraus, etwa: ein Autoverkäufer, Wüste, schneeweiß. Merkst du, wie es schon anfängt, im Kopf zu rattern? Was macht der Autofahrer in der Wüste? Wie kam er dahin? Gibt es in der Wüste Autos? Und was ist schneeweiß? Und schon entspinnt sich eine Geschichte. Man kann natürlich auch mit zwei Begriffen anfangen: zum Beispiel eine Märchenfigur und ein Ort. Oder ein Tier und ein Beruf. Beziehungsweise ein Beruf und eine Tätigkeit.

Überall erfinden

Im Grunde kann alles zu einer Geschichte werden. Übe doch einfach einmal für dich. Beim Kochen: Ist der Kochlöffel nicht eine prima Figur? Was hat sie erlebt? Mit wem ist er in der Schublade befreundet? Oder auf dem Weg zur Arbeit: Wer wohnt wohl in diesem kleinen Gartenhaus. Wie sieht es von innen aus? Was passiert in dem Häuschen? Geschichten liegen buchstäblich auf der Straße. Du musst sie nur rauslassen.

Andrea Behnke

Mein Haus, mein Auto, meine Zeit!

Ich habe unlängst einen Unternehmer kennengelernt, der ziemlich heikle Geschäfte wuppt. Dabei geht es um viel Geld und Verantwortung. Die Menschen, die in seiner Branche tätig sind, kommen in der Woche locker auf Arbeitszeiten von 70, 80 Stunden. Und es ist eine Branche, in der wirklich hervorragende Honorare gezahlt werden. Deshalb, so hat mir dieser Unternehmer erzählt, gibt es unheimlich viele Luxuswagen-Besitzer unter seinen Kollegen. Porsche, Maybach, dicke SUVs, … (Ein paar Marken, die er aufzählte, kannte ich nicht mal, so exklusiv sind die. Ich fahre Golf.) Je eindrucksvoller das Auto, desto erfolgreicher laufen die Geschäfte. Dieser eine Unternehmer aber hat sich zur großen Verwunderung seines Umfelds ein komplett anderes Statussymbol ausgesucht – eines, mit dem er bei seinen Kollegen offene Münder, totale Fassungslosigkeit und puren Neid erzeugt.

Mein neuer Bekannter erkauft sich mit geschäftlichen Erfolgen nämlich Freizeit. Je gewaltiger der Laden brummt, desto mehr freie Zeit gönnt er sich. Er klemmt sich als Belohnung für harte Arbeit Frau und Kind unter den Arm und verschwindet für drei Monate in die Berge oder ans Meer. Er kennt keinen einzigen Mitbewerber, der sich ein so teures Statussymbol leistet wie er. Die anderen fahren bloß Ferraris.

Neulich hörte ich zum wiederholten Male eine Bemerkung, auf die ich quasi reflexartig konsterniert reagiere. Jemand klagte darüber, am nächsten Arbeitstag – wie immer – sehr früh aufstehen zu müssen. Und an mich gewandt: „Du als Selbstständige hast es gut. Du kannst dir deine Zeit frei einteilen.“ Wenn ich so einen Satz höre, bricht in mir sofort ein Sturm der Entrüstung los: Ob man sich wohl einbilde, dass ich keine Termine einhalten müsse, ob man wirklich verkenne, dass ich mehr als manch anderer Büroarbeiter die Projekte täglich im Kopf mit nach Hause nehme; dass es für mich keine Freizeit nach Stechuhr gebe … Ziemlich verrückt, oder? Als sei es eine Beleidigung, Zeit zur freien Verfügung zu haben. Wenn ich an diesen Unternehmer denke, für den Freizeit ein Statussymbol ist, dann hatte die Bemerkung in seinem Sinne fast so eine Bedeutung wie: „Wow, du fährst also Maserati!“ Und würde mir ein Luxuswagen unterstellt, wäre mein erster Impuls ja auch nicht, meine berufliche Leistung als zu wenig gewertschätzt aufzufassen. Ich würde den Irrtum wahrscheinlich aufklären, aber wäre wohl eher geschmeichelt als erbost.

Doch mein innerer Aufruhr, wenn meine Arbeitszeit falsch eingeschätzt wird, entspricht natürlich einer urdeutschen Grundeinstellung: Erfolg bedeutet in den meisten Köpfen, absolut keine Freizeit haben zu dürfen. Und im Umkehrschluss: Wer nicht täglich von 8.00 bis 22.00 Uhr im Büro schuftet, ist vermutlich nicht erfolgreich. Dabei gibt es mittlerweile zahlreiche Untersuchungen, die belegen: Die Qualität der Leistung nimmt keineswegs zu, wenn an die Kernarbeitszeit noch einmal ein halbes Dutzend Überstunden angehängt wird. Auch Schlafmangel wird als qualitätssteigerndes Doping erheblich überschätzt.

Ich möchte mir gerne ein Vorbild daran nehmen, freie Zeit zum Statussymbol zu erheben. Wenn ich künftig mal Lust zum Angeben habe, liegt nahe, was ich machen muss: Ich tue so, als würde ich mit zwei Stunden am Schreibtisch pro Tag, ach was: pro Woche meinen kompletten Lebensunterhalt finanzieren können. Wenn ich mal so richtig Eindruck schinden will, arbeite ich in Zukunft einfach heimlich.

Veröffentlicht im SÜDWESTFALEN MANAGER (Ausgabe September 2012) unter der Rubrik „Parallelwelten“.

Freutag Nummer 2

Huch. Ich hätte den Freutag fast vergessen! Diesen Fokus aufs Freuen hab ich wohl noch nicht verinnerlicht. Aber spätestens ab dem dritten Mal wird er hoffentlich zur Gewohnheit geworden sein!

Diese Woche habe ich mich gefreut über …

… eine lang vor mir hergeschobene Entscheidung, die ich endlich gefällt hab. So etwas tut gut.

… die Anmeldung einer besonders gemochten und bewunderten Kollegin zum Barcamp Siegen – es wird toll sein, sie wiederzusehen, ganz unabhängig vom Umstand des Treffens. ;-)

…  Titanic im Fernsehen (läuft grad im Hintergrund). Ich kann ihn allmählich mitsprechen und finde, anders als als Teenager, dass die Liebesgeschichte unglaublich flach ist, das Porträt von Jack Rose überhaupt nicht ähnlich sieht und dass einige Dialoge ziemlicher Käse sind. Aber ich verbinde schöne Erinnerungen mit den anderen 22 bis 25 Malen, die ich ihn schon sah, und deshalb macht mich der Zufallsfund im Fernsehprogramm happy.

- Urlaub gebucht. Tauchen auf Gozo. Da waren wir schon einmal irre glücklich, kennen die Tauchbasis und das liebenswerte Team dort, das Appartment, in dem wir wohnen werden, und das drollige alte Ehepaar, das ganz nahe bei der  Unterkunft ein kleines Lebensmittelgeschäft betreibt. Blue Hole und Cathedral wiederzusehen, damit die tollsten Taucherlebnisse meines Lebens zu wiederholen, das beschwingt. :-)

(Danke, Petra. Die Freutag-Aktion ist toll!)

Freutag Nummer 1

Petra A. Bauer, die Bauerngartenfee, hat eine unheimlich schöne Idee für eine langfristige Blogaktion: Jeden Freitag aufschreiben, was die Woche über am meisten happy gemacht hat. “Freitag ist Freutag” heißt die Aktion, die bis zum 31.12.2012 dauern wird – also: strenggenommen bis zum 28.12., weil das der letzte Freitag des Jahres sein wird.

Mein innerer Psychologe jubiliert über die Aussicht, sich Woche für Woche auf die freudigen Dinge der vergangenen 7 Tage zu konzentrieren – das ist ein geradezu therapeutisches Vorhaben; auf jeden Fall eines, das Spaß machen wird! Und Spaß wirkt schließlich  therapeutisch, oder?

Diesen Freitag geht es los – und ich wähle gleich drei Dinge, die diese Woche schön gemacht haben:

1. Ich habe einen bunten Strauß Gerbera, meiner Lieblingsblumen, vom Herzensmann überreicht bekommen. Einfach so, ohne Anlass – ich fand das zum Knutschen süß. (Ich kriege übrigens immer mal Blümchen geschenkt. Und ich freue mich jedes Mal total. Ich würde mich so gerne mal revanchieren, weiß aber, dass Blumen nicht vergleichbar gut ankommen werden – ich sollte einfach regelmäßiger mal Schnitzel mit nach Hause bringen. Was mir die überraschende Blume ist, ist dem Herzensmann das Schnitzel. :-))

2. Überraschungsbesuch von der Freundin mit der supercoolen 7-jährigen Tochter am lauen Sommertag. Eigentlich Freude genug – aber es wurde noch besser. Beim angekündigten Abschied sagt der zauberhafte Nachwuchs (ohne Bestechungsversuche von der Erwachsenen ans Kind, ich schwöre!): “Mama, geh ruhig schon vor, ich bleibe lieber noch hier.” Da darf das Erwachsenenherz doch mal in die Höhe hüpfen, wenn das Kind ein solches, unbestochenes Kompliment macht? Meins hüpfte. Wenn Kinder einem signalisieren, dass man als Gesellschaft durchaus gern gesehen wird, hat man ja irgendwas richtig gemacht!

3. Ich freue mich über “Freitag ist Freutag” –  sogar sehr. Wir kümmern uns doch alle viel zu selten ums Freuen. Das sollten wir öfter tun. Alle und immer. Was haben wir zu verlieren, außer der schlechten Laune?

Schönes Wochenende, Welt!

PS: In die Freude-Blog-Aktion kann natürlich jeder jederzeit noch einsteigen.

Da ist für jeden was drin

Als die Givebox in Siegen entstand, hatten die Organisatoren zwei Dinge im Sinn – zusammengefasst etwa: “Das wird wahrscheinlich ziemlich viel Spaß machen” und “Endlich werden wir unsere eigenen Stehrümchen (“Stehrümchen” = “Steht nur rum” = “Dinge, die Minuspunkte auf dem Feng-Shui-Karmakonto bedeuten”) los”. Zumindest ich hatte gar nicht groß mit eigenen Entdeckungen in der Box gerechnet. Aber manchmal springen mich Dinge an, derer ich mich nicht erwehren kann …

… zum Beispiel ein ganz zauberhaftes T-Shirt mit neckischem Faltenwurf am Ausschnitt (ich dachte eigentlich immer, Blau steht mir nicht!):

… oder dieser Benetton-Blazer in tadellosem Zustand, der wie angegossen sitzt: Da ist für jeden was drin (weiterlesen »)

Unterwegs mit Tschick, Jack, Holden

Wow!

Ich meine …: wow!! Es ist schon lange nicht mehr passiert, dass ich – wie am vergangenen Wochenende – ein Buch an einem Tag verschlungen habe und nach der letzten Seite am liebsten wieder von vorne begonnen hätte.  Und dann auch noch ein Buch, das von zwei 14-Jährigen handelt – mit 14-Jährigen identifiziere ich mich schon ein ganzes Weilchen nicht mehr. Und ehrlich gesagt, normalerweise interessieren sie mich auch nur wenig. Bei Wolfgang Herrndorfs “Tschick” war das anders – und dabei misstraue ich sonst vor allem Büchern, die ganz oben auf Spiegel-Bestsellerlisten stehen.

Ich habe mich beim Lesen gefragt, ob ich das Buch auch gemocht hätte, wenn ich es als Jugendliche gelesen hätte – aber als ich selber 14 war, hat mich das Thema Unterwegs-Sein lange nicht so gefesselt wie heute. Und ich hätte den sanften Sarkasmus im Buch wahrscheinlich noch nicht kapiert. Nein, ich glaube, es ist kein Buch für Jugendliche, sondern ein Buch für Erwachsene, die als Jugendliche selber gerne ein wenig mehr Abenteuer gewagt hätten.

Bei der Lektüre dieser Geschichte um einen Roadtrip zweier 14-Jähriger, die in einem geklauten Lada im Osten Deutschlands unterwegs sind, hatte ich folgende wilde Assoziationen:

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Wie unterrichtet man ein Kind, das nicht sehen oder hören kann?

Wie kommuniziert man mit einem Schüler, in dessen Welt es weder Farben noch Schemen oder Töne gibt? Der nur über Berührungen mit seiner Umgebung in Kontakt steht?

Die Taubblinden-Pädagogin Inez Aschenbrenner ist eine von 14 Porträtierten in “Hannover persönlich” der Autorin Birte Vogel, einem Herzensprojekt des Jahres 2011, an dem ich als Lektorin beteilgt sein durfte. Der Text über Inez Aschenbrenner und ihren Schüler Kürşad steht als Leseprobe auf der Wettbewerbsseite von derneuebuchpreis als Download zur Verfügung. Wie unterrichtet man ein Kind, das nicht sehen oder hören kann? (weiterlesen »)