Ein finnischer IT-Experte hatte Anfang des Jahres bei einem Verkehrsunfall seinen rechten Ringfinger verloren. Eine simple Prothese war ihm aber nicht pragmatisch genug: Er individualisierte diese Option, indem er in seinen künstlichen neuen Finger ein Speichermedium mit USB-Anschluss integrieren ließ – denn so hat er seine wichtigsten Daten nun immer direkt bei der Hand. (Und das könnte nicht wörtlicher gemeint sein.)

Einen Südwestfalen erstaunt eine solche Meldung wohl nicht. Ihn selbst zeichnet ja das Pragmatismus-Gen aus: „Keep it short and simple“ lautet ein ehernes Marketinggesetz, und das muss entweder ein Südwestfale erfunden haben oder in Südwestfalen abgeguckt worden sein – die Menschen hier mögen es wahrlich kurz und knackig. Das sieht man an den Siegerländer Sprechgewohnheiten, denn das wichtigste Vokabular der Region besteht aus gerade mal zwei Ausdrücken: „Nodda“ (etwa „Hallo“, „Tschüss“ und „Na denn“) und „Hö-ö“ (ein Zeichen für Zustimmung und Ablehnung sowie Universalwort für ungefähr alles). Völlig ausreichend für den Siegerländer, um große und kleine Geschäfte abzuwickeln – Brötchenkauf wie Konzernübernahme – und Liebeserklärungen zu machen.

Short and simple auch die regionale Namensgebung: Siegen hat zwei Schlösser. Die heißen schlicht „Oberes“ und „Unteres Schloss“ – selbst für Auswärtige leicht zu begreifen. Ein unübersehbares Wahrzeichen schmückt eines von ihnen, ein wuchtiger, trutziger Turm. Die offizielle Nomenklatur hat ihm mit fast erschreckend präziser Einfachheit einen Namen verliehen: „Dicker Turm“ heißt er. Wie auch sonst? Naheliegend die Siegerländer Form der Zweitverwertung: So ein Schloss ist groß und hat dicke, stabile Mauern – das ist doch ein prima Knast! So wurde selbiger aus ihm. Nodda.

Praktisch – natürlich! – auch die Drittverwertung: Aus dem Knast wird Uni. Bis 2013 sollen die BWLer Einzug halten; mit absoluter Sicherheit gibt es äußerst westfälische Gründe, weshalb es gerade dieser Fachbereich sein soll. Honi soit qui mal y pense – ein Schelm, wer Arges dabei denkt! Oder die westfälische Oma: Sie überreicht ihren Enkeln Geldgeschenke seit Menschengedenken in Blanko-Grußkarten mit den Worten: „Ich habe nichts reingeschrieben, dann kannst du sie noch mal verwenden.“ Das ist vollkommen ironiefrei – dafür urwestfälisch.

Mag es Folge des leidenschaftslosen Pragmatismus sein oder nicht: Das Siegerland gilt als die Mittelstandsregion Deutschlands. Der Südwestfale macht davon aber kein großes Aufhebens. Er nimmt es zur Kenntnis, nickt und sagt „Hö-ö“. Short and simple.

Veröffentlicht im SÜDWESTFALEN MANAGER (Ausgabe Juni/Juli 2009) unter der Rubrik “Parallelwelten”.