Eine weitere  liebe Kollegin von mir bloggt neuerdings – und zwar zu einem Spezial-Topic: Unter Kollege-Ich.de setzt sich Gudrun mit einzelkämpfenden Unternehmer/-innen auseinander, also mit Fragen nach Selbst- und Zeitmanagement, der Organisation des Homeoffice und ähnlichem.

Damit ich das nie vergesse, schmückt dieses Schild meine Bürowand. Geschenkt hat es mir übrigens mal Elke.

Damit ich das nie vergesse, schmückt dieses Schild meine Bürowand. Geschenkt hat es mir übrigens mal Elke.

Diesen Themen bin ich naturgemäß verfallen, bin doch auch ich selbst meine eigene Chefin und entsprechend auf Disziplin, Organisation und geschickte Zeiteinteilung angewiesen. (Ich! Haha! Jemand, dem die Grundschullehrerin die Empfehlung fürs Gymnasium zunächst verweigern wollte, und zwar mit der Begründung: “Auf der Realschule lernst du eher, endlich mal ein aufgeräumtes Federmäppchen mit dir zu führen”. Ich war dann aber doch auf dem Gymnasium, ätschbätsch, und passende Stifte habe ich mir zwischen Klasse 5 und Jahrgangstufe 13 eben von Nachbartischen geliehen – ebenso wie Pausennahrung, Taschentücher, Mathebücher, Hausaufgaben …)

Heute weiß Gudrun geschickt zu argumentieren, dass Joggen während der Arbeitszeit ein formidabler Weg sei, den Körper mit Sauerstoff zu fluten und die eigene Produktivität damit zu erhöhen. Zwar gibt sie zu: Zu Anfang wird der untrainierte Körper sich so schlapp fühlen, dass eine Rückkehr an den Schreibtisch nicht viele Resultate bringt – aber, so versichert sie: “Falsch ist, dass das so bleibt.” Schon nach wenigen Wochen reduziere sich die Regenerationsphase auf ein Minimum, und “statt Erschöpfung macht sich jetzt Sauerstoff im Körper breit”.

Als Bewegungsmeider (Meider” mit “i”, nicht “Melder” mit “l”) fühle ich mich von Gudruns Argumentation natürlich  angespochen (sie legt es aber auch drauf an: “Wieder eine Ausrede neutralisiert. Sorry, liebe Sportmuffel” – kein Wunder, dass ich mich gemeint fühle!). Du behauptest also, liebe Kollegin, die anfänglichen Zeitfresser bestünden lediglich aus

umziehen, losgehen, den Sport ausüben, zurückkommen, duschen, umziehen, stärken. So weit, so planbar, circa zwei Stunden, das entspricht einer verlängerten Mittagspause.

Und danach natürlich: Regeneration.

Aber Gudrun – was hast du nicht noch alles vergessen! Ich zeige dir mal einen Ausschnitt.

Bevor sich losjoggen lässt, steht noch an:

  • Ausgiebig in sämtlichen verfügbaren sozialen Netzwerken (Twitter, Facebook, Wer-kennt-wen …) ankündigen: “Oh, ich gehe heute joggen. Hört Ihr? ICH gehe heute joggen!” Ein Freelancer-Muss: das Vorhaben spätestens eine Stunde vorher das erste Mal ankündigen und dann im 10-Minuten-Takt das Näherrücken des Aufbruchs kommentieren. Nettozeitaufwand: ca. 20 Minuten.
  • Schuhe suchen – das heißt: einen Schuh. Der andere Sportschuh befindet sich dort, wo man ihn vermutete: in einer Kiste voller selten genutzer Fußbekleidungen (neben Badeschlappen, Gummistiefeln, den Konfirmationspumps). Aber wo ist der andere? Man war gewiss beim letzten Sportversuch nicht einbeinig losgezogen! Nettozeitaufwand: nicht unter 10 Minuten.
  • Same procedure mit der Jogginghose. Irgendwo hinten im Schrank MUSS sie doch … So groß ist der Schrank nun nicht, Nettozeitaufwand deshalb nur max. 5 Minuten.
  • Ist der letzte Sportversuch länger her als 12 Monate, muss erstmal der Schock verdaut werden (Nettozeitaufwand: 3 Minuten), dass die Sporthose mit einem Mal so merkwürdig spannt. Weg zur Waage plus Überwindung, sich draufzustellen, plus Draufstehen, aber sich nicht trauen, runter zur Anzeige zu schauen: 1 bis 60 Minuten.
  • Suche nach besser passenden Sporthose plus anschließender Erkenntnis, dass das eigene Interesse an Sportmode bislang zu gering war, um sich einen Bekleidungsvorrat anzulegen. Nettozeitaufwand: nur 45 Sekunden, denn dass da keine weitere Hosengröße mehr liegen wird, ahnte man eigentlich schon zu Beginn.
  • Letzter Blick auf Twitter, ob jemand vielleicht seine maßlose Bewunderung ob dieser Selbstdisziplin zum Ausdruck bringt (“Boah, bist du toll, wie du dich, ohne zu klagen,  auffraffst …”). Gefunden wird aber lediglich: “LOL. Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Machst du ja eh nicht!” Und deshalb natürlich die Pflicht zur umgehenden Widerlegung dieser Frechheit: “WOHL! Ich bin quasi schon auf dem Weg! [usw.] …”  Nettozeitaufwand: 10 Minuten.
  • Jetzt sitzt man eh wieder am Computer – da kann man auch noch kurz E-Mails checken (und die ein oder andere Nachricht beantworten). Nettozeitaufwand: 15 Minuten.
  • Ah, jetzt wird klar, wie auch der letzte spottende Zweifler überzeugt wird: Schnell ein Selbstporträt in Joggingkleidung aufnehmen (QED!) und hochladen … Nettozeitaufwand  inklusive Rumgepose, bis eine sportliche Haltung gefunden wird: 15 Minuten.
  • Erkenntnis: Der eigene untrainierte Körper in kneifender Jogginghose ist wahrlich das Letzte, das man der virtuellen Web-2.0-Welt zu präsentieren bereit ist. Bild also wieder löschen. Nettozeitaufwand: 1 Minute.

… und wenn man dabei nicht irgendwann stirbt, dann joggt man vielleicht doch noch mal los.

Sollte ich jemals herausfinden, wie das so ist: Joggen während der Arbeitszeit (oder davor oder danach), dann werde ich gerne auflisten, welche Zeitfresser sich zusätzlich im Anschluss an das Bewegungsmanöver auftun. Dauert aber vielleicht noch etwas.