Ich scheue keinen Vergleich mit Großstädtern. Denn um Stadtpunks zu sehen, kann man ja schließlich reisen.
Er kommt! Der Eurocity kommt nach Südwestfalen – und wird ab dem 13. Dezember Siegen mit Klagenfurt verbinden. Das bedeutet: Direktanschlüsse nach Frankfurt, Stuttgart und München. Klar, keine Rose ohne Dornen: Einmal am Tag hin, einmal am Tag zurück, mehr ist zunächst nicht drin. Ein bisschen ist das, als würde man einen Junkie grade nur mit genau so viel Stoff versorgen, dass er den Entzug knapp nicht schafft. Für jemanden, der mal in der Stadt mit dem größten Flughafen Deutschlands gelebt und sich jederzeit dank Fernverkehrszügen mit halb Europa verbunden gefühlt hat, passt dieser Vergleich ziemlich gut. Denn – Südwestfalen hat bislang ÖPNV-technisch gesehen fast nur eines: Linienbusse. Die fahren selten, niemals nachts und werden gelenkt von Busfahrern. Vor denen wiederum habe ich aufgrund traumatisierender Kindheitserlebnisse eine tief verwurzelte Angst. Ich denke heute noch, die schimpfen so mit mir wie damals, als ich sechs Jahre alt war. Im Eurocity werde ich nur Kontakt mit Schaffnern haben; Schaffner haben mich noch nie traumatisiert. Und vielleicht haben ja ein paar von ihnen diesen umwerfend charmanten Klagenfurter Akzent?
So, Ihr Großstädter: Jetzt sind wir also bald noch enger mit der restlichen Welt verbunden – was Eure vermeintlich unaufholbaren Vorsprünge vor uns sogenannten Provinzlern immer weiter zusammenschmelzen lässt. Neulich sagte mir eine Münchnerin mit der häufigen, wenn nicht typischen Arroganz einer Weltstädterin: „Siegen? Wo liegt das denn? Klingt für mich nach einer Erfindung von Loriot. So wie Castrop-Rauxel. Solche Orte kann es doch gar nicht wirklich geben!“ Wie gut hat es mir getan, als ich dann in einem überregionalen Wirtschaftsmagazin ein Interview las, in dem ein sehr erfolgreicher Unternehmer sein Geheimnis verriet: Seine Standorte befinden sich überall dort, wo er das größte kreative Potenzial entdeckt. Und das ist zwar unter anderem, wen überrascht es, auch Berlin – aber, und jetzt kommt’s, ebenso die hessische Wetterau und das beschauliche Paderborn. Und warum funktioniert sein Unternehmen so hervorragend? Weil er den Fehler seiner arroganteren Geschäftsführerkollegen nicht macht: das innovative Potenzial derjenigen Menschen zu unterschätzen, die dieselbe Menge Zeit mit dem Warten auf den Linienbus verbringen, die Großstädter in der Schlange vor ihren angesagten Disco-Lounges stehen.
Apropos Zeit: Ich habe neulich ein paar Tage in Hamburg verbracht. Egal, wohin man dort möchte – Hauptbahnhof, die andere Seite der City, Spezialgeschäft in der Peripherie der Innenstadt –, der Hamburger rechnet immer mit etwa 50 Minuten, die er für den Weg brauchen wird, unabhängig vom Verkehrsmittel. Mal ehrlich: Egal, welches Ziel ein Südwestfale ansteuert – Flughafen, Oper, Uniklinik, richtige Stadtpunks, echte Feierabendverkehrskollapse –, in 50 Minuten hat auch er eine reelle Chance, dort anzukommen.
Was mich betrifft, hadere ich nicht eine Minute länger mit dem Leben fernab meines geliebten Frankfurts, seitdem ich weiß, dass ich bald endlich wieder an ein Fernverkehrsnetz angeschlossen sein werde. Kommen wir doch einfach mal den Großstädtern entgegen: Die wussten bislang ja nicht so recht, wie sie uns erreichen sollten. Oder gar finden.
Veröffentlicht im SÜDWESTFALEN MANAGER (Ausgabe November/Dezember 2009) unter der Rubrik „Parallelwelten“.

Posts
Aha, jetzt sieht man auch, wofür so ein Twitter-Brainstorming gut ist :-)
Sehr schön!
30. November 2009 @ 20:34
Du erkennst es also wieder! *gg*
30. November 2009 @ 20:37
Jippieh! Julia, wann setzt du dich in den Zug gen München? Ich hol dich auch persönlich am HBF ab und führe dich persönlich durch die große gefährliche Stadt ;-). Und schlafen darfst du natürlich bei uns auf der Gästecouch …
1. Dezember 2009 @ 12:45
Glückwunsch zum Zug!
Castrop-Rauxel wurde übrigens grad heute wieder mal gefeatured:
“Kundus ist nicht Castrop-Rauxel”
http://www.tagesspiegel.de/meinung/kommentare/Kundus-Afghanistan-Guttenberg-Tanklaster;art141,2963779
Kenn ich die Münchnerin? ;-)
1. Dezember 2009 @ 12:47
Liebe Tina,
Elke war’s jedenfalls nicht. Was sie unbedingt in ihren Kommentar hätte schreiben sollen (Elke, ganz schön gefährlich, dich unter diesem Artikel als mir bekannte Münchnerin zu outen … ;-)). Und dann kenne ich nur noch eine näher aus der Gegend. Ich nenne keine Namen.
;-)
1. Dezember 2009 @ 14:13
Prust! Aber Julia, ich komm doch selbst aus der allertiefsten Provinz. Und es kann einfach nicht sein, dass es die war, von der ich jetzt denke, dass sie es war … Neee, denn die wohnt ja selbst … neee, kann echt nicht sein …
Aber mir ist noch eingefallen: Das geht ja auch umgekehrt. Also ich mein, nach Siegen bin ich von hier aus auch noch nie mit dem Zug gefahren, wenn ich in meine Provinz muss. Ist ja abholtechnisch fast noch besser als von Köln …
1. Dezember 2009 @ 14:41