Ich bin seit gestern Twickerin.

Und weil es bislang noch nicht viele Twicker gibt (schnell nachgeschaut: zur Stunde genau 165 registrierte Nutzer), bin ich wirklich mal – ziemlich – von Anfang an bei einer Neuentwicklung dabei. Das ist was Besonderes, denn sonst springe ich erst dann auf Trends auf, wenn die Trendsetter sie längst schon als vorgestrig abtun.

twick.it-Logo

Eigentlich ist twick.it in Windeseile umschrieben: Die “Erklärmaschine” funktioniert in groben Zügen wie die Wikipedia – die Nutzer selbst generieren Inhalte, und die Nutzer selbst sind auch dafür zuständig, diese Inhalte zu kontrollieren, bewerten und ggf. als unwahr, tendenziös, lobbyistisch etc. zu enttarnen. Anders als in der Wikipedia wird aber keinem Erklär-Artikel das Attribut “unvollständig” verliehen – das sind sie nämlich sowieso alle. Das liegt in ihrer Natur. Denn jeder Twick ist auf 140 Zeichen beschränkt, so viele Zeichen, wie auch Twitter pro Nachricht zulässt.

Man könnte also sagen: twick.it ist eine von Usern generierte Online-Enzyklopädie für Kurz-Definitionen.

Natürlich findet sich auch auf twick.it selbst die Definition von twick.it:

Web2.0-Enzyklopädie, bei dem jeder zu jedem Thema eine Erklärung verfassen kann. Der Text darf 140 Zeichen nicht überschreiten.
Mehr Infos: Twick.it – Die Erklärmaschine im Netz

Es gibt noch so viel mehr über twick.it und seine Möglichkeiten, Extra-Features und Hintergründe zu sagen, dass der Umfang an Informationen eine der längsten E-Mails gefüllt hat, die ich in den letzten Jahren bekommen habe. Geschrieben hat sie mir Markus Möller, gemeinsam mit Sean Kollak Erfinder und Betreiber der Erklärmaschine. Weil Markus twick.it viel besser mit eigenen Worten beschreiben kann, als wenn ich ihn aus zweiter Hand wiedergeben würde, hat er mir erlaubt, seine E-Mail in weiten Teilen zu zitieren. Das werde ich später auch tun, möchte aber zunächst noch ein bisschen zu meinem Karrierestart als Twickerin erzählen:

Ich kenne Markus Möller nicht  persönlich, obwohl wir in derselben Kleinstadt in Südwestfalen arbeiten und leben. Aber wir lesen uns gegenseitig auf Twitter, wo Markus als derlangemarkus unterwegs ist.

Das isser, der Markus. Anders als auf diesem Bild habe ich ihn auch noch nie gesehen.

Kurz bevor twick.it online ging, lud er mich ein, mich dort mal umzutun und mitzumachen. Weil ich mich grundsätzlich ziere, wenn es darum geht, mich auf einen neuen Trend einzulassen (siehe meine einleitenden Worte oben), hat Markus mich ein wenig “umwerben” müssen, was er in Form seiner langen E-Mail tat – die mich immerhin neugierig gemacht hat.

Ich nehm’s mal gleich vorweg: Twicken macht Spaß! Jedenfalls einer Wort- und Zeichenklauberin wie mir. Der allererste Twick, den ich schrieb, erklärt “Neesen” – ich habe nämlich ein möglichst absurdes und unbekanntes Thema gesucht, um mich auszuprobieren und meinen Twick ggf. unbeobachtet wieder löschen zu können, falls ich merke, dass ich mich auf dieser Plattform doch lieber nicht wiederfinden möchte. Und wer kennt schon den 2.300-Einwohner-Ortsteil des ostwestfälischen Kaffes, in dem ich meine Kindheit verbracht habe?!

Wer “Neesen” erklärt, darf aber auch “Porta Westfalica” nicht unerwähnt lassen – Twick 2 aus meiner Hand ward geboren.

Nun wurde es Zeit für etwas Selbstreflexion: Was tue ich da? Und warum? Wieso will ich die Welt über meine unbedeutende, unattraktive Herkunftsregion aufklären? Aha. Die Definition von “Lokalpatriotismus” muss her, um das zu verstehen:

Starke Verbundenheit mit bestimmtem Ort oder klar abgegrenzter Region. Tritt oft als Trotzreaktion auf provinzielle Herkunft auf.
Mehr Infos: Trotz – Wikipedia

Und schwupps – gab’s schon drei Twicks von mir. Spätestens zu diesem Zeitpunkt musste ich mir eingestehen: Das macht Spaß! Und weil man ja nicht nur Dinge zu definieren braucht, die bloß eine kleine Minderheit interessieren – die 2.300 Menschen in Neesen zum Beispiel -, habe ich gleich auch Begriffe von etwas höherer Bedeutung getwickt: Protextbewegung, die Imagekampagne, deren Mitstreiterin ich bin, und Textguerilla, das zugehörige Gemeinschaftsblog.

Zur nächsten Tat trieb mich mein wissenschaftlicher Ehrgeiz: Als studierte Linguistin – Nebenfach, aber immerhin! – und Texterin wage ich mich an die Kurzerklärung von “Text”. Eine Erklärung stellt twick.it schon zur  Verfügung:

Schriftstück, das ein Thema mit Worten, Zeichen oder Bildern beschreibt. Texte kann man online oder offline schreiben, lesen, verändern …
Mehr Infos: http://www.youtube.com/watch?v=6gmP4nk0EOE&eurl=

Hm, nee, tut mir leid, das entspricht nicht meinem Uni-Wissen, vor allem, weil Text nicht unbedingt verschriftlicht werden muss. Den Zusatz “Bilder” verstehe ich nicht. Ich muss also mal meiner Aufgabe als User-Jurorin nachkommen und eine negative Bewertung abgeben (ist nicht persönlich gemeint, nur im Sinne der Wissenschaft, okay?). Und stelle meine eigene Text-Definition daneben (Mehrfach-Erklärungen sind ausdrücklich Bestandteil des twick.it-Systems – gewollt ist eine Vielfalt von Definitionen, die von den Twickern nach ihrer Nützlichkeit hierarchisiert wird). Ich selber erkläre “Text” so:

Zusammenhängende schriftliche o. gesprochene Einheit, meist mit Aussage, Text kann aber auch aus reiner Lautmalerei bestehen (vgl. Dada).

Und bin jetzt natürlich ganz nervös, welche Bewertungen ich dafür bekommen werde. Die Uni-Tage liegen ja doch schon ein paar Jährchen zurück … Was, wenn mein damaliger Dozent das liest und die Hände über dem Kopf zusammenschlägt? Können einem Linguistik-Noten nachträglich noch aberkannt werden?

Man ahnt es schon: Der letzte Twick hat mich gezwungen, nun auch Dada zu definieren. Fürs grüne Gewissen erkläre ich noch die Öko-Suchmaschine Forestle, zum Abschluss des Tages den unerfreulichen Textklau. Neun Twicks an einem Tag – ob das viel ist, weiß ich nicht, viel Spaß hat’s aber gemacht!
Ich hatte ja oben schon angedeutet: So ganz einfach ließ ich mich nicht von twick.it überzeugen. Ich hatte meine Zweifel am System (ein paar habe ich immer noch; aber ich bezweifle so viel im Leben, also ist das einfach ein Restrisiko), und die habe ich Markus Möller auch vor den Latz geknallt. Er hat’s genommen wie ein Mann und alles souverän pariert. Wen die Hintergründe, technischen Details und Extra-Features interessieren, die twick.it bietet, den lade ich ein, mein E-Mail-Interview (ein sehr euphemistischer Ausdruck für: “Ich hatte keine Lust, war aber zu höflich, von vornherein meine Teilnahme am Projekt abzusagen – und dann hat er hat mich schriftlich eloquent überzeugt, der Sache eine Chance zu geben”) mit ihm zu lesen:

Bitte klicken: Teil 2 – Noch eine neue Web-2.0-Plattform?