Hier kommt nun also Markus Möller selbst zu Wort. Er erklärt twick.it natürlich wesentlich fundierter als ich. Ich habe Markus’ Antworten per E-Mail teilweise nicht zu 100 Prozent wörtlich übernommen, sondern gekürzt, etwas umgestellt und manchmal sogar ein wenig umformuliert. Sollte ich dadurch Inhalte verfremdet haben, wird Markus mich das sicher wissen lassen. Und ich dann euch!

Legen wir los: Was passiert eigentlich mit meinen “Twicks”?

Markus: Die User stimmen ab, welche Erklärung die beste ist. Der Vorteil: Kein Edit War! Die Gemeinschaft entscheidet über die Qualität. Keine elitäre Admin-Riege.

Markus

Markus Möller: stellte sich tapfer allen Nachfragen.

Julia: Bloß, dass die Mehrheit nicht unbedingt recht haben muss … Stichwort “weit verbreitete Irrtümer”.

Markus: Ja, berechtigter Einwand. Aber ist das bei Wikipedia, wer-weiss-was.de und sogar in diesem altmodischen Ding namens “reales Leben” nicht auch der Fall?
Den Gedanken kann man sogar auf die Spitze treiben: Wäre es legitim, wenn Wikipedia vor einigen Hundert Jahren die Erde als Scheibe beschrieben hätte? Ich denke schon. Auch wenn es sich um einen Irrtum handelt, spiegelt es das damalige Wissen wieder.

Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger Themengebiete fallen mir ein, die wirklich eine unumstößliche Wahrheit abbilden. In der Mathematik kann man logische Beweise führen. In vielen anderen Bereichen ist das leider nicht möglich.

Julia: Als Texterspielerei ist die Begrenzung auf 140 Zeichen natürlich reizvoll – aber nutzt das auch der Sache? Es gibt Dinge, die lassen sich nun mal nur in deutlich mehr als 140 Zeichen darstellen – sofern sie einen echten informativen Wert haben sollen. Nehmen wir mal “Deutsche Wiedervereinigung” – da genügt die Zeichenzahl gerade mal für einen Teasersatz und einen weiterführenden Link. Zum Beispiel auf die Wikipedia.

Markus: Oftmals sind Themen aber eben doch in 140 Zeichen gut zu erklären. Kennst du nicht auch solche Leute, die man ungern fragt, weil deren Erklärungen niemals enden wollen? Bei twick.it kann so etwas nicht passieren. Es ist wohl auch eine kleine Kunst, Dinge kurz und knackig zu formulieren. Es soll ja Texterinnen geben, die das als Dienstleistung anbieten …

Ein kleines Beispiel: Im Urlaub befand sich unsere Ferienwohnung in der
Straße “Zum Katamaran”. Womöglich bin ich da ein wenig speziell, aber
mir hat die Frage “Was ist ein Katamaran?” keine Ruhe gelassen. Hier
benötige ich kein langes Segler-Blabla oder Wikipedia-Endlostexte. Die
Antwort “Boot mit zwei Rümpfen” reicht. Obwohl einem Seemann
die Haare zu Berge stehen, ist diese Art von Ultrakurz-Erklärung
goldrichtig. Vielleicht bieten wir auch irgendwann einen SMS-Service an: Begriffsfrage an twick.it  – Erklärung per SMS zurück. Quasi “twick.it to go”. Das geht nur, wenn man die Erklärung kurz hält.

Erstes Feedback zeigt interessanterweise, dass Profis auf einem Gebiet
140 Zeichen für zu wenig halten. Das liegt daran, dass wohl jeder gerne
stundenlang über sein Steckenpferd berichtet (so wie ich gerade). Wenn man einen Laien fragt, sind viele Infos aber einfach überflüssig oder gar verwirrend. Hier ist ein wenig Fingerspitzengefühl gefragt, um zu entscheiden, was nötige Information ist und was weggelassen werden kann. Ich habe nie behauptet, dass es einfach wird.

Julia: “twick.it generiert auf Basis von semantischen Algorithmen Verschlagwortungen zu Themen und findet dadurch automatisch verwandte Gebiete”, hast du mir in einer früheren E-Mail geschrieben. Erklär das mal für technisch nicht ganz so versierte Werbetexterinnen, bitte.

Markus: Bei twick.it passiert die Verschlagwortung der Artikel völlig automatisch. So werden die meisten Menschen sicherlich bei der Beschreibung von “Star Wars” den Namen “Georg Lucas” verwenden. twick.it lernt dann, dass George Lucas etwas mit Star Wars zu tun hat. Das Resultat: Auch wenn noch niemand einen Twick zu George Lucas geschrieben hat, wird Star Wars als verwandtes Thema angezeigt. Wir liefern also auch dann Informationen, wenn ein Thema noch nicht beschrieben wurde.

Julia: Du merkst, ich bin trotzdem noch nicht komplett überzeugt, dass das Web 2.0 auf diese neue Plattform gewartet hat. Kannst du mir erklären, inwiefern ihr euch sinnvoll von den Angeboten der bereits existierenden Frageforen, Suchmaschinen oder Social Bookmarking Tools abgrenzen könnt? Bzw. dort weitermacht, wo diese Plattformen an ihre Grenzen stoßen?

Markus: Wir sind kein Frageforum, weil wir Wissen bereitstellen, nach dem gar nicht gefragt wurde. Oder positiver formuliert: Man muss nicht warten, bis einer antwortet. Die Antwort ist schon da. Außerdem helfen wir nicht bei individuellen Fragen (“Hilfe, mein Meerschwein macht komische Geräusche”), sondern erklären Themen allgemeingültig. Trotz alledem haben wir einige Elemente eines Frageforums übernommen – zum Beispiel, dass jeder mitmachen kann und die Bewertungsfunktion.

Ein Social-Bookmarking-Dienst sind wir auch nicht. Mr. Wong und Co sammeln Links und nicht mehr. Dort findet man keine Erklärungen. Der Link ist bei uns nur Zusatz, steht aber nicht im Mittelpunkt.

twick.it hat sicherlich auch Elemente eines Wörterbuchs. Gerade für
Menschen, die eine Sprache als Fremdsprache lernen, könnten die
Erklärungen bei twick.it interessant sein. Was bitte schön bedeutet
“Perle vor die Säue” oder “Offene Türen einrennen”? Hier wird es erklärt.

Am meisten entsprechen wir einer Suchmaschine, ohne wirklich eine zu
sein. Nehmen wir an, du weißt nicht, was der Eiffelturm ist. Die Suche
nach “Eiffelturm” bei Google liefert Zigtausend Ergebnisse. Nun
benötigst du noch einen weiteren Klick auf die – hoffentlich – richtige
Website, um dort im Informationsdschungel die wichtigsten Infos zu
finden. Unsere Alternative: direkt das Wichtigste in 140 Zeichen.

Im Übrigen bin ich der Überzeugung, dass Links, die von Menschen zu
einem Thema gesammelt und bewertet werden, besser sind als Ergebnisse, die eine Suchmaschine liefert. Und wenn selbst ich als Homo-Faber-Verschnitt das sage, soll das schon was heißen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wir möchten bestehende Dienste wie
Google, Wikipedia, Delicious, Twitter etc. nicht ersetzen. Aber ergänzen!

Julia: Du hast mal angedeutet, dieser “Kurz-und-gut-Ansatz” eröffnete noch weitere Möglichkeiten?

Markus: Ja. Zum Beispiel existiert bereits jetzt ein Wordpress-Plugin. Wenn es installiert ist, erweitert es den Blog um zwei Funktionen: Erstens kann der Redakteur Begriffe beim Verfassen von Beiträgen mit dem twick.it-Tag markieren. Das Plugin schaut dann, ob es hierzu eine Erklärung bei twick.it gibt. Ist dies der Fall, wird beim Mouse-over über den Begriff die populärste Erklärung als Tooltip angezeigt. Das geht nur, wenn der Eintrag kurz ist. Und das Beste: Man kann die twick.it-Markierung auch schon für zukünftige Twicks einbauen. Gibt es noch keine Erklärung zu einem Thema, passiert nichts. Wenn aber irgendwann mal jemand diesen Begriff erklärt, erscheint der Tooltip.

Zweite Funktion: Der Webseiten-Besucher kann beliebige Begriffe
markieren. Dann erscheint die Erklärung als Tooltip. Der Leser kann
selbst entscheiden, welche Begriffe er gerne erklärt bekommen würde. Er kann beim Satz “Hans-Dietrich Genscher sprach auf dem Balkon der Prager Botschaft” selbst entscheiden, ob er Balkon, Botschaft, Hans, Hans-Dietrich Genscher oder gar den ganzen Satz erklärt bekommen möchte.

Der Vorteil: Man muss kein eigenes Glossar erstellen, sondern kann das
geteilte Wissen von allen nutzen.

Julia: Jetzt sei doch bitte noch so lieb und sag mir mal ganz ehrlich: Warum sollte ich mitwirken und eigene Twicks schreiben? Außer, um den Entwicklern einen Gefallen zu tun …

Markus: Wikipedia zeigt, dass Menschen ihr Wissen sogar gern ganz ohne Motivation teilen. Bei twick.it erscheint aber noch zusätzlich dein Name neben der Erklärung.
Angenommen, du bist Schmetterlingssammlerin und erklärst jede
Schmetterlingssorte. Dann wäre schnell klar “Die Dombrowski ist ne
Koryphäe, wenn es um Schmetterlinge geht.” Wenn jetzt noch auf die
persönliche Seite mit mehr Schmetterlingsinfos verlinkt wird, dürfte
das die eigene Website ein wenig populärer machen. Schmetterlinge lassen sich übrigens durch jeden anderen Themenkomplex ersetzen.
“Online-Reputation” heißt das wohl im feinsten Web-2.0-Deutsch.

Und das Beste: Es macht Spaß!

Und nach diesem E-Mail-Wechsel und weiteren drei Wochen, die verstrichen, setzte die zögerliche Texterin einen Fuß auf die neue Plattform – und fand Gefallen. Entdeckte Potenzial. Und entwickelte Ehrgeiz. Danke, Markus, für deine Erklärer-Geduld. Aber würdest du nicht sowieso irgendwie gerne erklären, hättest du auch keine Erklärmaschine erfunden, oder?