Es ist fast immer unglaubwürdig, wenn jemand behauptet, er habe auf ein bestimmtes Produkt, Buch, Musikstück, Kinoereignis “schon lange gewartet”. Also echt: Man wartet doch normalerweise nicht auf den neuesten Knüller, man ist froh, wenn man zufällig über ein Novum stolpert und es zur Begeisterung taugt. So läuft das. Nichts mit Sehnsucht und prophetischer Vorausdeutung. Außer beim “Herrn der Ringe”. Da hat man die Fortsetzung wirklich erwartet. Das ist aber was ganz anderes!
Und dennoch, selbst wenn es noch so abgenudelt klingt: Ich habe ehrlich auf Gudrun Sonnenbergs und Birgit Golms Buch Homeoffice gewartet. Und das kann ich sogar belegen. Ich muss dafür nur ein paar Einblicke in meinen Heimbüroalltag gewähren.
Da wäre zum Beispiel:
- die Nachbarin, die fest davon überzeugt ist, dass ich eigentlich den ganzen Tag Gerichtssendungen gucke – weil das ihrem Bild einer Person entspricht, die morgens nie das Haus verlässt, um auswärts einer Arbeit nachzugehen. (Und da weder unser Garten top gepflegt noch unser Flur gewischt ist, ist es offensichtlich, dass ich auch nicht zu den engagierten Hausfrauen südwestfälischer Couleur gehöre. Was also, ja, was tue ich eigentlich den ganzen Tag? Legitime Frage für Kittelschürzenträgerinnen, für die “Kindergärtnerin” oder “Krankenschwester” als anständige Frauenberufe gelten.)
- diese verführerische Möglichkeit, bis zum Abend im Pyjama zu bleiben. Auch Kämme verlieren ihre Sinnhaftigkeit, wenn man tagsüber nur selten aus dem Haus geht.
- diese eigenartige Auswahl: “Verdiene ich jetzt einen Haufen Geld als gut bezahlte Werbetexterin – oder räume ich lieber die Spülmaschine aus?” Und, verdammt, sofern man ein Deadline-Junkie ist, wird man überrascht sein, wie häufig die Spülmaschine diesen Wettstreit gewinnt! Es ist paradox, es ist unerklärlich, aber es ist so.
Eigentlich wollte ich ja gar nicht über mich und meine ganz speziellen Probleme mit dem Dasein im heimischen Büro sprechen. Lediglich beweisen, dass ich aufrichtig auf ein Buch gewartet habe, das ein Erfolgreiches Heimspiel dank Zeit- und Selbstmangement verspricht. Lange bevor ich hörte, dass ein solcher Titel sich in der Produktion befände, habe ich ehrlich und wörtlich gedacht: “Ich brauche ein How to-Buch. Eines, das mir sowohl das Gefühl gibt, dass ich nicht allein mit meinen schlechten Eigenschaften bin, als auch gleich verrät, wie man gegen sich selbst ankämpft. Oder zumindest arrangiert. Mit sich und den Nachbarn.”
Immerhin habe ich ja eine Weile in einer wunderbaren Bürogemeinschaft gearbeitet, durch die der Privat- ganz klar vom Arbeitsbereich getrennt war. Und ich hätte das Arbeiten im externen Büro gewiss nicht aufgegeben, wenn ein Umzug mich nicht dazu gebracht hätte und Bürogemeinschaftsersatz sich nirgends auftun wollte.
Gudrun Sonnenberg und Birgit Golms kennen Spülmaschinen, Nachbarn, Anziehunmut. Keine Disziplinlosigkeit haben sie übersehen – keine jedenfalls, mit der ich mich herumschlagen muss. Und der überraschend versöhnliche Tenor des Buches lautet: Es ist okay, wenn du bist, wie du bist. Aber das, was dich aufhält, was dich selber stört und was deine Kreativität behindert, das lässt sich regeln.Wenn du willst.
Ich darf also disziplinlos sein. Aber ich muss es nicht mehr, wenn ich mich an einigen ganz praktischen Ideen festhalte, die die Autorinnen für mich gesammelt haben. Das bürdet mir nichts auf, das nimmt mir ganz im Gegenteil sogar Lasten von der Freelancer-Schulter. Um es ein bisschen konkreter auszudrücken: Hemmungsloses Faulenzen und Gammeln, das man sich erlaubt und bewusst gönnt, ist weitaus erfrischender als Rumgedaddele in Internetforen und auf Onlineportalen, während man doch eigentlich unbedingt dringend was ganz anderes tun wollte und ein schrecklich schlechtes Gewissen mit sich trägt. Ist doch so – oder etwa nicht? Je effektiver ich arbeite, umso mehr Zeit habe ich zur wirklich freien Verfügung. Das ist ziemlich logisch.
Hier ein paar meiner mit Textmarker dick angestrichenen Lieblingstipps, die ich Homeoffice verdanke:
- Eine Tagesplanung machen, die sich logisch mit der Wochenplanung deckt – und vor allem: am Abend checken, inwiefern sie eingehalten wurde. Weil die Autorinnen nichts dem Zufall überlassen, haben sie sogar eine Vorlage für den Plan gestaltet. Sympathische Geste!
- Wenn ich eine Pause mache, lege ich mir die Materialien zurecht, die ich nach der Pause brauchen werde. Das erleichtert den Wiedereinstieg. (Ich hab’s getestet: Es funktioniert!)
- Ein Tipp für den Umgang mit der bekittelschürzten skeptischen Nachbarin: “Sprechen Sie über Ihre Arbeit. Erzählen Sie Ihren Mitmenschen, woran Sie arbeiten und was Sie alles so zu tun haben.” Klingt simpel – und hat mir doch die Augen geöffnet. Sind denn die älteren Jahrgänge, die ihren Lebtag lang keine Berührung mit etwas derart Neumodischem wie einer Freelancerin hatten, vielleicht schuld daran, dass sie mit diesem unbekannten Lebensstil wenig anfangen können? Wenn ich keinen Einblick in meinen Arbeitsalltag gewähre, kann die Nachbarin auch nicht wissen, was hinter meiner verschlossenen Wohnungstür geschieht. Und ein schöner Nebeneffekt: Wenn ich öfter über meine Arbeit spreche, hören meine eigenen Ohren, was ich Tag für Tag leiste. Hört sich häufig richtig gut an.
- Perfekter Übergang zum nächsten Lieblingstext: “Ich klopf mir selber auf die Schulter – Motivation im Homeoffice”. Ist gar nicht nur ein Tipp, sondern dankenswerterweise ein ganzes Unterkapitel. Gibt nämlich eine Menge zu sagen zu den Methoden der Selbstmotivation!
Ein bisschen streng – aber wirklich nur ein bisschen! – muss ich tadeln, dass die beiden Berliner Autorinnen uns Provinzlerinnen etwas übersehen. Ganz gespannt war ich aufs Kapitel “Kampf den Käsebroten – Organisieren Sie Ihre Mittagsmahlzeit” (als würde ich mir die Zeit leisten, Brote zuzubereiten – meist gibt es Junk aus dem Süßigkeitenregal, und zwar bis zur Übelkeit). Der Tipp jedoch, die günstigen Mittagstische in der Umgebung zu frequentieren, löste bei mir Bestürzung aus: Bei ausgiebiger Betrachtung bleiben mir in meiner Umgebung ein benachbarter Schlecker-Markt, eine Apotheke und ein Autohaus. In letzterem gibt es vermutlich Gratis-Kaffee für potenzielle Kunden, aber wie oft kann ich glaubhaft vorheucheln, ich sei interessiert an einem gebrauchten Cherokee? Liebe Berlinerinnen, Südwestfalen ist nicht Friedrichshain! Doch immerhin gönne ich mir seit der Lektüre des Kapitels öfter mal eine ausgiebigere Mittagspause – denn:
Führen Sie sich vor Augen, wie viel Zeit Sie durch die Arbeit im Homeoffice täglich sparen: Angestellte verbringen mit der Hin- und Rückfahrt zum Arbeitsplatz leicht 1 bis 2 Stunden. Investieren Sie doch diese “gesparte” Zeit einfach in Ihre Mittagspause!
Wohl wahr. Danke für dieses Buch - denn ja, ich habe darauf gewartet. Und wenn noch irgendjemand glaubt, aus meiner Feder sei das nicht glaubhaft, dann schicke ich die Nachbarin als Zeugin. Die mit dem Kittel.
Birgit Golms, Gudrun Sonnenberg:
Homeoffice. Erfolgreiches Heimspiel dank Zeit- und Selbstmanagement.
orell füssli Verlag. Erschienen 2009.
176 Seiten. Gebunden.
ISBN: 978-3-280-05359-1
19,90 EUR

Posts
Liebe Julia,
statt “Investieren Sie doch diese „gesparte“ Zeit einfach in Ihre Mittagspause!” empfehle ich im Sommer ein ausgiebiges Picknick auf einem Berg mit herrlicher Aussicht und einem philosophierenden Schlittenhund anbei. Da das oft länger wird, wird eben auch ein kleines Macbook mitgeschleift, aber zunächst ignoriert. Siesta ist Siesta. Basta!
… und seinen Nachbarn erzählen, was frau so treibt, selbst wenn sie im Wald rumstromert, das wirkt!
Jedenfalls wissen sie danach, wie eine Datenbank funktioniert oder ein Buch entsteht usw.
… und das gelungene Texte zwar durchaus im Wald oder auf der Wiese entstehen, aber eben doch nicht vom Himmel fallen. :-)
Liebe Grüße aus dem Odenwald
Claudia Troßmann
12. Januar 2010 @ 00:09
Das sollte ich auch mal lesen. Meine Kindergärtnerin sagte damals zu mir, als es um einen Platz für meinen 2. Sohn ging: “Frau Burger, Sie sind doch sowieso zu Hause, Sie brauchen doch gar keinen Platz!” Ich bin augenblicklich verstummt.
13. Januar 2010 @ 08:10
Und, hast Du Deine neue Strategie schon an der Nachbarin mit der Kittelschürze ausprobiert? DAS Problem kenne ich…
13. Januar 2010 @ 09:26