Ich suche Wege, gute Vorsätze auch umzusetzen. Und arbeite lieber an den Vorsätzen als an meiner Willensstärke.
Wenn man unsere Gute-Vorsatz-Kultur betrachtet, dann fällt auf, dass die Liste der „wirklich absolut ernstgemeinten“ Zielsetzungen zwar bis zum Silvesterabend oft lang geraten ist, die Bilanz der umgesetzten Vorhaben aber ein Jahr später in vielen Fällen nur ein verschämtes Kopfkratzen verdient. Als sei es keineswegs eine Frage des freien Willens, ob sich ein Plan in die Wirklichkeit überführen lässt, sondern eher eine Abhängigkeit von unbeeinflussbaren Schicksalsfügungen: Wem ein Hund zuläuft, der bewegt sich eben mehr als früher. Wen eine Rotweinallergie trifft, bei dem klappt es mit einem Mal mit dem verminderten Alkoholkonsum. Richtig stolz auf die eigene Disziplin machen diese ungeplanten Lebenswandel leider nicht.
Zwei Alternativen gibt es aus diesem Dilemma: entweder die Sache mit den Vorsätzen gleich ganz lassen – oder nur noch solche in die Liste aufnehmen, deren Erfüllung nicht von vornherein völlig illusorisch wirkt. Wer sein Leben bislang gerne wenig zimperlich genossen und Fastfood, Weizenbier sowie Fernsehabende den Energydrinks im Fitnessstudio vorgezogen hat, wird sich nicht in der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar in einen Aerobic-Jünger verwandeln. So hochprozentig ist kein Silvestersekt, um diese Tatsache zu verschleiern.
Ich habe kürzlich eine Umfrage unter Kolleginnen durchgeführt, um herauszufinden, was auf ihren Vorsatz-Listen für 2010 ganz weit oben steht. Meine persönliche Lieblingsantwort: „Ich habe mich 2009 mal gefragt, ob ich auf dem Totenbett sagen würde: ‚Ach, hätte ich doch bloß noch viel mehr Zeit im Büro verbracht!‘ Ergo: Ich will eine ausgeglichenere Work-Life-Balance!“ Auf Platz 3 der Umfrageergebnisse schaffte es die Antwort „mehr Yoga“. (Ich sollte wohl betonen, dass nur Frauen geantwortet haben; ohne in Rollenstereotypen denken zu wollen, vermute ich, dass Einblicke in Männerpläne die Yoga-Platzierung gekippt hätten.) Platz 2 war noch eindeutiger: „mehr Geld verdienen“. (Hatte ich darauf hingewiesen, dass ich ausschließlich Selbstständige befragt habe? An dieser Stelle nicht unwichtig zu erwähnen, denn immerhin sind wir beim Thema „erfüllbare Vorsätze“ – und die Freien haben tatsächlich etwas mehr Spielraum zum Eigenes-Glückes-Schmied-Sein als die Bezieher von Monatsgehältern.)
Absoluter Spitzenreiter mit sechs von sieben Befragten, die folgenden Vorsatz aus vollem Herzen aussprachen: „Ich will nicht mehr so viel Zeit im Internet verdaddeln! Wenigstens nicht während der Arbeitszeit …“ Auf Nachfrage wurde geantwortet: weniger MySpace, weniger Twitter, weniger Online-Shopping. Die siebte Befragte konnte aufs Nachhaken, ob sie denn nach eigenem Empfinden nicht zu viel Zeit auf Web-2.0-Plattformen verbringe, leider nicht antworten: Sie war mittlerweile zu sehr abgelenkt davon, Fotos auf Facebook hochzuladen und ihren Status zu aktualisieren. Außer Konkurrenz lief übrigens das Umfrageergebnis „seltener mein Essen direkt aus dem Kochtopf löffeln“. Das scheint aber ein eher individuelles Problem zu sein.
Ich wünsche Ihnen einen fulminanten Start ins Jahr 2010. Lassen Sie sich von Vorsätzen nicht verrückt machen, aber versuchen Sie, den wichtigsten umzusetzen: möglichst häufig möglichst glücklich zu sein!
Veröffentlicht im SÜDWESTFALEN MANAGER (Ausgabe Januar 2010) unter der Rubrik „Parallelwelten“.

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Sehr gelungener Artikel. Da ich alle Guten Vorsätze vom letzten Jahr nicht erfüllen konnte, siehe Link http://www.reimix.de/reime-fuer-erwachsene/gute-vorsaetze-fuers-neue-jahr/ habe ich mir dieses Jahr nur “mehr Sport” vorgenommen. Das letzte Jahr ist aber auch nicht mehr zu unterbieten und fängt mit Schneeschüppen ganz ordentlich an.
9. Januar 2010 @ 20:41
Dass ich es als Individualistin sowohl in den Textsektor als auch in den Südwestfalen Manager schaffe – wow. Immerhin: Dieses Jahr habe ich ausschließlich brav vom Teller gegessen. :-)
11. Januar 2010 @ 09:52
Das mit dem Kochtopf musste ich integrieren, das war zu schön! :-)
11. Januar 2010 @ 09:58