Frühe Kindheitserinnerung: Ein rheinländischer Deutschlehrer steht am Karnevalsdienstag vor einer ostwestfälischen Schulklasse. Er sieht verzweifelt aus; trotz knallroter Clownsnase ist er wenig amüsiert. Eindringlich appelliert er an seine Schüler: „Karneval ist ein Lebensgefühl. Nun guckt doch bitte nicht alle so ernst!“ Er bläst ermutigend in eine Tröte – und schaut weiterhin in 20 leere, verständnislose Kindergesichter. Manche von ihnen tragen ein graues Papphütchen, andere lustlos aus Aluminiumfolie geformte Alien-Antennen im Haar. Die Klasse wirkt genauso unglücklich wie ihr Lehrer. Ein unbeteiligter Beobachter muss sich fragen: Was hat dieser arme Rheinländer in solch feindlicher Umgebung verloren? Strafversetzung? „Westfalen können einfach nicht feiern!“, bricht es schließlich aus ihm heraus. „Ihr Westfalen geht doch alle zum Lachen in den Keller!“
„Westfalen hassen Karneval“, ziehen die Knirpse als Lehre aus dieser vermurksten Klassenfaschingsparty. Jahrelang werden sie das, was ihr Lehrer ihnen mal entgegenrief, herumerzählen und selber glauben. Werden sagen, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen Rheinländern und Westfalen gebe: Rheinländer seien die, die in Kindertröten pusten. Und Westfalen eben die anderen.
Dieser Überzeugung werden sie so lange sein, bis sie fremde Westfalen treffen – die aus dem Süden zum Beispiel. Südwestfalen hassen Karneval nämlich nicht. Sie feiern ihn sogar. Arnsberger, Attendorner und Hagener mit Umzügen, Siegener eher, indem sie die Regionalzüge nach Köln verstopfen und dort selber mal tröten. Entweder, im südlichen Westfalen ist alles anders als im Osten der Region. Oder seit Kindertagen ist irgendein Wandel geschehen.
Vielleicht ist ein unschlagbares Argument zum sonst doch so sturen Westfalen vorgedrungen: Karneval ist ein nicht unbeträchtlicher Wirtschaftsfaktor! Arztpraxen boomen dank Kopfverletzungen durch Kamelle-Wurfgeschosse. Schlipsfabrikanten und Herrenausstattern läuft das Wasser im Munde zusammen, wenn sie das Wort „Weiberfastnacht“ nur hören. Wischmopphersteller profitieren als Trittbrettfahrer vom konjunkturellen Überglück der Gastwirte, weil’s an den tollen Tagen immer was zu wischen gibt. Und Fernsehsender sparen was für schlechte Zeiten, weil es billiger ist, eine Kamera auf einen Umzugswagen zu halten, der mit drei Kilometern in der Stunde durch eine frierende Menschenmenge schleicht, als Schauspiellaien mit je einem Hunderter pro Nase dazu zu animieren, in Gerichtsshows aufzutreten.
Wenn die kolportierten Gerüchte stimmen und tatsächlich ein US-amerikanischer Getränkehersteller den rot-weiß gewandeten Weihnachtsmann nach Deutschland importiert hat, wenn wirklich eine geheime Absprache von Krawattenfabrikanten und findigen Barkeepern den Karneval sogar nach Westfalen holen konnte: Dann sollten wir uns auf so einiges gefasst machen, was sich der Gemüsehandel möglicherweise ausdenkt, um Rekordverkaufszahlen im Kürbisregal zu erzielen. Wer vor ein paar Jahrzehnten noch gesagt hätte: „Ehe ein Westfale ausgelassen zu den Höhnern mitsingt, wird Halloween in NRW gesetzlicher Feiertag!“, der hält sich heute lieber zurück: „Ich hab drei Haare auf der Brust, ich bin ein Bär!“ ist inzwischen über den Rhein geschwappt.
Veröffentlicht im SÜDWESTFALEN MANAGER (Ausgabe Februar 2010) unter der Rubrik „Parallelwelten“.

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