Wenn ich mir die Zahl der Initiativbewerbungen anschaue, die in den letzten vier Jahren bei mir in den virtuellen und realen Briefkasten geflattert sind und in denen ich um “eine Stelle als freiberuflicher Lektor in Ihrem Haus” gebeten wurde, könnte ich heute theoretisch Chefin über eine gut 50-köpfige Meute von Selbstständigen sein … Moment, da steckt doch ein Denkfehler drin: “Chefin über Selbstständige”? Da stimmt was nicht! Und genau in diesem Denkfehler - der nicht der meine ist – liegt auch der Grund, weshalb alle diese Bewerbungen, teils äußerst liebevoll gestaltet, eine gewaltige Verschwendung meiner Zeit und vor allem der der Absender sind.

Vorneweg: Ich verstehe den Ansatz, zu Beginn seiner Selbstständigkeit bei Kolleginnen und Kollegen anzufragen, die bereits im Lektoratssattel sitzen. Auch ich vergebe manche Jobs unter; Dienstleister können durchaus die Rolle eines Auftraggebers einnehmen.

Aber:

Als Dienstleisterin würde ich niemals auf die Idee kommen, meinen tabellarischen Lebenslauf sowie Schul- und Unizeugnisse rumzuzeigen. Kein Maler, der mir seine Abinote nennt, um meine Wohnzimmerwand anzustreichen, würde von mir ernst genommen. Bei anderen Selbstständigen halte ich das nicht für weniger unangemessen.

Wir haben alle mal irgendwann angefangen; an manche Fehler, die ich damals gemacht habe, kann ich nur noch errötend zurückdenken (um es vorwegzunehmen: Nein, ich werde nicht aus dem Nähkästchen plaudern!), und deshalb möchte ich denen, die heute noch am Beginn stehen, gerne ein paar Tipps mit auf den Weg geben:

Zum einen wäre da die Wortwahl, um sich nicht sofort als unerfahrener Newbie zu outen: Selbstständige haben keine “Chefs” (abgesehen von sich selbst), sondern “Auftraggeber”; sie “bewerben” sich nicht, sie “akquirieren”;  sie fragen bitte niemals nach einem “Stundenlohn” (oh mein Gott!), sie berechnen “Honorare” oder “Stundensätze” (die sie übrigens selbst sinnvoll kalkulieren müssen – niemals könnte ich jemanden als vollwertigen Dienstleister ernst nehmen, der mich fragt “was ich denn wohl so zahle”).

Zum anderen die Sinnhaftigkeit des Akquiseversuchs an sich: Wie gesagt, den Ansatz, bei anderen Selbstständigen zu fragen, ob es Kapazitätenengpässe gebe, bei denen man einspringe könne, finde ich nicht völlig unsinnig.  Ein Weg, den man gehen kann.  Bloß denke ich, dass er nicht allzu erfolgsversprechend ist – arbeitet man doch für gewöhnlich schon mit denjenigen zusammen, die man aus bewährten gemeinsamen Projekten oder aus eigenen Netzwerken bereits kennt.

Was jedoch sicher nie verkehrt ist:

  • Ein aussagekräftiges Profil bei Xing und Aktivität in den entsprechenden Lektorengruppen dort
  • Ein Eintrag auf lektorat.de, wo Lektoratsprojekte ausgeschrieben sind
  • Eine Mitgliedschaft im Verband der freien Lektorinnen und Lektoren; auch dort gibt es eine Jobbörse
  • Über kurz oder lang: eine eigene Website
  • Und: Austausch suchen mit alten Häsinnen und Hasen! Virtuell und im wahren Leben, Möglichkeiten gibt es dafür reichlich, wenn man sie sucht – gerade zu Beginn ist das vollkommen unerlässlich. Und nicht nur als “Fortbildung” zu verstehen: Die Chance, innerhalb von Netzwerken an Jobs zu kommen oder zumindest von welchen zu erfahren, ist immens.

Ich schreibe nun eine möglichst nette Absage auf die jüngste Initiativbewerbung – wenn auch bedauernd und wissend, dass ein Einstieg in die Freiberuflichkeit (echt!) nicht leicht ist.