Bis vor ein paar Jahren – während des Studiums und noch während meiner ersten Jobs – bin ich richtig viel Zug gefahren: weite Strecken, kurze Strecken. Nie habe ich damals Sitzplätze reserviert, aber oft auf reservierten Plätzen gesessen, hoffend, dass der Reservierer den Zug verpasst hat oder sich grad in einem anderen Abteil viel wohler fühlt. Und in neun von zehn Fällen wurde ich wie eine Fliege auf der Nasenspitze von den besser Organisierten verscheucht, die natürlich doch auftauchten und ihre berechtigten Ansprüche geltend machten.

Jetzt bin ich in ein gewisses Alter gekommen, in dem ich weder gerne nach Partys auf Isomatten schlafe noch auf Sechs-Stunden-Zugfahrten auf dem Boden des Gangs vor der Toilette sitze. Ob das wieder weggeht? Oder bleibe ich jetzt so bis zur Rente? Ich kann ja nicht anders, der Rücken, und dann nehme ich mir ja auch oft Arbeit mit, wie sollte ich sonst …

Was mir aber nach wie vor fehlt, ist die Fähigkeit, mit Gutsherrinnenblick und forscher Wischbewegung Menschen so zu vertreiben, wie ich eine Dekade lang selber vertrieben worden bin. Wie haben die das nur gemacht?

Unlängst strebte ich im völlig überfüllten IC von Kassel-Wilhelmshöhe nach Gießen an der Lahn auf meinen nur für mich bestimmten Sitzplatz zu. Der war natürlich besetzt. Und meine intuitive Reaktion war – Mitleid. “Ach, der Arme, ist doch so voll hier, und der findet doch keinen anderen Platz mehr …” Kurz war ich davor, dem Hünen (“So lange Beine – das wird aber schrecklich eng vor der Toilette!”) meinen Sitz zu schenken. Hab ich dann doch nicht gemacht. Jedoch – diese Überwindung!

So wird das nichts mehr mit mir und meinem neuen Leben als Erwachsene. Also, als richtig Erwachsene, die Hotelzimmer bucht, statt die Isomatte zu nutzen, und die Studenten verscheucht, enfach weil sie’s kann.

Ich nehme mir vor: Ich arbeite an meiner Erwachsenen-Performance! Tipps werden gerne entgegengenommen.