Manche Erfindungen sind so wunderbar, dass sie einen Siegeszug um die ganze Welt antreten. Zum Beispiel Naschzeug: Ein schwedischer Süßwarenhersteller war selbst so begeistert von seinen Produkten, dass er sich 1973 in einem Sarg aus reiner Schokolade bestatten ließ. Oder die Methode, eine Halbglatze mit eigenem Resthaar zu vertuschen und sogar einen Namen hat: Die perfekte Frisur zum Überdecken heißt „Comb Over“ und wurde von Frank J. Smith in den USA zum Patent angemeldet. Völlig unverzichtbar heute auch der Dosenöffner; das war er aber wohl nicht immer, denn er hat erst 48 Jahre nach der Konservendose das Licht der Welt erblickt.
Man braucht seinen Blick gar nicht sehr in die Ferne schweifen lassen, um die Quelle weltweit erfolgreicher Ideen zu finden. Einige davon werden Tag für Tag direkt vor unserer südwestfälischen Haustür produziert. Bloß wissen das nicht viele.
Machen wir uns nichts vor: Restdeutschland hat ein paar unfaire Vorurteile gegen Regionen wie unsere, und zwar lediglich deshalb, weil der Baumbestand mancherorts höher ist als die Ampeldichte. Das lassen Großstädter nämlich nur der Toskana durchgehen; hier ist das angeblich kein Symptom für Lebensqualität, sondern für Provinz. Was die Südwestfalen aber ungemein sympathisch macht: Sie pfeifen drauf. Überhören alles und machen weiter wie bisher. Und das bedeutet: Sie bleiben ungerührt und dauerhaft auf wirtschaftlichen Weltmarkt-Spitzenpositionen, die sie sowieso schon längst besetzen.
Südwestfalen ist eben nicht nur die Gegend mit dem vielen Wald und den Sturköppen – sondern Sammelstelle für Weltmarktführer. Übliches Überraschungsmoment eines Zugezogenen: Er spaziert durch Feld, Wald und Wiese, sieht hinter der dritten Kuhweide links eine Produktionsstätte mit emsig werkelnden Mitarbeitern in Blaumännern und jemand raunt ihm zu: „Die liefern ihr Zeug bis nach Taipeh – auf dem Weltmarkt sind die völlig unschlagbar.“ Das passiert in Südwestfalen nicht alle Jubeljahre einmal, das passiert, sobald man das Haus verlässt. Oder, wie ein Ureinwohner der Weltmarktführerregion es mal formulierte (hier zwecks Veröffentlichung etwas salonfähiger ausgedrückt): „Bei uns kannst du hinter keinem Busch austreten gehen, ohne dass dort ein Hidden Champion sitzt.“
Der Südwestfale baut im Allgemeinen keine Düsenjets, die sich über den Globus verbreiten, aber er ist ein Top-Zulieferer, wie die Welt ihn sich wünscht. Sonst gäbe es seine Produkte ja nicht kreuz und quer über den Erdball verteilt, wo sie dann recht unauffällig, aber selbstbewusst schweigend das Qualitätsmerkmal „Made in Südwestfalen“ tragen. Die Frage ist bloß: Warum gibt der südwestfälische Hidden Champion nicht viel mehr an? Ist er zu zurückhaltend? Zu wenig selbstbewusst? Ist ihm nicht klar, was er vorzuweisen hat? Ich glaube an das alles nicht. Er ist pragmatisch. Was soll er große Worte machen? Er ist doch schon an der Spitze, wo soll er denn noch hin?
Apropos innovative Ideen: Einige unbekannte hätten das Zeug dazu gehabt, die Welt oder mindestens Heerscharen von Frauenherzen zu erobern. Diese zum Beispiel: Im antiken Griechenland wurde das Alter einer Frau erst von ihrer Hochzeit an gezählt. Hach!
Veröffentlicht im SÜDWESTFALEN MANAGER (Ausgabe April 2010) unter der Rubrik „Parallelwelten“.

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Hmmmm, schaaaaaade .. Jetzt hast du mich sooooo neugierig gemacht, was denn in Südwestfalen Weltumschweifendes produziert wird, aber als echte sturköpfige Westfälin schweigst du dich dann aber auch vornehm darüber aus …
16. April 2010 @ 13:55
Vor allem Eckventile. Guck mal unter dein Waschbecken, das Eckigste dort kommt mit 90%-iger Wahrscheinlichkeit aus Südwestfalen. Irgendein Verbindungsstück in Drehtüren ist auch westfälisches Weltmarktführerprodukt. Und lauter andere Nuten, Ventile und gestanzte Sachen. Kennt alles kein Mensch. ;-)
16. April 2010 @ 15:00