Es gibt einen Bäcker bei mir ums Eck, dessen Verkaufsteam im Service einer faszinierenden Logik folgt: Wer alt ist, ist dran. An einem Morgen, an dem ich genug Zeit für Experimente und zu wenig schlechte Laune für jugendliches Aufbrausen hatte, habe ich mir vorgenommen, das mal bis zum Exzess zu erforschen. Ich stand mittig am Tresen, unübersehbar (glaube ich, wobei ich morgens manchmal eher unscheinbar wirken kann, zumal ich an diesem Tag grad ungestylt vom Morgensport kam und irgendetwas bequemes Farbloses trug). Und geschlagene sechseinhalb Minuten lang war jede dauergewellte Hausfrau, rüstige Rentnerin, jeder Herr in mittleren Jahren vor mir an der Reihe, die oder der nach mir den Raum betreten hatte. Die Damen hinter dem Verkaufstisch blickten gezielt an mir vorbei, wenn sie zur Frage “Wer kommt als nächstes?” anhoben. Ich hätte zu gern eruiert, wie lange das so noch weitergegangen wäre, hätte nicht eine Mittfünfzigerin in meinem Rücken das Spiel eigenmächtig unterbrochen: “Ich gucke noch, ich lasse das Mädchen hier vor.” Aha. Zwei Erkenntnisgewinne:
a) Ich gelte in gewissen Siegerländer Kreisen als “Mädchen”, wobei ich als Bodenturnerin oder Ballettfee meine goldenen Jahre schon hinter mir hätte und heute nur noch dank vergilbter Fotos in Erinnerungen an längst vergangene Tage meines früheren Ruhms schwelgen könnte, allein mit drei Katzen in einem einsamen Haus lebte und immer öfter zum Likör griff, wenn ich daran denken würde, was inzwischen alles hinter mir und wie wenig noch vor mir läge, doch dann fiele mir ein, ich könnte dem Nachwuchs meine wertvollen Erkenntnisse weitergeben, die ich auf den Bühnen bzw. den Gymnastikmatten dieser Welt gewonnen hätte, und schriebe deshalb bereits an meinen Memoiren … aber, ach, warum eigentlich nicht. Bin ich halt ein Mädchen. :-)
b) Die Stammkundschaft ist offensichtlich in das Verkaufssystem eingeweiht, denn nur wer es kennt, kann es unterwandern.
Die Geschichte hat allerdings ein trauriges Ende: Neulich kam ich als Erste dran. Ich möchte nicht drüber reden!

Posts
Aber ich möchte darüber reden, dich nämlich trösten. Du wirkst so unglaublich jung, dass man als Bäckereifachverkäuferin kaum glauben mag, dass du schon voll geschäftsfähig bist. Man hält dich also höchstens für die Begleitung einer dauergewellten Rentnerin. Probier’s mal aus in Metzgereien – wahrscheinlich reicht man dir ein Stück Fleischwurst …
27. Juni 2010 @ 13:20
Jetzt muss ich aber erst drüber nachdenken, ob ich mich darüber freue oder erschrecke. :-)
27. Juni 2010 @ 19:22