Ich denke gern an Polarfüchse. An Eisberge und -bären. An Nordpolexpeditionen. An Südpolforscher. An die Flugdrohnen, die im Siegener Ortsteil Sohlbach gebaut und mit deren Hilfe in der Antarktis die Pinguinbestände gezählt werden. Das gehört nämlich zu meiner Strategie, wenn die Büroluft im Sommer beginnt, dem Saharaklima zu ähneln. Ist ja klar: Zehn Monate lang (das entspricht in etwa der Zeitspanne, die ein durchschnittlicher westfälischer Herbst dauert; andere Jahreszeiten fallen in dieser Gegend ja meist aus) jammert der Südwestfale über Regen, grauen Himmel und zu wenig Sonne. Dann kommt der Sommer, und ganz Deutschland fällt ein, dass Temperaturen über 30 Grad nicht eben der Motivation zu Denk- oder körperlicher Arbeit dienen. Und schon wird der südwestfälische Herbst wieder zurückgesehnt. Wobei es ja nicht so ist, als würden wir Jammerer mediterrane Sommertemperaturen nicht mögen: Am Pool, am Mittelmeer und in der Nähe eines Gartenschlauchs sind sie herzlich willkommen. Aber doch bitte nicht von Montag bis Freitag zwischen 9.00 und 17.00 Uhr!

Mit der Ich-denke-an-Pinguine-dann-wird-mir-kühler-Strategie rettet man sich im Schnitt gute 10 bis 20 Sekunden lang pro Stunde, in denen der Denker zwar weiterhin überhitzt, man aber ganz kurz mal nicht ganz so arg drunter leidet. Mehr Macht hat der Geist meist nicht über den Körper – hätte er mehr, wäre die Überwindung des Schweinehunds in Bezug auf Mittagspausensport, Diätplan und kultureller Weiterbildung nach Feierabend ja kein Thema mehr.

Ganz Deutschland versucht Sommertag für Sommertag, sich den Arbeitsalltag erträglich zu machen. Ventilatoren finden hohen Absatz, wälzen im Prinzip aber nur die warmen Luftmassen von einer Seite des Raums auf die andere. Gleichzeitig treibt das elektrische Surren gewissenhaft in den Wahnsinn. Ventilatoren nutzen eigentlich überhaupt nichts, aber das zuzugeben, würde heißen, auf einen Placebo weniger zu hoffen. Also laufen sie munter weiter.

Findige Männer greifen lieber zur Eiskrawatte: Den Binder nässen, in die Tiefkühltruhe legen, nach einer knappen Stunde wieder umlegen. Klar, der Stoff wird natürlich langsam tauen, die Tropfen landen in sitzenden Berufen ungünstigerweise mitten im Schritt. Kann zu Missverständnissen führen. Schlipsträger mit Mut zum Risiko und ohne Angst vor entsetzten Blicken lassen sich davon nicht schrecken.

Flip-Flops, Muskelshirts, Trägertops, Bikinis – alles, was richtig luftig ist, ist meist verboten. Dankenswerterweise. Das ist zwar schade für den, der unter der Hitze leidet, schont aber die, denen der Anblick von zu viel nackter Haut erspart bleibt. (Sommerregel Nummer eins: Wer nicht bauchfrei ist, sollte auch nicht bauchfrei tragen. Das gilt übrigens für beide Geschlechter.) Wer viel sitzt, hat aber vielleicht wenigstens eine Wanne mit Eiswasser unter dem Tisch, in die er seine Füße tunkt (Schuhe und Socken hat er im Idealfall vorher abgelegt). Besonders hilfreich ist die Kühle an den Füßen in Kombination mit einem kalten Handtuch auf dem Kopf. Videokonferenzen sind dann allerdings tabu. Kundenverkehr grundsätzlich auch.

Ein Trost bleibt uns hitzegeplagten Beiträgern zum Bruttosozialprodukt: Der nächste südwestfälische Herbst kommt gewiss. Meist schon im August.

Veröffentlicht im SÜDWESTFALEN MANAGER (Ausgabe Juli/August 2010) unter der Rubrik „Parallelwelten“.