Haben Sie Ihren Sommerurlaub auch hinter sich gebracht? Und den Hochsommer dazu genutzt, um in ein noch wärmeres Gebiet zu verreisen? Sind Sie geflogen? Ich bin’s. Und habe mich bestimmt zum 20. Mal gefragt, warum an den Abflugterminals der Flughäfen fast immer Koffergeschäfte zu finden sind. Unterwäsche, Drogerieartikel, Bücher – alles nachvollziehbar, auch kurz vor Abflug. Aber Koffer? Wer bemerkt denn erst in allerletzter Sekunde, dass ihm ein Koffer fehlt? Hatte derjenige Badehose und Wechselhemden als Bündel unterm Arm dabei und schlägt sich erleichtert vor den Kopf, wenn er das Geschäft sieht: „Ach richtig, da war doch noch was“?

Noch so eine frische Flughafenerfahrung: In den studentischen Jahren der individuellen Rucksacktouren starrte man eigentlich immer auf Tragflügel, weil man jung und agil genug für Notausgangsplätze wirkte, auf die man bekanntlich nur gesetzt wird, wenn man im Ernstfall seinen Mitreisenden helfen könnte. Oder zumindest clever genug aussieht, um die Luke aufzukriegen. Und dann kommt dieser erste Flug, nach dem alles anders ist. Im flüchtigen musternden Blick des Bodenpersonals ist deutlich ein Gedanke zu lesen: Gut möglich, dass da noch was Jüngeres und Agileres kommt, halten wir die Notausgangsplätze erst mal frei. (Das tut aber nur beim ersten Mal weh, später genießt man einfach den freieren Ausblick ohne Tragflügel.)

Nun ist es für viele wieder für eine Weile vorbei mit der Urlaubsroutine: mehr Essen, aber auch mehr Bewegung als im Arbeitsalltag, mehr Sonne, mehr Mückenstiche … Schön war’s, nicht wahr? Und nun – nix, auf das man sich freuen könnte bis zum Skiurlaub nach Silvester? Ach Quatsch! Südwestfalen wartet auf ein richtiges Groß-Event: Schon bald, nämlich vom 17. bis zum 19. September, findet der NRW-Tag statt, und zwar in jener südwestfälischen Stadt, die sich durch ihre Gastgeberrolle das „Was ist schlimmer als Verlieren?“-Image ein für allemal von der unterschätzten Backe wischen wird. Siegen steht in den Startlöchern. Hat nationale und lokale Promis eingeladen und ist schon ein bisschen aufgeregt, weil so viele Besucher erwartet werden. Die Aufmerksamkeit hat das Städtchen verdient – auch so eine Urlaubserfahrung: Dass der südeuropäische Gastgeber keine Ahnung hat, wo dieses Siegen liegt, ist ja noch nachvollziehbar, dass aber weder der nord- noch der süddeutsche Mittourist aus bevölkerungsreichen Großstädten je davon gehört haben, dass Siegen nicht nur ein substantiviertes Verb ist, ist ganz schön empörend. Aber passiert. Noch!

Für jene, denen Siegen und Siegener Eigenheiten ebenfalls fremd sind, wurde extra für den NRW-Tag die interaktive Plattform www.unser-siegen.de entwickelt, auf der Ansässige in 140-Zeichen-Kurzerklärungen ihre Stadt beschreiben (und dabei gewinnen können, nur mal als Tipp) und Nicht-Ansässige herausfinden, was zum Beispiel [twickit]Durjenannersoppe[/twickit] ist. (Ich weiß es auch erst seit Kurzem. Scheint nicht so schlimm zu sein.)

Und wenn der Trubel um den NRW-Tag vorbei ist, sinniere ich weiter darüber nach, warum ausgerechnet an dem einen Flughafen, an dem mein Koffer mal kaputtging, kein Geschäft für eine Ersatztasche zu finden war. Ist doch verrückt.

Veröffentlicht im SÜDWESTFALEN MANAGER (Ausgabe September 2010) unter der Rubrik „Parallelwelten“.