Es begann mit der Idee eines Facebook-Freundes und eigener Experimentierfreude: Thomas C. Böhm verkündete vor einiger Zeit in einer Statusmeldung, ausprobieren zu wollen, ob es ihm Spaß machen könne, sich eine Arbeitswoche lang vegan zu ernähren. Konsequent zum Frühstück, in der Mittagspause, am Abend und auch für Snacks ausschließlich auf tierproduktfreie Lebensmittel zurückzugreifen. Weil ich gerne mit neuen Rezepten experimentiere, mit rein veganer Küche noch überhaupt keine Erfahrung hatte und die Idee spontan mochte (“Kann das Spaß machen?” ist doch als Ausgangsfrage ein prima Startpunkt für einen Test), schloß ich mich seinem Vorhaben an. Und weil ich eine Bürogemeinschaft habe, die für Experimente leicht zu begeistern ist, hatte ich schnell zwei Mitstreiter, die mit mir zusammen experimentieren würden. Gemeinsam mit Thomas legten wir eine Kalenderwoche fest, in der wir unsere vegane Erkundungstour virtuell dokumentieren und uns miteinander austauschen würden – Thomas in Bielefeld und Markus, Simon und ich in Siegen. Knifflig: In der Büroküche steht uns nichts als eine Mikrowelle zur Verfügung. Vorgekochte Mahlzeiten müssen also mikrowellentauglich sein – das schränkt die Auswahl empfindlich ein.

Operation gelungen, Affe tot?

Die vegane Woche ist nun rum, und wir sind alle leichenblasse, freudlose Gestalten geworden, die fortan verkniffen an ihren Möhren nagen und anderen Menschen vorwurfsvoll auf die Schnitzel starren … Blödsinn: Um es vorwegzunehmen, uns allen geht es prima, und auf die Ausgangsfrage “Kann das Spaß machen?” lautet unsere Antwort: Jepp, kann es.

Spaghetti aus 100 % Hartweizengrieß mit Soja-Schnetzeln, Soße nach eigenem Gutdünken zubereitet wie eine Bolognese. Highlight: geriebene Pinienkerne.

Nasi Goreng mit Cashewkernen, Seitan, Erbsen und Paprika - Rezept aus dem Kochbuch "Vegan for Fun" von Attila Hildmann.

Was keinen großen Spaß macht, ist die monotone Reaktion eines bestimmten Personentyps, die ich schon aus meinen vegetarischen Teenagertagen kenne: Sag den Leuten, dass du momentan kein Fleisch isst, und es kommen garantiert Menschen, die daraufhin antworten, du bräuchtest “erst mal ein anständiges Schnitzel”. Ich müsste mal einen Gegenversuch starten – sagen, “Ich esse diese Woche mal kein Obst”: Ob dann jemand erwidern wird: “Du brauchst erst mal einen anständigen Apfel!”?

Und wie war das nun mit den neuen Rezepten?

Ich habe ein paar grundsätzliche Erkenntnisse in der veganen Woche gewonnen:

Tomatentopf mit sättigender Polenta (gewürzt mit Salbei und Rosenpaprika, angebraten in Rapsöl) - ein Klick aufs Bild führt zum Rezept auf kuechengoetter.de

- Unbefriedigend finde ich fast jeden Versuch, fleisch,- milch- oder eihaltige Mahlzeiten zu imitieren. Alternativen zu suchen ist dagegen spannend – Imitat bleibt aber irgendwie fast immer fade Fälschung. Wenn ich beispielsweise Ersatz für Parmesan suche, möchte ich stattdessen keinen gefälschten Parmesan – aber mal gemahlene Nüsse oder Pinienkerne über Spaghetti zu streuen, ist eine ganz neue und leckere Erfahrung. (Mache ich jetzt öfter.)

- Ohne vegane Woche hätte ich mich nie so intensiv mit Lebensmitteln beschäftigt, dass ich jetzt beispielsweise wüsste: In vielen Obstsäften und Limonaden ist Gelantine enthalten, die nicht einmal deklariert werden muss. Selbst wenn man keinen Grund hat, tierprodukthaltige Lebensmittel zu umgehen, so bleibt doch die Erkenntnis zurück, dass wir unseren Lebensmitteln merkwürdig entfremdet sind. Sollte man nicht meinen, ein gelungener Obstsaft benötigt Früchte und etwas Süßungsmittel und sonst gar nichts?

Ein kulinarisches veganes Highlight: Hummus aus gekochten Kichererbsen mit ordentlich Knoblauch, Zitronensaft, Salz und Cayennepfeffer, Sesampaste, Olivenöl und gehackter Petersilie. Israelischer Salat mit Tomaten, Paprika, Gurke, Zwiebel, Olivenöl, Salz, Pfeffer, Petersilie. Mit großem Dank an Daniela H. für dieses Rezept!

- Ich bin richtig dankbar für die Entdeckung von Polenta (gut gewürzt und frisch angebraten finde ich sie ganz wunderbar), Seitan (ein Reformhaus-Artikel aus gepresstem Weizenprotein; ist nicht jedermanns Sache, aber ich mag es ganz gerne und es kann Gerichten einen etwas größeren Sättigungsgrad geben) und selbstgemachtem Hummus (ein Kichererbsenpürree – unkompliziert zubereitet, superlecker, toll als Dip für künftige Mitbring-Party-Büffets).

"Muffins mit Überraschung" (Waldbeeren und Zartbitterschokolade) - ein Klick aufs Bild führt zum Rezept auf Chefkoch.de

- Die größte aller Entdeckungen sind aber die veganen Backrezepte. Und zwar aus drei Gründen, von denen mich beim Backen schon jeder einzelne allein happy machen könnte: 1. Schmeckt super, 2. ist ultrasimpel, 3. geht schneller als viele andere Rezepte mit Ei und Milch. Da ich ja rausgefunden habe, dass es Menschen misstrauisch macht, wenn man Lebensmittel “vegan” nennt (es könnte ja sein, dass die Wortwahl doch einen verkappten Weltverbesserer entlarvt), kann man zu veganem Backwerk alternativ “besonders einfache und schnelle selbstgemachte Kuchen” sagen. (“Einfach und schnell” macht die Mitmenschen nämlich nicht misstrauisch.)

“Ich habe leider kein Foto für dich” – der beste Kuchen der Welt

Es gibt kein Foto von dem genialen veganen Walnusskuchen, der in ungelogen 25 Minuten zubereitet (ja: 25 Minuten für Vorbereitung UND Backen!) und superlecker ist. Ehrlich gesagt ist der Kuchen auch gar nicht sonderlich fotogen geworden – frei nach Fernsehkoch Horst Lichter: “Ich kann nicht hübsch, ich kann nur lecker.” Hier das Rezept:

Schneller und einfacher Walnusskuchen, milch- und eifrei

300 Gramm Mehl, 3 bis 4 Hände voll grob gehackter Walnüsse (nicht zu klein machen, die geben dem Kuchen den Biss), 250 Milliliter Sojamilch, 200 Gramm braunen Zucker, 150 Milliliter Rapsöl und je 1 Päckchen Vanillezucker und Backpulver verrühren. Auf Backpapier (für ein kleines Backblech) verstreichen, bei 200 °C 20 Minuten lang in den Ofen. Nach Belieben mit Glasur (falls es vegan bleiben soll, auf die Inhaltsstoffe achten!) oder Puderzucker aufhübschen. Ehrlich, das war’s schon. Mögen alle (außer diejenigen mit Nussallergie)!

“Ist so eine Woche voller Verzicht nicht schrecklich?”

Ich habe die Experimentierwoche überhaupt nicht als Verzicht empfunden, sondern als Erweiterung meines Nahrungsspektrums. Mal angenommen, ich fahre jedes Jahr in den Urlaub nach Italien, aber in einem Sommer probiere ich mal Griechenland aus – hätte ich dann in Griechenland das Gefühl, auf Italien zu “verzichten”? Ich fand’s toll, mit unbekannten Rezepten mal neuen Boden zu betreten.

Und das war’s jetzt mit der veganen Küche?

Na ja, wo ich grad so schön im Schwung bin: Bislang habe ich noch nicht wieder Fleisch gegessen (Käse aber schon) und am Wochenende hab ich einen veganen arabischen Linseneintopf gekocht. Die Jungs im Büro wissen es noch gar nicht, aber die Chancen, heute Mittag was davon abzubekommen, stehen ziemlich gut für sie. Ich hab jedenfalls das Gefühl, dass es noch zu viel auszuprobieren gibt, als dass mir die fünf Werktage schon gereicht hätten.

Wann startet das nächste Kochexperiment und was machen wir? Ich wäre wieder dabei!