Über mein erstes Deutschkurs-Erlebnis wollte ich eigentlich direkt nach meiner Rückkehr nach Hause schreiben – und es ging nicht. Ich war so voll mit Eindrücken, dass sie mich sprachlos gemacht haben. So voll, dass ich dringend Zeit benötigte, um einen Schritt zurückzutreten von all den vielen Gefühlen und Gedanken. Und vielleicht ist das sogar die stärkste Erkenntnis nach diesem ersten Tag:

Ich muss durchatmen und erst mal zurücktreten. Ein bisschen Distanz gewinnen.

Dass es wahrscheinlich ganz anders werden würde, als ich mir vorher ausgemalt hatte, hatte ich mir sogar ausgemalt – aber dann war es ein ganz anderes “Anders”, als ich hätte vermuten können.

Die Nachricht vom neuen Kurs hatte noch gar nicht wirklich die Runde im Heim gemacht, das hatte mir mein Ansprechpartner bei meiner Ankunft schon sachte beigebracht – um mich nicht am ersten Tag mit einem Ansturm zu überfordern, so deutete er an. Deshalb schien aber kaum jemand überhaupt von diesem Angebot erfahren zu haben. Bis wir gemeinsam den umfunktionierten Raum betraten – der eigentlich als Begrüßungszimmer für Neuankömmlinge dient -, hatten wir beide keinen blassen Schimmer, ob überhaupt jemand da sein würde.

Anwesend waren: zwei kleine Jungs. Den kleineren schätze ich auf 7 oder 8, den größeren auf höchstens 10. Zwei Kinder, sonst niemand: Damit hatte ich nicht gerechnet. Und war auch nicht wirklich kindgerecht vorbereitet.

Die beiden saßen da mit ihren großen, neugierigen Kinderaugen in diesen aufgeschlossenen, etwas schüchternen Kindergesichtern – und waren äußerst willig zu lernen. “Guten Tag”, haben wir als Erstes geübt. Das haben sie wunderbar hinbekommen. Ich wollte gerne die Tür auflassen, falls noch verspätete Interessenten kommen würden, mein kleinerer Schüler war entschlossen, sie zu schließen, weil es auf dem Flur sehr laut war und störende Geräusche ins Unterrichtszimmer drangen. Unser Kompromiss war, die Tür immer wieder zu öffnen und zu schließen, um auf diese Weise “auf” und “zu” zu üben – beim “zu” tat ich so, als würde ich meine Hand niesen, das fanden die beiden anscheinend ganz lustig und ahmten mich nach. “Guten Tag”, “auf”, “zu”, das bekamen wir ziemlich schnell hin, die beiden waren zum Niederknien pfiffig. Die Vorstellung der eigenen Identität gestaltete sich viel schwieriger, denn es gab jemanden, der beim “Ich heiße” versagte – und dieser Jemand war ich.

Während mein älterer Schüler einen Namen trug, dessen Klang mir vertraut war und den ich sofort wiederholen konnte, hatte mein kleiner Schüler einen Namen, an dessen Aussprache ich bis zum Schluss gescheitert bin. So sehr er sich bemühte, ihn mir vorzusprechen – ich konnte ihn einfach nicht zu seiner Zufriedenheit wiederholen. In seiner Verzweiflung, dass er es mit einer Schülerin zu tun hatte, die so schwer von Begriff war, schnappte er sich beherzt die Kreide und schritt zur Tafel:

Birjar

Tja …

Vielleicht kann mir ja jemand mit den entsprechenden Sprachkenntnissen verraten, wie dieser Name richtig ausgesprochen wird? Ich habe “Birjar” verstanden, aber anhand der dramatischen Gesten meines kleinen Gegenübers habe ich begriffen: So heißt er nicht.

Nach etwa 15 Minuten, die ausgereicht hatten für ein paar Wiederholungen von “Guten Tag”, “Ich heiße …”, “Wie heißt du?” und sehr vielen Wiederholungen von “auf” und “zu” (um sicher zu sein, dass die Kinder wirklich verstanden hatten, was wir da an der Tür lernen wollten, öffnete ich zur Sicherheit auch mal das Fenster, und klar, sie waren ja pfiffig, sie schafften  die Transferleistung sofort), bekamen wir Zuwachs von zwei erwachsenen Männer. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein Erwachsenen-Konzept gerade aufgeben wollen und wollte eigentlich beginnen, mit den beiden Kindern ein Spiel zu spielen, um an Spielfiguren Farben und Zahlen zu lernen. Dieser Cut – nun saßen zwei ziemlich kleine Kinder und zwei erwachsene Männer, die Englisch sprachen, vor mir – war nicht einfach. Immerhin: Die Männer konnten im Folgenden für die Kinder übersetzen, wenn ich sie darum bat.

Denn alle vier kamen aus Syrien – “Süüüüüürien, wie Tüüüüüüür.” “Sierien?” “Nein, Süüüürien.” “Siiiiirien.” “Süüüüüürien.” “Siiiiiirien?” “Süüüüürien.” “Süüüürien?” “Ja! Sehr gut!” “Ah: Sehr gut!” -, das hat die Gruppe dann doch wieder recht homogen gemacht. Für die Zukunft: Es wird wirklich sehr viel schwieriger, wenn die Gruppe keine gemeinsame Sprachbasis mehr haben sollte, das steht fest.

Unsere Gruppe ergänzte dann schließlich später noch ein weiterer kleiner Junge – Grundschulalter, auch etwa 8 Jahre alt. Kindercharme in Massen. Unfassbar, wie viel Neugier auf die Welt, wie viel Liebenswürdigkeit, wie viel Offenheit diese Kinder ausstrahlen. Kein Stören, keine Zappligkeit. Fast zu perfekt, um wahr zu sein.

Zwei Frauen steckten zwischendurch noch neugierig die Nasen durch die Tür. Ob sie teilnehmen möchten, fragte ich sie. Ganz überrascht die Antwort, dass sie gar nicht wussten, dass es diesen Kurs gibt, ob sie auch nächste Woche kommen dürften? Jetzt seien sie gerade “busy”. Klar können sie. Wenn sie dann noch immer auf ihren Transfer in der Erstaufnahmeeinrichtung warten, werden sie herzlich willkommen sein.

 

Was gut geklappt hat:

  • Meine Gruppe hätte nicht wissbegieriger, liebenswürdiger, sympathischer und eifriger sein können.
  • Keine Berührungsängste, was den Umgang mit lateinischen Buchstaben betraf: Die englischsprachigen Männer baten mich bei allen neuen deutschen Ausdrücken, dass ich sie für sie an die Tafel schreibe – und auch meine drei Mini-Schützlinge malten die Buchstaben eifrig ab. Ob sie schon vorher Kontakt mit lateinischer Schrift hatten, kann ich nicht einschätzen, ob sie lesen können, was sie da aufgeschrieben haben: Keine Ahnung. Aber sie waren mit so viel Feuereifer dabei, dass sie zumindest nicht gelangweilt wirkten.
  • Manche Phrasen ergaben sich einfach aus der Situation: So wie das “auf” und “zu” bei der ungelösten Türfrage (Lassen wir sie auf, machen wir sie zu?) auf der Hand lag. Ich stand zum Beispiel einmal ungünstig vor der Tafel, sodass meine Schüler die Schrift nicht lesen konnten. Mein strenger kleiner Lehrer, dessen Namen ich bis zum Schluss nicht aussprechen konnte, versuchte hilflos, mir klarzumachen, dass ich zur Seite treten müsse, damit er die Buchstaben weiter abmalen kann. Ich bat um “Entschuldigung” – und habe versucht zu erklären, dass “Entschuldigung” auch der Begriff ist, mit dem man jemanden darum bitten kann, vorbeigelassen zu werden.
  • Genau für diese Situation bat ich die Kinder, sich vor mich zu stellen. Mit dramatischen, übertrieben Gesten versuchte ich nun, mich an ihnen vorbeizuwinden, und sagte dabei “Entschuldigung” mit fragender Hebung meiner Stimme am Ende. Ich hatte den Eindruck, dass allen klar war, was ich ihnen verdeutlichen möchte. Ich spielte die Situation ein paar Mal vor, und irgendwann lösten sich die Fragezeichen in den Gesichtern auf.
  • Ziemlich sicher bin ich, dass mindestens “Guten Tag”, “Süüüüürien”, “Bitte”, “Danke”, “auf” und “zu” hängen geblieben sein könnten – wann immer ich diese Phrasen abfragte, konnten alle, einschließlich der Kinder, sie wachrufen. Auf die Frage “Wie heißt du?” bzw. “Wie heißen Sie?” wussten immerhin alle immer wieder sofort mit ihrem Namen zu reagieren – die Antwort “Ich heiße …” fiel jedoch allen bis zum Schluss schwer. Dass sie es am Folgetag noch sagen konnten, bezweifle ich. Ich habe aber die Hoffnung, dass sie immerhin die Frage verstehen würden, wenn sie an sie gerichtet wird.

Was noch besser werden muss:

  • Das Heim und ich sollten uns trauen, etwas offensiver über den Kurs zu informieren. Allerdings: Ich hatte schon bei meinen fünf Schützlingen das Gefühl, es sind genug Personen: Ich konnte grade noch immer wieder mit allen interagieren. Ich muss mir unbedingt ein anderes Vorgehen ausdenken, falls der Raum mal voll werden sollte.
  • Durch das Mini-Chaos, das durch die Nachzügler entstanden war, bin ich nicht mehr auf die naheliegende Idee gekommen, die Stuhlreihen aufzulösen und einen kleinen Stuhlkreis zu bilden. Das hätte nun wahrlich auf der Hand gelegen. So saßen die Erwachsenen in der zweiten, die Kinder in der ersten Reihe, und es gab keine schöne Gesprächssituation.
  • Die Idee mit dem kleinen Rollenspiel, bei dem ich die Kinder einbezogen habe, um “Vorbeigelassenwerden” zu demonstrieren, hat gut funktioniert.  Ich werde mir mehr solcher nachgestellter Situationen einfallen lassen, bei denen ich die Anwesenden einbeziehen kann.
  • Ich hasse es, an Tafeln zu schreiben: Es ist langsam und oft unleserlich. Große bunte Tonkartons sind die bessere Alternative, denke ich.
  • Mehr spielerische Elemente! Das könnte auch die Situation entspannen, wenn künftig mehr Menschen anwesend sind. Vielleicht fällt mir etwas mit Fangen, Werfen, Erraten .. ein. Es muss simple  Spiele mit wenigen Regeln geben, die man in einem Stuhlkreis spielen kann. Rechercheaufgabe bis zum nächsten Mal! Das ist vielleicht auch eine Methode, Kinder und Erwachsene gleichermaßen einzubeziehen, ohne dass die Kinder zu kurz kommen.
  • Ich brauche mehr Distanz. An diesem ersten Tag haben mich so viele Eindrücke bewegt, dass ich mich zeitweise geradezu gelähmt gefühlt habe. Das ist nicht produktiv und führt zu einer wehleidigen Abwärtsspirale. Da war zum Beispiel dieser Moment, in dem mir klar wurde: Wenn diese zauberhaften Kinder, die man so leicht ins Herz schließen kann, nicht hier wären – dann wären sie jetzt in Syrien. In Syrien, wo Bomben fallen und Fanatiker unbeteiligte Menschen abschlachten. Das war ein Augenblick, in dem ich fast aus der Rolle gefallen wäre. Und das hilft niemandem. Rührseligkeit hilft einfach nicht. Dann war da der Moment, in dem der Kurs schnell beendet werden musste, weil eine etwa 40-köpfige Gruppe Neuankömmlinge direkt aus dem Reisebus in unseren Unterrichtsraum – der ja eigentlich der Aufnahmeraum ist – gebracht wurde. Alle 40 Menschen liefen an mir vorbei – sahen müde aus, hatten sämtliche ihrer Habseligkeiten dabei, sahen orientierungslos aus, hatten ihre Babys teilweise in drei Decken gleichzeitig fest an den Körper gedrückt. Und alle sahen mich an, weil sie nicht wussten, wer ich bin, schauten mich furchtbar unsicher an, nickten mir unsicher zu … Und ich konnte nur verlegen lächeln, weil ich mich verlegen fühlte.  Aber Verlegenheit hilft so wenig wie Rührseligkeit, nämlich niemandem. Und dann war da der Moment, als ich nach dem Kurs meine erwachsenen Schüler vor der Tür des Gebäudes wiedertraf und die Geschichten der beiden erfuhr, die mich mitgenommen haben, aber die ich hier nicht erzählen möchte, weil es private Geschichten anderer Menschen sind. Geschichten, die nicht mir gehören. Nur eine kleine Erzählung möchte ich wiedergeben: Warum es ihm so wichtig sei, Deutsch zu lernen, erklärte der eine der beiden; er sei vor ein paar Tagen im Ort gewesen und wollte eine Frau auf Englisch nach dem Weg zur Bushaltestelle fragen, die Frau habe sofort ängstlich reagiert und abwehrend ihre Arme nach oben gerissen, ganz erschrocken habe sie gewirkt. Als er dann eines seiner deutschen Wörter benutzt habe, “Bahnhof”, da habe sie sich sofort beruhigt, habe ihn verstanden und ihm freundlich die Richtung gewiesen. Deshalb müsse er mehr Deutsch lernen, damit die Menschen keine Angst vor ihm haben, wenn er sie anspricht … In diesem Augenblick habe ich mich schuldig gefühlt. Weil ich doch nur so wenige, wenige Wörter für sein neues Vokabular habe, weil ich ihm gar nicht viel beibringen kann in der wenigen Zeit, die zur Verfügung steht. Und Schuldgefühle helfen nun mal auch keinem Menschen! (Außerdem sind sie albern, weil Asylsuchende ja einen Rechtsanspruch auf Sprachunterricht haben, der aber sinnvollerweise erst dann offiziell beginnt, wenn sie nicht mehr in der Übergangssituation eines Erstaufnahmeheims leben – das ist ja durchaus nachvollziehbar.)

Mein Fazit:

Es gibt noch viel Luft nach oben in allen Bereichen. Das Wichtigste ist aber erst mal: Mehr spielerische Elemente. Und mehr innere Distanz, die mir hilft, die lähmenden, sinnlosen und überhaupt nicht hilfreichen Emotionen loszulassen.

Nächste Woche geht es weiter. Ich habe immer noch Lampenfieber.