Ich werde in dieser Woche beginnen, in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende einen Deutschkurs zu geben. Es ist ein bisschen anmaßend von mir, das zu tun, weil ich keinerlei qualifizierende Ausbildung für einen solchen Kurs habe. Ich hab nur ein bisschen Charme, eine gute Portion Sprachverständnis, ein Quäntchen Selbstvertrauen und ein Paket Hilfsbereitschaft. Sonst nix.

Ich werde versuchen, in den nächsten Wochen aufzuzeichnen, was ich im Kurs für eigene Erfahrungen mache, welche Ideen funktionieren, welche Ideen grandios scheitern, was ich richtig mache, was ich falsch mache. Ich hoffe, dass ich jedes Mal ein bisschen besser darin werde, den Asylsuchenden ein wenig für ihre ersten Schritte auf deutschem Boden mitzugeben. (Denn das Wohnheim, in dem ich den Kurs gebe, ist ihre erste offizielle Station in Deutschland, ein Warteplatz, von dem aus sich entscheidet, wo sie die Entscheidung über ihre Zukunft abwarten müssen.)

Rahmenbedingungen

Eigentlich habe ich keinerlei Ahnung, wie die Rahmenbedingungen aussehen. Bis zu 30 Personen könnten teilnehmen (was für einen Einführungskurs in eine Fremdsprache natürlich enorm viel, eigentlich viel zu viel wäre): Es könnten Akademiker/-innen darunter sein, die schon Erfahrung im Lernen einer Fremdsprache haben, es könnten Analphabet/-innen sein, die weder Englisch noch Französisch sprechen, es könnte eine Mischung aus Menschen mit hohem und niedrigem Bildungsgrad zusammenkommen, es könnten lauter Kinder anwesend sein … Vielleicht werden nur 3 Personen vor mir sitzen, vielleicht 30. Vielleicht können manche schon ein paar Brocken Deutsch, vielleicht niemand. Ich weiß, dass ich eine Tafel zur Verfügung haben werde. Und ziemlich sicher bin ich, dass ich kaum jemals einen Schüler oder eine Schülerin ein zweites Mal zu Gesicht bekomme, dafür sind die Menschen zu kurz im Übergangswohnheim.

Rahmenbedingung ist, dass ich die Rahmenbedingungen nicht kenne. Und das Woche für Woche aufs Neue.

Ziele

Kein Kurs ohne Ziel. Aber wie definiert man ein Ziel, wenn man nicht weiß, mit welchen oder wie vielen Menschen und welchem Kenntnisstand man es zu tun haben wird?

Irgendwo muss ich aber anfangen. Und deshalb ist mein Ziel, dass meine Teilnehmer/-innen zumindest folgende Phrasen ein paar Mal nachgesprochen haben bzw. gehört und beantworten konnten (in der Hoffnung, dass sie sich einige davon auch merken werden):

Begrüßung: “Guten Tag.”

Vorstellung: “Mein Name ist …” / “Ich komme aus (Deutschland/Syrien/Nigeria …)” (Eine Weltkarte werde ich zum Zeigen bei mir haben.)

Einfache Antworten: “Ja.” “Nein.” (Auf die Nachfragen: “Heißen Sie …?” “Kommen Sie aus …?”)

Einfache Bewertung: “Gut!” (Ein “Schlecht!” dagegen werden meine Schützlinge nicht kennenlernen, es soll ja ein frustloses Erlebnis werden, da gibt es natürlich kein “Schlecht”. ;-))

Gegenstand überreichen/annehmen: “Bitte sehr.” / “Danke sehr.” (Ich habe in den vergangenen Tagen sehr erfolgreich Dutzende Kugelschreiber als Werbegeschenke von Unternehmen geschnorrt, die ich zu diesem Zweck verteilen kann.)

Verabschiedung: “Auf Wiedersehen.”

Improvisation

Wenn meine Gegenüber deutlich mehr Grundkenntnisse haben als angenommen und die geplanten Phrasen schon beherrschen, wird mir erst mal nichts anderes übrig bleiben, als mich auf ihre Wünsche einzulassen. Was sind ihre Alltagsbedürfnisse? Welche deutschen Ausdrücke benötigen sie? Wie kann ich sie unterstützen?

Sollte es eine gemischte Gruppe aus Personen mit Grundkenntnissen und gänzlich ohne deutschen (oder auch englischen und französischen) Wortschatz sein, hoffe ich, dass es mir gelingt, die Kundigen in meine kleinen Rollenspiele für die Unkundigen einzubeziehen. Begrüßung, Vorstellung, Danke und Bitte – das zu vermitteln gelingt vermutlich sogar noch besser, wenn ich jemanden an der Seite habe, der die Mini-Dialoge mit mir zusammen vorspricht. (An der Stelle kann es ganz prima werden oder mächtig in die Hose gehen. Das ist ja das Spannende am Improvisieren.)

Sorgen

Meine Sorge ist, Frusterlebnisse zu schaffen. Lernerfahrungen funktionieren nicht, wenn im Lernumfeld Frust entsteht – das behaupte ich ohne pädagogische Ausbildung, einfach aus eigener Frusterfahrung heraus.

Welche Schreckensszenarien mir zu denken geben:

  • Ich überfordere, wenn ich beim Vorsprechen der Phrasen erhoffe, dass meine Absicht, mein Gegenüber soll die Phrase anpassen und nachsprechen (“Wie ist Ihr Name?” – “Mein Name ist …”), verstanden wird. Was, wenn niemand versteht, was ich möchte?
  • Ich unterfordere, weil der Kenntnisstand meines Gegenübers höher ist als erhofft und seine Erwartung an die Lernziele entsprechend hoch (höher, als ich erfüllen kann).
  • Ich löse gegen meine Absicht Scham aus, wenn ich Stift und Papier anbiete und mein Gegenüber keine Schreib- und Leseerfahrung hat. (Sollte ich lieber auf Stift und Papier verzichten, um dieses Risiko nicht einzugehen? Das werde ich wohl spontan entscheiden müssen.)

Verworfen habe ich …

… eine Idee, die mir beim ersten Konzept noch sinnvoll erschien: Ich gehe davon aus, dass zumindest irgendjemand im Raum etwas Deutsch (unwahrscheinlich), etwas Englisch (ziemlich wahrscheinlich), etwas Französisch (vermutlich) spechen wird. Ich nahm zunächst an, es wäre eine gute Idee, nach einer ersten Abfrage der Sprachkenntnisse für meine spätere Orientierung “Abzeichen” nach Farbcode zu verteilen: Jemanden mit einem gelben Kärtchen vor sich auf dem Tisch kann ich im “Verständigungs-Notfall” auf Englisch ansprechen, jemanden mit blauem Kärtchen begrenzt auf Deutsch, jemanden mit weißem Kärtchen auf Französisch – oder so. Dann ist mir klargeworden, wie unangnehm und unangemessen “Kategorisierung” wirken könnte: wie eine Brandmarkung. Oder eine Auszeichnung – und jemand ohne Kenntnisse geht dabei leer aus und wird davon frustriert, noch ehe der eigentliche Spaß losgeht. Igitt! So arglos und pragmatisch die Idee gedacht war, sie ist mir zu heikel. Ich werde mir schon irgendwie merken, mit wem ich mich wie verständigen kann. Und falls es gelingt, von Anfang bis Ende (mit Händen und Füßen, wenn es sein muss) nur auf Deutsch zu verdeutlichen, was ich möchte: Umso besser!

Ich suche noch …

… den internationalen Code für Lachen. Ich hoffe auf eine lockere und eher spielerische Atmosphäre. Wenn es keine gemeinsame Sprache für Wortwitz gibt – was kann dann für Erheiterung sorgen? Slapstick? Ich habe nicht vor, clownesk zu stürzen, dafür fehlt mir das komödiantische Talent. Lustige Requistiten? Ich bin einfallslos. Mir fällt bislang weder ein Spiel noch ein Spaß ein, nichts, was ohne Sprache funktioniert.

Hoffnung

Mehr noch, als dass meine Schülerinnen und Schüler ein paar deutsche Brocken mitnehmen, erhoffe ich, dass ich ihnen eine Atmosphäre des Wohlfühlens schaffen kann:

  • Schön, dass du* da bist.
  • Hier sind Menschen, die dich* ernst nehmen.
  • Hier ist ein Angebot, dass dir* hoffentlich ein wenig hilft, dich im fremden Land ein bisschen besser zurechtzufinden.
  • Hab Spaß, fühl dich* bitte eine Stunde lang wohl!

*Ich werde im Kurs natürlich respektvoll siezen, nicht duzen. Herausfordernd wird es, wenn auch Kinder anwesend sind und ich den Unterschied zwischen “Du” und “Sie” verdeutlichen muss.

Meine Rolle …

… ist die einer Schülerin, die von einer unbekannten Zahl von Lehrerinnen und Lehrer darin unterwiesen wird, wie das eigentlich geht, was sie sich vorgenommen hat. Ich hüpfe ins kalte Wasser und hoffe auf mildes Urteil und nachsichtige Behandlung derjenigen, die mich in den kommenden Wochen lehren werden, wie es besser geht. ;-)