In der letzten Woche hab ich gegen meine ursprünglichen Pläne nicht über den Deutschkurs für Geflüchtete berichtet. Denn wieder einmal: Es kam alles anders als geplant. Es gab nicht viel zu berichten außer: Was geplant war, hat nicht funktioniert. Die Zeit ging für die Umsetzung eines Plan B drauf. Das war wichtiger als zu bloggen. (Da mittlerweile noch ein dritter Termin stattfand und man aus einer dreifachen Wiederholung wohl eine Regel ableiten kann, möchte ich behaupten: Dass es nie wird, wie die Vorstellung im Vorfeld glauben lässt, ist scheinbar die Normalität bei diesem Deutschkurs-Projekt.)

Hätte, hätte, Fahrradkette …

Wenn denn beim zweiten Termin die Realität meinen Plänen gefolgt wäre (ist sie nicht), dann hätte ich versucht, mehr Interaktion in den Kurs zu bringen. Hätte aus den Kommentaren unter dem letzten Blogpost eine der Ideen abgewandelt und ein Spiel mit Bildern ausprobiert, bei dem alle abgebildeten Gegenstände einmal durchgesprochen worden wären und die Teilnehmer/-innen des Kurses danach die dazugehörigen Namen hätten wiedererkennen sollen. Aber:

Anders als beim Premierentermin war der zweite Kurs dank tatkräftiger Unterstützung hilfreicher Übersetzerinnen aus dem Netzwerk Texttreff dieses Mal in sechs Sprachen auf einem Aushang angekündigt. Und weil Menschen in einem fremden Land durchaus großes Interesse daran haben, ein paar Grundbegriffe der neuen Sprache zu lernen, war der Andrang gigantisch. Vorsichtige Schätzungen gehen von 100 Personen aus, die im Raum standen, ich glaube eher an 120: Alle Altersstufen. Das totale Chaos. Was macht man dann? Schickt man 100 Menschen aus dem Raum und lässt 20 Personen mitmachen? Wie wählt man aus? Was für eine Art Willkommensgeste ist es, wenn man die meisten Interessierten abweist?

Ein großes Glück war es, dass genau in dieser letzten Woche mein Freund Markus Möller beschlossen hatte, mich mal zum Kurs zu begleiten. (Und übrigens nach dem Kurs beschlossen hat, fest ins Projekt einzusteigen. Vier Schultern, zwei Köpfe, vier Augen, zwei Münder – das macht alles soooo viel einfacher!)

Irgendwie haben wir uns durch den Chaos-Abend gemogelt, haben über den Geräuschpegel hinweg Bilder gezeigt und laut Vokabeln gerufen. Die ganz ehrgeizigen Lernwilligen (und davon gibt es sehr viele) kamen nach unserer wilden Stunde zu uns uns baten noch mal um einzelne Vokabeln und Phrasen, Aussprachehilfen und Informationen. Bei wenigen Anwesenden waren wir so wenigstens hinterher sicher, dass wir ein paar Inhalte übermitteln könnten. Aber alles in allem war klar: So ein Chaos bringt niemandem etwas.

Arabisch Handy

Ein syrischer Teilnehmer hat am Chaos-Abend in sein Handy deutsche Vokabeln, arabische Übersetzung und arabische lautmalerische Transkription geschrieben. Ich durfte es fotografieren!

Wie sollten wir Kleingruppen organisieren, trotz Sprachbarriere und vor allem: Bei mangelnden Ressourcen? 120 Menschen in 10er-Gruppen aufteilen, in denen sich wirklich gemeinsam arbeiten lässt? Für zwei Personen an einem Abend in der Woche: undenkbar. Auswahl treffen: nein, auf keinen Fall. Der ganze Mini-Sprachkurs ist ja vor allem als Aufmerksamkeit den neuen Nachbarinnen und Nachbarn im Übergangswohnheim gegenüber gedacht; Selektion ist da undenkbar.

Eine Idee wird geboren: Das #Heimkino

Wenn das Interesse groß ist und die Ressourcen klein sind – dann kann es keinen klassischen Sprachunterricht geben, das war absolut klar. Will man niemanden abweisen, ist Interaktion (Sprachspiele, Dialoge) nicht möglich. Was ist die Alternative? Markus und ich überlegten herum, wie wir eine Art “Edutainment” (also eine Mischung aus Education – Unterricht – und Entertainment – Unterhaltung) konzipieren könnten. Jonglage, Feuerspucken, Gesangseinlagen – dazu fehlen uns die entsprechenden Talente. Unterhaltsamer Vortrag: Sprachbarriere. Aber wie wäre es mit einem Film, den man einer großen Gruppe gleichzeitig zeigen könnte? Einem lehrreichen Film (der aber auch irgendwie nett anzuschauen sein sollte), den man unterbrechen kann, um Phrasen mit der Gruppe im Chor nachzusprechen (vielleicht nicht die tollste didaktische Methode, aber wenigstens ein Anfang)? Ein Film, der Alltagssituationen zeigt und die dazugehörigen Alltagssätze vermittelt?

Kino im Heim – ein Heimkino!

Aber woher sollten wir den idealen Film bekommen? Gibt es so etwas schon? “Sesamstraße” auf YouTube suchen? HALLO?? Sesamstraße für Erwachsene? Pffft! Unser Ziel war immer: Respektvoll sein, Willkommenskultur gestalten, gute Gefühle bei allen Beteiligten erzeugen. Mit Kinderkram würden wir uns nicht wohlfühlen – und die erwachsenen Menschen vor uns vermutlich auch nicht.

Ehrlich gesagt haben wir uns mit der Recherche nach sinnvollem Filmmaterial gar nicht lange aufgehalten. Hatten sich den August über nicht jede Menge Menschen für die gute Sache weltweit freiwillig Eiswasser über den Kopf geschüttet (#IceBucketChallenge) und sich dabei gefilmt, weil neben der Spendenaktion für ALS eine Videoaktion mit kleinen Mitteln auch einfach Spaß macht? Könnten wir das nicht irgendwie für uns nutzen? Nutzen, dass wir viele hilfsbereite Menschen kennen, die uns Videoschnipsel schicken könnten (ganz simpel gemacht, mit der Smartphone-Kamera oder der Webcam) und wesentliche Phrasen für uns einsprechen: “Guten Tag”, “Ich heiße …”, “Bitte”, “Danke” die Zahlen von 1 bis 10 und eine Verabschiedung?

Die Idee entstand letzten Donnerstag, wir brauchten einen Film-Prototypen bis zum darauffolgenden Dienstag: Das war nicht ganz ohne. Wir haben viel Filmmaterial bekommen (ich glaube, ich habe knapp 100 Videodateien gezählt), die mussten erst mal übermittelt werden (selbst kleine Handy-Videos sind schnell zu groß für E-Mail-Übermittlung), gesichtet und sortiert werden – und Rührung, die musste andauernd bekämpft werden! Mit Liebe waren alle Videos gemacht, und aus allen sprach ein unglaublich herzliches “Willkommen”  für die Gäste, die erst seit Kurzem in Deutschland sind und noch im Übergangsheim leben. (Ich hab ja schon im letzten Beitrag festgestellt, dass Rührung nicht grad dabei hilft, effektiv zu sein. Also hieß es ständig: Gefühlsduselei runterschlucken, weiterarbeiten!)

Weil wir in unserer Bitte um Videoschnipsel wenig Vorgaben gemacht haben, konnten wir schließlich nicht alle Beiträge gebrauchen – manche zeigten Vokabeln für Lebensmittel, für Farben, für Tiere … Das wäre ein bisschen zu viel des Guten an Vokabular geworden. (Wie viele arabischen Vokabeln könnten wir in einer Stunde lernen? Eben!) Manches ist uns in der kopflosen Hauruck-Aktion auch einfach verloren gegangen. In einer sonntäglichen, ziemlich konzeptlosen 6-Stunden-Schneidesitzung (DANKE noch mal an Herrn Funk, den YouTube-Physiker, der Lichtgeschwindigkeit in Mikrowellen messen kann) haben wir einen knapp 9-minütigen Film zusammengekloppt. (Um hinterher zu merken, dass wir Beiträge hatten, die auch noch perfekt hineingepasst hätten. Dickes Sorry an diejenigen, die uns mit Liebe und Mühe Material geschickt haben, das es nicht in den Film geschafft hat!)

Um einen Film tat es uns sehr, sehr leid, der einen Hund zeigte, der netterweise seine Pfote so bewegte, dass es wie Winken aussah, und der sein Maul bewegte, während eine Stimme aus dem Off ihn “synchronisierte”. Von zwei Seiten gab es die Vermutung, dass vermenschlichte Tiere bei Menschen muslimischen Glaubens nicht gut ankommen würden. Aus Zeitnot sind wir dem Hinweis nicht nachgegangen, wollten aber kein Risiko eingehen und haben deshalb verzichtet.

Herausgekommen ist ein Film, in dem die Menschen unter anderem “Guten Tag”, aber vor allem vielfach auch “Willkommen” sagen:

 

Uraufführung: #Heimkino stellt sich seiner Zielgruppe vor

Ich weiß nicht, ob ich schon einmal erwähnt hatte, dass letztlich gern alles anders kommt als erwartet … Und das auch am Tag unserer Uraufführung:

Mit einer imposanten Ausrüstung – Laptop, Leinwand, Beamer, Boxen mit Subwoofer, einem halben Dutzend Decken, falls wieder viele Menschen kommen und wir den Fußboden zum Sitzplatz umfunktionieren müssen, vorsorglich gleich 180 Handouts*, Verlängerungskabeln und mehrere Taschen mit Kleinkram – rücken wir an. Um zu erfahren, dass unser Ansprechpartner im Heim nicht vor Ort ist und im allgemeinen Gewusel niemand weiß, was er mit uns anfangen soll. Es dauert gut 45 Minuten, bis sich geklärt hat, dass wir unser Programm durchziehen können.

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*Handouts: Zu sehen darauf: Alle Lernsequenzen des Films in einem Bild visualisiert und daneben der deutsche Ausdruck.

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Zu diesem Zeitpunkt warten unsere Schülerinnen und Schüler nicht mehr auf uns vor dem Unterrichtsraum. Deutsche Pünktlichkeit sieht ja nun wahrlich auch anders aus. Wir sind kurz davor, unsere Uraufführung – etwas frustriert – auf die kommende Woche zu verschieben, da treffen wir auf dem Außengelände die ersten bekannten Gesichter wieder. (Witzigerweise kann man auch ohne gemeinsame Sprache die Botschaft “Wir waren um 18 Uhr vor Ort, aber ihr wart nicht da, wir dachten schon, heute fällt es aus!” übermitteln.) Ein paar andere neugierige Gesichter sehen uns an, und wir machen mit Händen und Füßen klar, dass wir zusammen ein bisschen Deutsch lernen könnten, falls Interesse besteht. Unsere ganze Ausrüstung aufzubauen, scheint uns jetzt zu spät zu sein – aber wir haben ja die vielen Decken dabei; der Nachmittag ist trocken gewesen, ein bisschen Abendsonne scheint vom Himmel: Wir schlagen vor, uns gemeinsam auf den Rasen des Außengeländes zu setzen und ein bisschen Konversation zu treiben!

Die Idee wirkt mit unserer kleinen, vor allem aus aufgeweckten, offenen Frauen bestehenden Gruppe ziemlich gut. Aber eine Picknickdecken-Atmosphäre haben wir nur wenige Minuten lang. Schon stehen wieder mehrere Dutzend Menschen um uns herum, die wissen möchten, was wir dort machen. Also entsteht im Handumdrehen wieder Lautstärke und Chaos.

Aber auch ein Entschluss: Jetzt lohnt es sich doch noch, das #Heimkino uraufzuführen. Im Deckenkreis mit gut 50 oder 60 Umstehenden turne ich mit tatkräftiger Unterstützung eines syrischen Bekannten (er hatte uns schon in der Vorwoche wunderbar unterstützt und für uns gegen alle Lautstärke ins Arabische übersetzt; das abgebildete Handy-Display gehört ihm) “Guten Tag”, “Ich heiße …” “Bitte schön” und “Danke schön” vor, während Markus das Film-Equipment aufbaut. Weil die Menschen viel näher bei mir stehen als in dem großen Raum in der Vorwoche, hält sich das Chaos sogar in Grenzen. Bestimmt hören nicht alle, was wir da vorsprechen, aber wenigstens die Sitzenden und die, die besonders nahe bei uns stehen. Meine 180 Handouts verschwinden tatsächlich komplett – nicht, weil so viele Menschen anwesend sind, sondern weil meine Aufforderung, einen Stapel Papiere zu nehmen und rumzugeben, bis alle Anwesenden genau ein Exemplar haben, nicht verstanden wird. (Allerdings haben wir später Menschen gesehen, die mutmaßlich nicht zur chaotischen Lerngruppe gehört hatten, und sich mit unseren Zetteln Vokabeln einzuprägen versuchten – möglicherweise haben die Materialien sich ja doch ganz gut unter der Bewohnerschaft verteilt!)

Ganz happy bin ich aber, als Markus nach 20 Minuten wieder auftaucht und sagt, unser Vorführraum sei nun bereit. Gegen Stimmengewirr anzuschreien, macht wenig Spaß, und für die, die aufmerksam zuhören wollen, tut es mir einfach viel zu leid, wenn es keine ruhige Lernatmosphäre gibt. Also geht es nun mit allen (oder zumindest denen, die verstanden haben, dass der Kurs nicht vorbei ist, sondern nur ein Ortswechsel ansteht) in den Unterrichtsraum.

#Heimkino: Was gut geklappt hat

  • Man darf auch mal die Technik loben: Die Lautsprecher haben gute Dienste geleistet! Die Sätze waren so gut zu hören, wie wir es mit unseren Stimmen ohne Verstärkung nie geschafft hätten! Bild war klar und auf der Leinwand groß genug zu sehen. Bingo, die Idee war grundsätzlich gut!
  • Die Sequenzen (wir haben den Film nicht als Ganzes gezeigt, sondern haben nach jeder Lerneinheit unterbrochen und im Chor wiederholt) waren inhaltlich gut geeignet. “Ich habe Durst” vor “Bitte” und Danke” dürfte die meisten mehr verwirrt haben als ihnen weiterzuhelfen, aber das dürfte nicht gravierend gewesen sein.
  • Wir sind recht sicher, dass der Film als Gemeinschafts-”Willkommens”-Projekt auch so verstanden wurde: Auf Englisch haben wir es selbst erklärt, unser syrischer Bekannter hat es dann für die Gruppe auf Arabisch übersetzt. Natürlich werden Menschen anwesend gewesen sein, die weder Englisch noch Arabisch können, aber ich hoffe, der Film sprach für diejenigen auch für sich selbst!
  • Leider muss ich zugestehen: Gut war, dass der anwesende Mitarbeiter der Heimleitung, der uns dieses Mal unterstützend zur Seite stand, entschieden hat, die Kinden nicht mit in den Unterrichtsraum zu lassen. Zwar war gut ein Dutzend Kids mit Feuereifer noch auf der Wiese dabei, als wir die simplen Sätze übten, aber für die Lernatmosphäre im Raum war es besser, dass die Kleinsten nicht dabei waren. (Zur Beruhigung: Für die Kids gibt es tagsüber Kinderprogramm in einer extra eingerichteten Kinderstube – inklusive Sprachenlernen. Die Erwachsenen haben weniger Angebote, deshalb konnten wir mit dieser kleinen Ungerechtigkeit letztlich doch leben. Bloß: Wir hätten es nicht übers Herz gebracht, diese Separierung auch selbst durchzusetzen … Das wird in der Zukunft ein echtes Problem, fürchte ich. Große, enttäuschte Kinderaugen, die wissen, es gibt jetzt einen Film, aber sie dürften nicht dabei sein – ich halte so was nicht gut aus!)

Unsere Lernerfahrung für die Zukunft

  • Wir würden das Gemeinschaftsprojekt #Heimkino gerne fortsetzen – mit einer Version 2.0. Ist “Ich bin ein Mann”/”Ich bin eine Frau” wirklich ein wichtigerer Inhalt als “Wo ist der Bus?”/”Wo ist der Arzt?” Der Aufruf zum Schnipsel-Schicken war sehr spontan, nicht alle Vorschläge (von uns gemacht) waren didaktisch durchdacht, nicht alle Anregungen, die wir durch die Einsendungen aufgegriffen haben (“Gute Nacht”), sind überlebensnotwendig … Mit mehr Vorlauf und denselben (oder mehr) engagierten, tollen Menschen werden wir vielleicht einen Film zustande bringen, der nicht nur uns rührt, sondern auch den Sprachlernenden inhaltlich mehr bringt. ;-)
  • Wir sind mittlerweile mehrfach gebeten worden, das deutsche ABC beizubringen. Der Wunsch scheint dringend, gerade von Menschen, die zwar lesen können, aber nicht mit dem lateinischen Schriftsystem vertraut sind … Wir rätseln gerade herum, wie wir den Wunsch didaktisch sinnvoll erfüllen können.
  • Die Pausen zwischen den Filmsequenzen müssen wir irgendwie mit noch mehr Interaktion füllen. Die Leute gieren wirklich danach, die Phrasen auch zu üben. Da stoßen wir leider wieder an unsere Ressourcengrenzen …
  • Unsere gigantische Ausrüstung können wir nicht jedes Mal mitnehmen. Wir müssen irgendwie minimieren. Dafür strengen wir unseren Kopf aber erst nach dem nächsten Mal an. Wir haben echt Energie investiert vor dem letzten Dienstag, sowohl gedanklich als auch zeitlich – ein paar Probleme müssen halt erst mal Probleme bleiben, ehe wir sie lösen können.

Fazit: Es läuft alles irgendwie halbrund. Keine Routine. Aber ein guter Ansatz, der funktionieren kann. Und: Die Erfahrung, wie viele Menschen sich in kurzer Zeit mobilisieren lassen, wenn es um eine Geste der Solidarität und der Hilfsbereitschaft geht, ist schlicht überwältigend. Es gibt mehr gute Menschen als blöde (oder Markus und ich kennen halt nur tolle …).