Seit Markus und ich den Deutschkurs für Geflüchtete begonnen haben, ist uns beiden klar: Die vielen Eindrücke, Emotionen und Erfahrungen müssen nach Ende eines Dienstagabends irgendwo hin. Wir haben beide jedes Mal den Drang, über all das zu reden, weshalb wir immer noch ein paar Stunden zusammenbleiben und uns austauschen. Aber Schreiben hilft eben noch mehr, zu kanalisieren, was im Kopf Chaos macht, als “nur” zu reden. Diese Woche erzählt Markus hier von den Erlebnissen des vierten Deutschkurs-Tages. 

Ich heule ein bisschen, während ich seinen Text hier einstelle. Aber das ist okay. Wir sind ja keine Roboter. Und wollen es auch gar nicht sein.

I’m a blessed man

von Markus Möller

Transferstopp! Niemand verlässt das Übergangsheim für Asylbewerber zu seinem Bestimmungsort, an dem er letztlich auch nichts anderes machen kann, als auf das Ergebnis seines Asylverfahrens zu warten. Der Stillstand im Transfer sorgt dafür, dass die Nerven der Bewohner an diesem Ort, der nicht einmal im Entferntesten an eine Jugendherberge erinnert, blank liegen. Auch für unseren Deutschkurs stellt die Situation Julia und mich vor neue Herausforderungen. Nie haben wir einen Gedanken an weiterführenden Lektionen verschwendet. Nun finden wir „Dauergäste“ für mehrere Wochen vor.

Vielleicht ist es aber genau diese Vertrautheit und die aufkommende Routine, die dazu führt, dass die heutige Unterrichtseinheit die wohl bisher beste werden sollte. Langsam schaffen wir es, aus dem #Heimkino-Film, bei dem uns viele Freunde so wundervoll unterstützen, und unserem Improvisationsvermögen so etwas wie ein didaktisches Konzept zu entwickeln.

Letztlich sind es dann aber nicht die guten Lernerfolge, die diesen Abend im Asylbewerberheim unvergessen machen.

Kritik

Nachdem wir den Unterricht nach knapp einer Stunde beenden, um wenige Minuten später für Interessierte noch das deutsche Alphabet dranzuhängen, muss ich den Raum verlassen, um nicht komplett im Schweiß zu zerfließen. Der Raum ist wie immer überhitzt und stickig. Das Erste, das mir auffällt, als ich über das Außengelände schlendere, ist, wie seltsam heimisch ich mich mittlerweile an dem Ort fühle, an dem ich niemals heimisch sein möchte. Gerade im Vergleich zu meinem ersten Besuch vor einigen Wochen, bei dem ich mich von der Presse hab mit reinschmuggeln lassen, wirkt alles merkwürdig vertraut.

Kinder winken, Bewohner grüßen. Einige kennen meinen Namen. Ihren kenne ich nicht. Ein junger Mann fragt, unter Zuhilfename des einzigen gemeinsamen Wortschatzes „Doktor“, ob ich Arzt sei. Ich verneine und er schafft es, mir sprachlos zu versichern, dass mit ihm aber alles in Ordnung sei. Er habe lediglich eine Frage zur bevorstehenden Impfung.

Ich gehe im Gewusel weiter, vorbei an der Kantine Richtung Verwaltung. Es gehört wohl zu dieser neuen Vertrautheit, dass ich den Gebäuden mittlerweile ihre Funktion zuordnen kann.

In der Ferne entdecke ich einen Mann, der mir bekannt vorkommt. Er half mir vor zwei Wochen, als wir uns ein wenig hilflos mehr als 100 Lernwilligen gegenüber sahen und dabei keine besonders gute Figur machten, als Übersetzer. Die Angabe „ca. 30-jähriger Iraker“ wird nutzlos, wenn man weiß, dass ich im Erraten des Herkunftslandes ähnlich schlecht bin wie beim Schätzen des Alters. Er ist groß und dünn, wirkt dabei aber bei weitem nicht so schlaksig, wie ich es war, als ich selbst noch diese beiden Eigenschaften vereinte. Sein Auftreten wirkt kompetent, besonnen und respektvoll willensstark. Das halbe Dutzend Männer, das er im Schlepptau mit sich führt, als wir uns einander nähern, lassen ihn wie eine Art Dorfältesten erscheinen, obgleich sein Alter etwas anderes sagt.

„Marhaba“ grüße ich und hoffe, dass meine grauenvolle Aussprache meinen Gruß nicht zu einem Schimpfwort verkommen lässt. Er antwortet mit „Guten Tag“. Ist es vermessen, sich einzubilden, dass er das vielleicht von uns gelernt hat? In einem perfekten Englisch spricht er mich auf den Deutschkurs vor zwei Wochen an. Ich genieße das Gespräch. Warum genieße ich ein Gespräch, in dem jedes einzelne Wort mir sagt, was bei der Massenlernstunde schlecht gelaufen ist? Dass es viel zu viele Leute waren. Dass man so nicht lernen könne. Dass man mehrere Lehrer, mehrere Klassen braucht. Dass Kinder für Unruhe sorgen. In einem ruhigen Ton fordert er Dinge, ohne dabei fordernd zu wirken. Es ist wohl das Bild dieses Mannes, mit dem man den Wikipedia-Artikel zu „konstruktiver Kritik“ bebildern müsste.

Ich bedanke mich für sein Feedback. Und gebe ihm Recht. Er hat Recht. In jedem seiner Punkte. Ich sage auch, das „Teacher“ nicht unsere „Profession“ sei. Obwohl ich nie überschwängliche Dankbarkeit erwartet habe, ist es genau das, was mein „We are volunteers“ urplötzlich auslöst. Obgleich dies keine Entschuldigung für einen schlechten Unterricht ist, ist beiden Seiten mit einmal Mal klar, dass das Gespräch keine Fortsetzung benötigt, als das bekannte Gesicht an uns vorbei läuft, das ein wenig der heimliche Grund meines Ausflugs in das Getümmel auf dem Außengelände war.

Der 26-jährige Syrer, der in den letzten Wochen mit Eifer dabei war und uns beim Unterricht half, war diesmal nicht dabei. Ich bin froh, ihn zu sehen. Falscher Raum, falsche Zeit, Missverständnis. Auch ihm ist seine Freude anzusehen, uns doch noch im üblichen Chaos gefunden zu haben. Zusammen gehen wir zurück in den Unterrichtsraum. Das deutsche Alphabet wartet.

Markus, he’s a blessed man

Das Alphabet läuft überraschend gut. „A” vs. „Ä”, „E” vs. „I”, „B” vs. „P”. Während Julia die Buchstaben auf dem Laptop tippt, um sie auf die Leinwand zu projizieren, fühlt es sich so wunderbar respektvoll ulkig an, die Laute zu formen – und formen zu lassen.

Auch diesmal hilft uns unser neuer syrischer Freund, als wir am Ende mit Sack und Pack das Gelände verlassen, vorbei an Sicherheitspersonal, das nicht einmal versucht, beschäftigt auszusehen. Wir beschließen, zu dritt den Abend in der City ausklingen zu lassen.

Und so sind es schließlich die Geschichten und Fotos von einer Flucht, die so unbegreiflich erscheint, die an diesem Abend hängen bleiben. Raus aus Syrien. Weg aus dem Krieg. In den Libanon, mit dem Flugzeug nach Algerien, zu Fuß durch die Wüste, Libyen, mehrtägige Schiffsreise, Europa. Ich kann nur erahnen, was den jungen fröhlichen Burschen auf den Handy-Foto, das von früheren, von glücklichen Tagen erzählt, von dem Mann unterscheidet, der es mir zeigt.

Ich sehe die jüngere Schwester, deren Wunsch es ebenfalls ist, einem Krieg zu entkommen, dessen Sinn sich auch der eigenen Bevölkerung schon lange nicht mehr erschließt. 9.000 Euro sind es letztlich, die sie von dem Privileg abhalten, um ihr Leben rennen zu dürfen.

Ein Bild zeigt die Mutter, die vor dem Haus sitzt. Eine Bombe hat dafür gesorgt, dass die Grenzen zwischen Innen und Außen wie bei einem Puppenhaus verschwimmen. Nur ein hellgrauer Schutthaufen zeugt davon, dass dort einmal eine Außenwand gestanden haben muss. Es folgt ein Bild des Vaters, der mich an meinen eigenen Vater erinnert.

Ich selbst zücke mein Handy und zeige Aufnahmen von meiner Familie. Frau, Tochter – noch während ich nach einem Bild meines Sohnes suche, sagt der stets freundlich-fröhliche Syrer über mich zu Julia: „He’s a blessed man“.

Ich verstehe, als ich Bilder von Panzern sehe, die durch die Straßen rollen, dass ich nicht verstehen kann. Erst neulich hat seine Schwester ein Lebenszeichen gesendet. Das Internet hält beide, auch Tausende Kilometer voneinander entfernt, zusammen. Das neuste Bild aus der Heimat zeigt das Nachbarhaus. Nur unweit der eigenen Familie ist eine weitere Bombe eingeschlagen und hat einen Schutthaufen hinterlassen. Ich traue mich nicht zu fragen, ob der staubige Schutthaufen das einzige Opfer ist.

Ich bin mude*

Die Wände im Unterrichtsraum sind bedeckt von Bildern, Zeichnungen und in Worten gefassten Wünschen der Bewohner/-innen des Heims. Dies ist eines davon.

Die Wände im Unterrichtsraum sind bedeckt von Bildern, Zeichnungen und in Worten gefassten Wünschen der Bewohner/-innen des Heims. Dies ist eines davon.

Dienstagnacht ist der Schlaf unruhig. Daran habe ich mich gewöhnt. Zu vielfältig sind die Eindrücke, die die Besuche im Flüchtlings-Camp hinterlassen. Heute ist es 3:20 Uhr, als mein unruhiger Schlaf unterbrochen wird. „Ich bin mude“ höre ich noch den Deutschkurs im Chor sprechen. Ja, verdammt noch mal, ich bin müde! Schlafen kann ich trotzdem nicht.

Es sind die Bilder wie die des alten Kutters, auf dem ich Platz für 20 Menschen vermutete. 120 Leute waren es letztlich, die zusammengepfercht die mehrtägige Fahrt übers Meer wagten.

Ich fange an zu überlegen, ob ich 9.000 Euro für eine Flucht zusammenbekommen könnte. Bekomme ich 36.000 Euro für die komplette Familie zusammen? Und sind 9.000 Euro für syrische Verhältnisse nicht viel mehr als für uns?

Wie viel Kohle könnte ich für mein Überleben zusammenkratzen. Zwanzigtausend? Fünfzigtausend? Hunderttausend? Und wie schaffe ich es, dies so geheim zu tun, damit niemand erfährt, dass ich desertieren möchte? Das Auto könnte ich verkaufen. Es würde aber nicht viel bringen. Das Haus vielleicht. Das bräuchte ich ja nicht mehr. Wie viel bekommt man wohl für ein Haus in einem Kriegsgebiet? Wie viel, wenn es zerbombt ist?

Ich merke, dass meine Vorstellungskraft für solche Überlegungen nicht ausreicht. I’m a blessed man.

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*Anmerkung zu “mude”: Es sorgt von Woche zu Woche für viel Erheiterung aller Beteiligten, wenn die meist arabischsprachigen Schülerinnen und Schüler versuchen, die deutschen Umlaute “ä”, “ü” und “ö” auszusprechen. Für noch mehr Erheiterung sorgt es bei unseren Gegenübern nur noch, wenn Markus und ich versuchen, arabische Wörter zu sagen …