Krank! Der Deutschkurs musste in der vergangenen Woche ausfallen, weil Markus und ich auf einmal beide aus der Bahn geworfen waren: Bronchitis und eine Erkältung mit Erschöpfungszustand bedingen eine Zwangspause, und das ausgerechnet in der Zeit des Transferstopps. Die Leute im Heim hängen seit Wochen in ihrer Übergangssituation fest, da hätten wir eigentlich umso lieber wenigstens an diesem einen Abend in der Woche für etwas Abwechslung gesorgt. Schließlich hatten wir dank der vielen Einsendungen von Videoschnipseln der Menschen, die unserem Aufruf für den zweiten #Heimkino-Teil gefolgt waren, auch neues Lehrmaterial.

Aber: Nichts ging. Unserem syrischen Freund Kaddour, der uns die letzten Wochen so toll beim Aufbau und mit Dolmetscherdiensten geholfen hatte, konnten wir per WhatsApp wenigstens persönlich unser Bedauern aussprechen. Die Antwort lautete, wie wir es von dem freundlichen, fürsorglichen Mann schon gewohnt waren: Wir sollen auf uns aufpassen und erst mal gesund werden. Das haben wir beherzigt.

Vor zwei Tagen dann endlich – die Uraufführung des zweiten #Heimkino-Films:

Wieder hab ich ein schlechtes Gewissen, weil wir mehr Einsendungen bekommen haben, als wir schließlich brauchen konnten. In den Videoschnipseln liegt immer eine wunderschöne Geste des Willkommens, oft sind sie nur unter vielen Mühen überhaupt zu uns gelangt, weil irgendetwas bei der Übertragung erst mal nicht geklappt hatte. Und dann müssen wir sie aussortieren, weil die Technik spinnt oder weil ein paar verwirrende Sätze zu viel im Film enthalten sind (es ist so lieb gemeint, wenn unsere Unterstützer/-innen sich erst mal selbst vorstellen oder im Film weitere Gegenstände benennen, aber wir bringen ja Vokabeln auf unheimlich niedrigen Niveau bei – da sind ein paar Worte mehr oft schon zu viel …). Ich hasse den Gedanken, dass die Leute uns für undankbar oder leichtfertig halten, oder dass sie glauben, dass wir nicht zu schätzen wissen, mit wie viel  Herzblut sie dabei sind. Das stimmt nämlich nicht. Überhaupt nicht. In jedem Minivideo, das uns erreicht, steckt eine Botschaft (und die geht weit über “Das ist ein Apfel” hinaus): Solidarität, Hilfsbereitschaft, Willkommenskultur – mindestens. (Am Ende dieses Artikels wartet noch ein Dankeschön eines Teilnehmers des Kurses in einer Videobotschaft. Ist ja nicht so, als wären nur Markus und ich dankbar, oh nein. ;-) )

Das Konzept funktioniert

Das Schöne ist: Wir bekommen eine Routine. Wir merken, dass unser Konzept funktioniert. Wir können dank unserer technischen Ausrüstung einen großen Raum beschallen und Aufmerksamkeit auch dann herstellen, wenn viele Menschen anwesend sind. Vorgestern waren es etwa 60 Personen. (Es werden weniger. Vermutlich, weil diejenigen, die schon Grundkenntnisse in Deutsch haben, nicht mehr kommen – unsere Vokabeln sind ja wahrlich für Anfänger/-innen gedacht. Ebenso vermuten wir, dass wir im Chaos der ersten Male auch Frusterlebnisse geschaffen haben: Im lauten, überfüllten Raum, bevor wir das #Heimkino einführten, war an wirkliches Lernen ja überhaupt nicht zu denken. Um diejenigen, die wir damals “verloren” haben, tut es mir leid. Ich muss aber auch zugeben, dass schon ein Raum mit 60 Leuten Herausforderung genug ist – dass nicht mehr 120 Personen vor Ort sind, empfinde ich auch als Erleichterung.)

Die Systematik, unsere Filme “Lektion” für “Lektion” zu zeigen und danach im Chor nachsprechen zu lassen, klappt ziemlich gut. Leider haben wir natürlich keine Ahnung, wie viel Lernfortschritt es bei einzelnen Personen gibt. Wir hören immer nur, was der Chor als “Schwarmintelligenz” ruft. Wir können auch keine individuelle Aussprache korrigieren. (Gerade die arabischstämmigen Menschen haben wirklich größe Probleme mit den deutschen Umlauten. “Grün” wird “grun”, “Tschüss” wird “tschuss” – das ist nicht dramatisch, zur Verständigung reicht es, aber dass viele Anwesende großen Ehrgeiz haben, das wird oft deutlich. Ich würde ihnen sehr gerne helfen, ihrem eigenen Anspruch besser gerecht zu werden, indem ich mit Einzelnen übe und korrigiere. Und ich bedaure sehr, dass wir mal wieder an ein Kapazitätenproblem stoßen.)

Was ich auch als Erfolg verbuche: Durch unsere “Kino”-Atmosphäre ist es gar nicht mehr störend, wenn jemand den Raum vorzeitig verlässt (ob ihn das Programm nun langweilt, weil es ihn unterfordert oder die Art der “Darbietung” sowieso nichts für ihn ist, sei dahingestellt). Denn ja, wir fesseln nicht das komplette Publikum. Das ist aber okay, denn wir sind uns absolut bewusst, dass unser Programm nicht auf jedes Bedürfnis individuell zugeschnitten sein kann.

Auf Hilfe ist immer Verlass

Unsere Ausrüstung ist ja relativ wuchtig: Wir bringen jedes Mal eine Leinwand mit, einen Laptop, eine kleine Lautsprecher-Anlage mit gar nicht mal so kleinem Subwoofer, einen Beamer, Verlängerungskabel und Mehrfachstecker, eine große Tasche mit Decken (je nachdem, welcher Raum für uns als Unterrichtszimmer frei ist, gibt es nicht ausreichend Stühle – deshalb bringen wir immer ein halbes Dutzend Decken mit, damit die Leute nicht auf dem nackten Boden sitzen oder stehen müssen) und dann noch lauter Kleinkram. Noch nie mussten wir alles allein vom Auto über das Gelände tragen, immer wird uns schon hinter dem Tor Hilfe angeboten – oft von Gesichtern, die wir gar nicht kennen, die nicht wissen, wer wir sind, die einfach Leute sehen, die sich abschleppen, und hilfsbereit zur Seite stehen.

Dieses Mal hatten wir außerdem Hilfe von einem syrischen Bewohner, der zu Hause als Französischlehrer an einem Gymnasium gearbeitet hat und perfekt Englisch spricht. Er hilft uns nicht nur beim Aufbau, sondern später auch als Platzanweiser: Er sorgt dafür, dass die rund 20 Kids in allen Altersstufen beim Einlass nicht kopflos durch den Raum stürmen, sondern setzt jeden Jungen und jedes Mädchen auf einen ihm zugewiesenen Platz auf den Decken. Er strahlt so viel pädagogische Autorität aus, dass wir Laien echt mit offenem Mund danebenstehen und vom Profi nur lernen können.

Routine

Wir sind längst nicht mehr so aufgewühlt und voll mit Emotionen wie bei den ersten Malen. Wir haben natürlich auch weniger Lampenfieber, weil wir inzwischen wissen, dass wir unserem Programm vertrauen können. Mit den #Heimkino-Filmen und dem optionalen Extra-Programm im Anschluss, gemeinsam das Alphabet durchzusprechen, haben wir eine Basis, auf die wir uns nun einfach verlassen können. Dass wir immer weniger aufgewühlt sind, wenn wir an der Peripherie des Unterrichts mitbekommen, welche Schicksale und Geschichten die Menschen mit nach Deutschland gebracht haben und auch hier vor Ort erleben: Ist das schon “Abstumpfung”? Ich weiß zu schätzen, dass ich mittlerweile in der Nacht nach einem Sprachkurs wieder schlafen kann und nicht mehr stundenlang mit einem Gedankenkarussel im Kopf hilflos wachliege. Ein bisschen habe ich dennoch Angst vor dem Verlust meiner Empathie. Um ehrlich zu sein: Die Erleichterung, dass ich den Sprachkurs mittlerweile ganz gut in meine alltägliche Gefühlswelt integrieren kann, überwiegt zurzeit allerdings.

Oder ob sich das in den nächsten Wochen wieder ändert, weil nach dem Ende des Transferstopps wieder völlig neue Gesichter mit völlig neuen Geschichten vor uns sitzen werden?

Abschied

Von unserem Freund Kaddour haben wir uns am Dienstag verabschiedet – er ist zur nächsten Station seines Asylbewerberverfahrens in Deutschland aufgebrochen. Er lebt seit Mittwoch in einer Einrichtung in Bayern. Dienstag konnten wir gemeinsam noch in einer Pizzeria Abschied feiern. Kaddour sagt in diesem Film “Danke” an alle #Heimkino-Unterstützer/-innen. (Markus und ich durften im selben Zug etwas Arabisch von ihm lernen):

Kaddour, mögest du eine gute Reise haben und sich alle deine Wünsche erfüllen – für dich selbst und für deine Familie in Syrien! Wir werden dich und deinen Humor wirklich vermissen!

Ernüchterung

Ich habe mittlerweile Fotos unseres Freundes aus seiner neuen Unterkunft gesehen: Mehr Stockbetten, als auf ein Foto passen, dicht an dicht gestellt, sodass ein paar Dutzend Leute ohne Privatsphäre gemeinsam übernachten – in einer Einrichtung, die ich für ein großes Zelt halte. (Ich habe die Fotos ohne erklärenden Kommentar erhalten, aber wie ein Zimmer sieht es für mich nicht aus.)

Ich glaube, dass man die Qualität einer Gesellschaft daran erkennt, wie sie ihre Gäste behandelt. Ich glaube nicht, dass wir zurzeit mit der Qualität unserer Gesellschaft schon zufrieden sein dürfen.