Sie heißen Svenja, Jan-Hendrik oder Kim. Bei ihrer Vorstellung versichern sie mit Engelsgesicht, unheimlich engagiert und interessiert zu sein. Der Inbrunst ihrer Unschuldsminen glaubt man gern – bis sie ihre vier Wochen bis drei Monate gähnend im Unternehmen absitzen und jedes motivierende „Hast du noch eine Frage?“ mit einem schulterzuckenden „Weiß nicht“ beantworten. (Nicht so Sascha, der zeigt nach einer mehrstündigen Einführung prägnant-gezielte Wissbegierde: „Wie is‘n das hier eigentlich mit Zigarettenpausen?“)
Ein junges Mädchen steht im Eingangsbereich eines Unternehmens und trifft dort auf die zwei Geschäftsführer. Es hält ein Dokument hoch und rattert herunter, sie brauche eine Bestätigung für ihre Schule, dass sie im nächsten Monat hier ihr Praktikum beginnen würde. Die Bescheinigung wird unterschrieben, denn die Geschäftsführerin denkt sich, das werde die Schülerin wohl mit ihrem Partner abgemacht haben. Der Geschäftsführer seinerseits nimmt an, seine Partnerin kenne das Mädchen. Aber herrje: „Wer war denn das eben?“ – „Ja, weißt du das denn nicht?“ Hat die Kleine Chuzpe oder Naivität bewiesen? Die Welt hat jedenfalls eine neue Schülerpraktikantin.
Praktikanten: Es gibt die begabten. Es gibt die eher unauffälligen. Und es gibt Marvin. Er ist ein Student mit sonnigem Gemüt. Deshalb kostet es kaum Überwindung, ihn an einem Kundengespräch teilnehmen zu lassen. (Bei Kim war das anders; Kim bettete zu gern ihren Kopf auf die Tischplatte. Das sah nie sonnig aus.) Nachdem Marvin der Verhandlung eine Weile gelauscht hat, steht er auf, tritt hinter den Abteilungsleiter, legt ihm anerkennend eine Hand auf die Schulter und lässt ihn strahlend wissen: „Das haben Sie jetzt wirklich richtig gut gemacht!“ Lächelt den Kunden an und setzt sich wieder.
Kevin hospitiert in der Marketingabteilung eines Mittelständlers; um 16.30 Uhr hat er Büroschluss. Am ersten Tag aber fährt er den Rechner, an den er gesetzt worden ist, bereits um 16.10 Uhr herunter. Wieso er so früh schon den Ausschalter betätige, fragt man ihn – und er antwortet in großem Ernst: Das Anziehen der Jacke, nicht zu vergessen der Weg zum Ausgang dauere ja auch seine Zeit.
Leon wurde mal im Auto vergessen, eineinhalb Stunden lang. Das mache ihm nichts aus, sagte er danach, da sei es nicht langweiliger gewesen als sonst auch. Leon verbrachte daraufhin die meiste Zeit seines Praktikums auf dem Beifahrersitz des stehenden Dienstwagens. Carmen tut sich nicht allzu sehr hervor, aber eines, das kann sie gut: Sie verabschiedet Kunden. Unheimlich freundlich. Leider grundsätzlich fünf Minuten früher als ihr Chef; das mit dem Timing kriegt sie in den nächsten Wochen nicht mehr besser hin.
Ich hab auch mal ein Praktikum gemacht, im zarten Alter von 16 – Zeitungsredaktion. Wurde zu einem Termin geschickt, bat dort mit hochrotem Kopf um ein Telefon; versuchte, Seriosität zu heucheln: „Entschuldigen Sie mich bitte, muss ein wichtiges Gespräch mit dem Ressortleiter führen!“ Betete darum, dass niemand meinen telefonischen Hilferuf hören könnte: „Mein Gott, wo an dieser verfluchten Kamera ist denn bloß der Auslöser!?“ Sagen wir, wie es ist: Mit Praktikanten hat man selten weniger Arbeit, aber manchmal mehr Spaß!
Veröffentlicht im SÜDWESTFALEN MANAGER (Ausgabe Mai 2011) unter der Rubrik „Parallelwelten“.